Freitag, 2. Mai 2014

"Saga" im Osnabrücker Rosenhof - karierte Hemden, heiße Luft und Mephisto Sadler als Abendretter


Osnabrück (eb) - Da stehe ich also, Bierglas in der Hand, mitten in der Menge und warte auf "Saga", wie alle anderen hier im Osnabrücker Rosenhof. Die Vorgruppe, "Eyevory" aus Bremen, hat soeben mit ihrer ganz eigenen Mischung aus Prog-Rock-Pop-und-Querflötenspiel die Menge überzeugt (die lohnen sich wirklich und ich war vor allem deretwegen hierhergekommen – siehe auch mein Scheibenschießen und meine Passage aus "Werners Cocktail"). Es ist heiß, die Leute schwitzen, der Rosenhof ist ausverkauft und ich lasse die Blicke schweifen. Jungejunge, denke ich mir, mit meinen zarten 38 Jahren senke ich den Altersdurchschnitt nach unten. Und überhaupt, ein kariertes Hemd, schön Neil-Young-mäßig schlenkernd über dem Hosenbund getragen, scheint hier die vorherrschende Moderichtung zu sein. Wo Du auch hinguckst – kariert ist niemals weit. Irre.

Dann stürmt dieser glatzköpfige Charismatiker auf die Bühne

Dann also „Saga“ – da stürmt dieser glatzköpfige Charismatiker auf die Bühne, schlank, im schwarzen Hemd, und zieht mit seinen ebenso kontrollierten wie zackigen, fast tänzerischen und doch markant männlichen Bewegungen die Menge in den Bann. Michael Sadler, wie gut, dass der wieder dabei ist. Es ist das erste Mal für mich, dass ich die Band mit ihm, dem Originalsänger, erlebe, und der Unterschied ist, gelinde gesagt, gigantisch. Noch vor rund vier Jahren, mit dem Interimssänger Rob Moratti, hatte ich das Konzert als ganz anders erlebt als heute. Eher als müde und lahm – oder lag das an mir (und der Tatsache, dass ich nach 12-stündigem Redaktionsdienst am Samstag dorthin gekommen war)? Der Rosenhof war mir luftiger gefüllt vorgekommen, voller guter Durchgehstrecken und nicht so Schulter-an-Schulter-pickepackevoll wie jetzt. Diese Dichte, das ist überhaupt das Motto des Abends. Denn auch das, was die Band da oben liefert, ist durchaus dicht und packend. 

Sadler ist der Marionettenspieler, der steuert alle und alles

Wäre ich ein Theaterregisseur, auch nur einmal (noch so ein Lebenstraum von mir), Michael Sadler wäre meine erste Wahl für den Conferencier aus Cabaret. Oder den Mephisto im Faust. Dieses extrem kontrolliert Hochenergetische, die gezügelte Kraft, diese kleinen, fast herrischen Gesten, mit denen er wie ein Marionettenspieler die ganze Mannschaft da oben zu kontrollieren scheint, dann wieder die nach oben ausgestreckten Hände und der zurückgebogene Kopf, wie eine Beschwörung, das hat stets etwas gleichsam Mitreißendes wie Diabolisches. Das macht den Reiz aus. Naja, unter anderem. Denn wie sich Keyboarder Jim "Daryl" Gilmour mit vollem Oberkörpereinsatz auf und ab wippend über seine Tasten schwingt, dass die graue Mähne im Scheinwerferlicht flirrt, ist ebenfalls eindrucksvoll… Und, klar, nicht zu unterschätzen sind die musikalische Qualität des Gebotenen, die Gitarrensoli von Ex-"Ätsch-ich-war-auch-mal-Asia-Gitarrist" Ian Crichton oder das schon rasch am Anfang kommende Drumsolo vom neuen Mitglied Mike Thorne – alles hochkarätige Qualitätsmusiker, das macht Freude. Aber Sadler hat das gewisse Etwas, das Quentchen mehr. Auch wenn er gar nicht viel macht.

Der Mix macht's: große Hits, neue Platte - und Freejazz-Frickelkrams

Die Band liefert ein gekonnt gestricktes Programm mit den Hits, die alle haben wollen, aber auch guten neuen Sachen, die Lust machen auf die neue Platte - die folgt erst im Juni („das ist die schlechte Nachricht des Abends“, sagt Sadler in eindrucksvoll gutem Deutsch“) –, und natürlich mit Frickelkrams. Kein Sagakonzert, so scheint es, funktioniert ohne so einen freejazzigen Virtousenpart, der rasend schnell, durch die Tonarten und Rhythmen hüpfend, hochprofessionell gespielt und auf Dauer doch etwas anstrengend daherkommt. So auch heute. Naja, macht ja nix, es gibt bald wieder einen Hit und die Halle tobt. Sollen die da oben sich doch auch mal austoben dürfen, können tun sie es ja.

Dünne Luft, persönliche Reißleine - und ein Blick aufs eigene Hemd

Später am Abend, so gegen 22.45 Uhr, ist die Luft in der heißen Halle extrem dünn geworden und die Nacht droht immer kürzer zu werden (zumal das Baby daheim einen gegen fünf oder sechs ganz sicher aus dem Schlaf holen wird), da ziehe ich meine persönliche Reißleine und ziehe es vor, den sogleich abfahrenden Bus nach Hause an der Haltestelle um die Ecke zu nehmen. Während ich draußen auf meine Jacke warte, fällt mein Blick auf mein Hemd. Ach Du Scheiße. Das ist ja… kariert. Das wusste ich gar nicht mehr. Weia. Jetzt aber ab nach Hause. Du alter, alter Saga-Fan. 

(Konzert am Donnerstag, 1. 5., das Album "Saga City" ist für den 6. 6. angekündigt).

Keine Kommentare: