Sonntag, 11. Mai 2014

Stilvoll in die Sommerpause – warum die nächste Spielzeit von „Oper im Kino“ aus der Metropolitan Opera besonders aufregend wird (MET aus New York live in HD im Cinestar)




Osnabrück – Fünf Monate ohne die Live-Übertragungen aus der Metropolitan Opera in New York, das macht einen fast schon traurig. So sehr ist einem dieses herrliche Kino-Ereignis inzwischen ans Herz gewachsen. Zumal der gestrige Abschluss der aktuellen Übertragungs-Spielzeit – Gioachino Rossinis „La Cenerentola“ in schillernder Spiel- und Sangesfreude mit eindrucksvollem Ensemble – ein Genuss für sich gewesen ist.

"Aschenputtel?" - der Kartenverkäufer weiß nicht recht, was ich willl...


Die Oper im Unterhaltungskino bietet immer wieder charmante Erlebnisse der Marke „Clash Of Cultures“. So auch ein paar Tage vor der Auführung beim Kaufen der Karten. Rein ins Kino, mittags noch angenehm leer. „Ich hätte gerne Karten für das Aschenputtel am Samstag“, sage ich zu dem jungen und sehr freundlichen Kassierer mit dem Ziegenbärtchen und dem aufgeweckten Gesicht. „Ah….“, sagt der, „Samstag… ähm... ja, mal gucken…“, derweil seine Finger schon über die Tasten des Kassensystems huschen. Ob er wohl weiß, was ich meine? Ich bin mir nicht sicher. „Also: ,La Cenerentola‘“, schiebe ich sícherheitshalber hinterher. „Ah…“, sagt der freundliche junge Mann, derweil seine Augen über den Bildschirm gleiten… „Ähm: Also Rossini?“. „Genau, Rossini“, sage ich, ein wenig erleichtert. Und schmunzele über dieses nette Aufeinanderprallen von hehrem Opernenthusiastentum auf herzerfrischend hedonistisch-orientierten Unterhaltungsverkäufer.

Wieder mit dabei: Ein Osnabrücker Export-Sänger an der MET


Ab Oktober geht es also weiter. Gottseidank ist auch das Osnabrücker „Cinestar“ am Hauptbahnhof wieder mit dabei, wenn es in die nächste Spielzeit geht – die übrigens reich mit Höhepunkten gespickt ist. Apropos Osnabrück: Als theaterbegeisterter Bewohner dieser Stadt erfüllt es einen mit besonderem Stolz, dass der Bariton George Gagnidze wieder auf der Bühne der MET zu sehen sein wird (am Ende der Spielzeit im „Bajazzo“) – ja, der gehörte vor etwa zehn Jahren zum Ensemble des hiesigen Theaters am Domhof, hat hier im „Holländer“ und in der „Tosca“ brilliert und ist sozusagen ein kleines Stück Osnabrücker Export nach New York. Naja. Sowas in der Art. Zumindest begann er hier seine deutsche Sängerkarriere. Und: Einen Sänger live erlebt zu haben, der jetzt an der MET ist, macht das Leben eines Opernfans reicher. So.

Heute Wiesbaden, morgen New York – das ist keine Ausnahme


Wobei es ja gar nicht mal etwas so Besonderes ist, dass die an der MET beschäftigten Darsteller oder Regisseure hier in Deutschland auch an kleineren Häusern zu erleben sind, die nicht unbedingt Weltruhm atmen (was natürlich auch für das Osnabrücker Theater gilt, sorry, aber so ist es): So hat  der Regisseur Cesare Lievi, der Rossinis „La Cenerentola“ für die MET ebenso ironisch wie slapstickhaft in Szene setzte, fünf Opern für das Theater Wiesbaden inszeniert, zuletzt noch 2009 einen Verdi („Il Trovatore“ – aus eben diesem Jahr stammt übrigens auch die Aschenputtel-Inszenierung).

