Montag, 29. September 2014

Worum es wirklich geht, wenn im Kino eine Live-Übertragung des Musicals „Billy Elliot“ aus London stattfindet – und warum das etwas über unsere mediale Zukunft sagt




Osnabrück - „Billy Elliot“ – nein, auf der persönlichen Liste der Must-See-Produktionen hatte dieses Musical bislang noch keinen Platz gefunden. Die Geschichte eines kleinen Jungen, der in englischen Arbeiterverhältnissen aufwächst, nach dem Willen seines Vaters das Boxen lernen soll, dann aber seine Liebe zum Ballett entdeckt und damit seine persönliche Heldenreise einläutet, gehört als Film zwar zu der Sorte oft gehörter „Hast-du-das-gesehen-das-ist-sooo-schööön“-Empfehlungen, doch reizte einen bislang weder das Sujet noch die Handlung. Aber klar, das ändert sich natürlich, wenn ein solches Musical als Live-Übertragung direkt aus dem Londoner Westend auf die Kinoleinwand vor der Haustür  projiziert wird, so wie gestern geschehen. Dann stehen Verfügbarkeit und Erlebnisfaktor im Vordergrund. Und die guten, alten konventionellen Medien zeigen noch einmal eindrucksvoll die Fülle ihrer Möglichkeiten und ihrer Macht.

Die Alten verbünden sich gegen die Neuen


Überspitzt gesagt könnte man auch sagen: Die alten Medien verbünden sich hier gegen die Flut der neuen Medien. Was „Billy Elliot“ im Kino uns bietet, können die On-Demand-Stream-Services wie Netflix und Co. nicht toppen. Diese TV-Sender moderner Güteklasse bieten den Vorteil, dass ich jederzeit, wann ich es will, genau das sehen kann, was ich gerne möchte. Das ist ohne Frage charmant und nutzenswert. Aber die Live-Qualität einer Fernsehübertragung hat demgegenüber einen unschlagbaren Erlebnisfaktor – alle gemeinsam gucken sich etwas an, an vielen Orten der Welt, sie teilen die Gefühle, das Staunen, das Mitfiebern. Ob es nun Fußball ist (nun ja, also, für viele andere) oder eben Kultur, gemeinsam erlebt ist das etwas Großartiges.  

Je größer, desto besser - die Kombination macht es aus


Kombiniert man diese Qualitäten mit der Eindringlichkeit eines Kino-Erlebnisses, also der riesigen Leinwand, dem fetten Klang und dem wohltuenden Ausgeblendetsein der da draußen stattfindenden realen Welt (was selbst der größte Fernseher nicht bieten kann, denn der steht immer noch in meinem Wohnzimmer), potenziert sich der Erfahrungs-Faktor für die Zuschauer. Dann wird etwas Großes daraus.

Das Siechtum der alten Welt – darum geht es in Billy Elliot


Alte Technik gegen neuen Technik – darum geht es auf einer zweiten Handlungsebene nun auch im Musical „Billy Elliot“. Und betrachtet man die Parallelitäten, die sich damit ergeben, ist es erstaunlich, dass die Wahl für das erste Live-Übertragungs-Musical in die Kinos dieser Welt ausgerechnet auf dieses Stück gefallen ist. Angesiedelt ist die Handlung im Norden Englands in den frühen 80er Jahren. Damals war über einer der stolzen alten Techniken aus der Vorzeit, dem Kohle-Bergbau, schon lange das Todesurteil gefällt. Aufgepäppelt mit Subventionen hielt man einen Dinosaurier künstlich am Leben, dessen Siechtum schon lange zuvor begonnen hatte. Das alles gipfelte im rund ein Jahr dauernden Bergarbeiter-Streik als der finalen Machtprobe zwischen Thatcher-Regierung und den Gewerkschaften – und eben jener Streik bildet die Handlungsgrundlage für die Geschichte des kleinen Jungen, der seine Liebe zum Ballett entdeckt, ausgerechnet mittendrin in der Machismo-Härte und stets vielbeschworenen Männerbund-Brüderlichkeit der Arbeiterwelt, für die das Ballett mit all seinem Gehabe natürlich eine gewaltige Provokation darstellt.

Eine Doppelhelix aus existenziellen Fragen


Es ist zunächst überraschend und unerwartet, welchen großen Raum der Arbeiterstreik und die Politik jener Jahre in dem Musical einnehmen. Doch gerade das macht den wahren Reiz des Stückes aus. Wie in einer Doppelhelix ist in „Billy Elliot“ parallel zur Handlung eine Reflektion über die Frage verschraubt, worauf sich als Mensch wirklich stolz sein lässt: Einstige lokale Größe und Patriotismus, starke Familienbünde oder die Fähigkeit, eben das aus sich machen zu können, was in einem steckt? Diese Meta-Ebene ist es, die das Musical extrem sehenswert macht – ebenso wie die lebensnah gezeichneten Charaktere, deren Ecken und Kanten immer nachvollziehbar sind, auch wenn es hier letztlich keinen wirklichen Helden gibt. Abgesehen vielleicht von Billy Elliot selbst, dessen Befreiung aus den Umklammerungen der Normen und Werte seiner Welt nicht ohne Narben vonstatten gehen kann (Am Rande sei noch schnell erwähnt, dass auch das Libretto von Lee Hall hervorragend gearbeitet ist, weil es so gekonnt zwischen Drama und Komödie hin- und herschalten kann, und dass die Musik von Elton John zumindest angenehm zweckdienlich, ja, hin und wieder sogar berührend geraten ist... - Einschub Ende.)

Es geht um die Frage, wer die Vorrangstellung hat


Nun sind weder Kino noch Fernsehen so stark dem Untergang geweiht wie die britische Kohle-Industrie seit den 1920er Jahren. Und doch tun sich beide Medien immer schwerer damit, im modernen Mix der digitalen Welten ihre Rolle zu finden – noch sind beide stark von der Motivation geprägt, ihre über Jahrzehnte gelebte Vorrangstellung behalten zu wollen. Was sie wiederum gut vergleichbar macht mit den stolzen Bergleuten der 80er Jahre, in deren Gefühle und Gehirne eine Welt ohne Minen und Bergwerke ebenso unvorstellbar ist wie für uns heute eine Welt ohne das klassische Fernsehen mit Uhrzeit-zu-Uhrzeit-Programm, dessen Existenzberechtigung moderne Projekte wie Netflix zu Recht in Frage stellen.

Eine Welle von Live-Ereignissen


In den USA hat diese Machtfrage bereits gewaltige Auswirkungen: Mit Live-Übertragungen von Broadway-Musicals als großes Fernsehereignis versucht das klassische Uhrzeiten-TV auch hier, sich in eine weiterhin gute Position zu bringen. Dass diese Welle nun auch nach Europa überschwappt und uns ein Live-Ereignis wie das „Billy Elliot“-Musical beschert, lässt – in Kombination mit dem Europa-Start von Netflix - darauf schließen, dass uns hierzulande noch spannende Zeiten bevorstehen. Und wie uns das Musical „Billy Elliot“ lehrt: Ein Dinosaurier, der künstlich am Leben gehalten werden muss, wird am Ende vermutlich untergehen. Worauf es wirklich ankommt, ist, sich auf seine ureigenen Fähigkeiten und Stärken zu besinnen und daraus zu machen, was in einem steckt. Das gilt für Menschen wie Medien. Wir werden sehen. Und hören. Und erleben.







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