Wenn die New Yorker schimpfen, wird's für Europäer spannend


Und auch Regisseur Luc Bondy, dessen leider vielgescholtene, aber radikale „Tosca“ zu den visuellen und inszenatorischen Höhepunkten dieser auslaufenden Spielzeit gehörte, ist mehr in Europa zu sehen als in Amerika. Wenn auch, zugegebenermaßen, vor allem auf den Festspielbühnen und in den Hauptstädten. Ach ja, diese „Tosca“ -  die New Yorker hatten sie gehasst, ausgebuht, beschimpft, aber das lag natürlich auch an einer nicht sonderlich diplomatischen Ungeschicklichkeit der MET daselbst, die wohl parallel eine seit 20 Jahren gespielte Zefirelli-Tosca neben dem wesentlich modernen Luc-Bondy-Ansatz laufen ließ.

Ein Schlussbild, das unvergessen bleiben wird


Unser kleine Vierergruppe - die mit dieser Zeitgeschichte - jedenfalls war von der „Tosca“ rundum überzeugt, und das nicht nur, weil der Ex-Osnabrücker George Gagnidze darin einen besonders erbarmungslosen Scarpia darstellte. Nein, es war die Regie. Dieser sehr gekonnte Spagat zwischen einer recht klassischen Konventionsinszenierung einerseits und einigen politisch ambitionierten Regietheater-Einsprengseln andererseits war besonders spannend zu erleben. Der Folterkeller mit seinen Andeutungen von Blut und Schrecken neben dem roten Ledersofa gleichsam grausam wie konsequent, das Bild des vor Schwäche zitternden Bischofs, der am Ende des ersten Akts wie eine Spukgestalt in das auch personell gewaltig bestückte „Te Deum“ hineingeführt wird, während der mächtige Scarpia mit dem Volk wie in einer Les-Miserables-Kopie beinahe fahnenschwingend seinen Anspruch deutlich macht, hat sich ins Gehirn eingebrannt wie kaum ein Opernbild aus dieser Spielzeit. Grandios - und sogar eindrucksvoller als die über 50 Jahre Klassiker-Bohéme. Vielleicht muss man als leidgeprüfter deutscher Opernfan mit allerlei missglücktem Regietheater konfrontiert worden sein, um Luc Bondys Ansatz mehr schätzen zu wissen als die eher konservativen New Yorker (die aber immerhin auch einen Rigoletto im Las-Vegas-Casino zu akzeptieren bereit waren, hallo?).

Es bleibt spannend, und zwar vor allem 2014/2015


Werfen wir einen Blick auf das kommende Programm, bleibt es weiter spannend (übrigens genauso wie der weiterhin bestehende Aufeinanderprall der Interessen zwischen Hochkultur und Popkultur im Kino...). Ob Otto Schenks Meistersinger-Inszenierung (sicher auch eine der Long-Long-Run-Produktionen an der MET) die heikle Klippe rund um den welschen Dunst und Tand geschickt zu umschiffen weiß? Ob unser spezieller Freund, der nette Bühnenvorarbeiter, auch wieder von sich reden machen wird? Ob die moderne Oper „The Death Of Klinghoffer“ so aufregend wird wie uns der Trailer verspricht oder doch eher anstrengend? Ob Tschaikowskys „Iolanta“ sich am Ende zu Recht als selten gemachtes Stück erweisen wird (immerhin ist sie sicherheitshalber als Doppelpack-Oper eingeplant in Kombination mit „Herzog Blaubarts Burg“)? Wir werden es sehen. Hören. Erleben. Leider erst in fünf Monaten. Mit etwas Glück gibt es zwischendurch noch eine Bayreuth-Übertragung, aber angekündigt ist bisher noch nichts. Und ansonsten – vielleicht doch nochmal die DVDs mit dem „Ring des Nibelungen“ aus der MET angucken...? Mit der vielgescholtenen und doch so genialen Höllenmaschine als einzigem Bühnenbild? Immerhin haben die New Yorker darauf sehr gespalten reagiert. Scheint fast so, als sei das ein Qualitätsbeweis. Es bleibt spannend. Thank You, MET!

(Fotos: eigen/Achenbach).

Das Programm der Spielzeit 2014/2015 findet sich auf der Website des deutschen Veranstalters TMG (siehe auch unter diesem Link). 

Mini-Serie über die Oper im Kino: 







Keine Kommentare: