Sonntag, 9. November 2014

Die neue Pink Floyd: Warum „The Endless River“ nicht alle Schmähungen verdient hat (und warum teils doch)





Osnabrück - Ein neues Album von Pink Floyd! Tatsache ist: Solange wir leben, wird es das nicht mehr geben, jedenfalls, solange nicht ein Wunder geschieht und sich Roger Waters und David Gilmour wieder aussöhnen, und, mal ehrlich, wie wahrscheinlich ist das….? Wir reden hier immerhin von Roger Waters…. So. Ein neues Album von Pink Floyd, das ist also ein Stück Weltgeschichte, so oder so, ganz egal, ob die Aufnahmen nun aus den 90er Jahren stammen oder nicht, und es ist großartig, das erleben zu dürfen. Seit Freitag ist es nun im Handel. Und seither tobt eine heftige Debatte, deren Erhitzungsgrad ebenso vorhersehbar war wie der Verkaufserfolg der Platte. Klare Sache. Denn es ist: Ein neues Album von Pink Floyd!

17 Instrumentals, 1 Song = ein Album zu Ehren von Rick Wright

Noch einmal rasch die Fakten: „The Endless River“ besteht aus 17 rein instrumentalen Nummern und aus nur einem einzigen Song. Die Aufnahmen entstanden schon 1993, als die Band im Studio war, um „The Division Bell“ aufzunehmen. Oder anders gesagt: „Endless River“ resultiert aus den Ideenskizzen, aus denen das damalige Album hervorging. Keyboarder Rick Wright ist 2008 gestorben, die Veröffentlichung des Albums geschieht nun zu seinen Ehren. Das ist gut so, denn die beiden weniger herrschsüchtigen Pole des Vehikels Pink Floyd, der Keyboarder Richard Wright und der Drummer Nick Mason, geraten in der immer aufs neue heißlaufenden Debatte rund um die Extreme Gilmour/Waters stets zu sehr in den Hintergrund.

Das Album ist mehr Pink Floyd als die „Division Bell“

Das Erstaunliche ist: Das Album ist mehr Pink Floyd als die „Division Bell“. Breite Klangteppiche, psychedelische Anflüge, der Mix aus Keyboardflächen und Gitarrenakzenten, das zugegebenermaßen schlicht geniale Spiel David Gilmours, das hat die Band schon immer ausgezeichnet. Zu den - zu Unrecht - unbekannteren Werken der Gruppe gehört der Filmsoundtrack „Obscured By Clouds“ – diesen Klängen kommt „Endless River“ fast am nächsten. Und das war noch zu den ganz alten Zeiten, nämlich 1972, und damals ein großer Erfolg, wenn man der offiziellen Bandgeschichte glauben darf. Kein Wunder, spätestens seit Antonionis kongenialer Explosionsmontage in „Zabriskie Point“ von 1966 weiß die Welt, wie gut die Pink-Floyd-Songs als Filmmusik taugen.

Keine exzessiven Tüfteleien - hier domininert Gemeinsamkeit

Was die beiden Platten vergleichbar macht? Der Soundtrack zum Film „La Vallé“ bot seinerzeit eine insgesamt eher funktionale Musik, die hier und da ein paar Klangmarken setzt und ein paar feingesponnene Rocksongs beinhaltet, aber keinen Wert auf experimentelle Ausbrüche legt. Man erzählt sich, „Obscured By Clouds“ sei das Lieblingsalbum vom Floyd-Drummer Nick Mason, weil die Band beim raschen Aufnehmen der Musik binnen weniger Tage eben einfach mal zusammengespielt habe – und sich nicht über exzessive Bastelarbeiten einzelner Mitglieder zerstritt. Nun, genauso klingt jetzt auch „Endless River“, wie ein Album des lockeren Zusammenspiels ohne Streitpunkte. Das mag man positiv werten oder negativ, wie man mag. Es kommt drauf an, was man erwartet.

Die innovative Phase von Pink Floyd endete in den 80ern Jahren

Tatsache ist: „The Endless River“ ist kein bahnbrechendes Album. Das kann es auch gar nicht sein. Erstens sind die Aufnahmen dafür zu alt, zweitens hatten Pink Floyd ihre innovativste Phase schon hinter sich, als Roger Waters die Band 1983 dazu brachte, sein nicht für „The Wall“ benutztes Material in Form eines Weltkriegs-Requiems aufzubereiten, das den Zusatz „Composed By Roger Waters, performed by Pink Floyd“ tragen musste („The Final Cut“). Drittens hat es natürlich einen Grund gehabt, dass die Aufnahmen über 20 Jahre lang ungenutzt in einem Archiv gelegen haben. Und wie bei allen Bands, in denen sich zwei radikale Gegenpole zerstritten, war es eben doch die Zusammenarbeit der beiden, die die maßgeblichen Charakteristika prägte (siehe z.B. Supertramp seit dem Ausstieg von Rodger Hodgson oder Deep Purple in ihrer Mk-II-Phase). Was Pink Floyd seither gemacht haben, sind David-Gilmour-Alben. Zweifelsohne eine hochqualitative Rockmusik mit einem Charisma, das seinesgleichen sucht. Aber eben nicht mehr so… wie früher.

Wer von einem Yoga-Album spricht, hat nicht ganz Unrecht

Das gilt also auch für „Endless River“. Die meisten Kritiker werfen dem Album vor, bedeutungslos zu sein. Oder zumindest ausdrucksarm. Nun, Tatsache ist zumindest: Legt man die heutigen Maßstäbe an die Platte an, hat sich diese Musik tatsächlich überholt. In den vergangenen 21 Jahren seit der „Divison Bell“ ist eine gewaltige Welle an Wellness-CDs in die Plattenläden geschwappt, die sich in ihren Kompositionsformen stets gerne bei den Elementen bedienen, die bei Pink Floyd damals etwas Neues und Radikales waren: Lange Klangflächen, reduziertes Tonangebot, spärliche Arrangements, sich über weite Zeiten aufbauende Steigerungen. Wenn also ein Kritiker heute über „Endless River“ schreibt, sie klinge wie die Musik für ein Yoga-Training, hat er damit gar nicht so Unrecht. 

Aber schlecht ist die Platte nicht – immerhin ist es Pink Floyd

Ein schlechtes Album ist „Endless River“ deswegen noch lange nicht. Denn wer die charakteristischen Trademarks dieser Band liebgewonnen hat, wird auch an dieser Platte seine Freude haben können.  Auch wenn es vielleicht nicht das Umwerfendste aller Werke im Floyd-Kanon ist. Es gilt, was Jürg Schumann auf den „BabyblauenSeiten“ schrieb: „So ist „The Endless River“ eine Reise durch vertrautes Terrain, eine Wohlfühloase für alle, die gern in Erinnerungen schwelgen“. Dem ist nichts hinzuzufügen. Außer, dass die Platte Lust drauf macht, sich seit langem mal wieder die „Obscured By Clouds“ anzuhören.

Und wie ist das jetzt mit dem ungeliebten Plattencover?

PS: Noch ein Wort zum gerne geschmähten Cover der Platte. Auch wenn der Spiegel-"Rant" gegen die „erlesene Scheußlichkeit“ ein herrlich zu lesendes Kleinod an brillant ausgekotztem Zynismus gewesen ist, so bleibt das Problem eben, dass Storm Thorgersen - der Haus-und-Hof-Designer von einer Menge an Pink-Floyd-Alben - bereits im April 2013 gestorben ist. Was der wohl an Artwork auf die Platte gezaubert hätte? * Seufz *.. Jetzt ziert die Platte also ein venezianisch anmutender Wolkensegler, der auch als Massenkunst im Ikea verkauft werden könnte – klar wäre da mehr drin gewesen. Doch bloß von wem?

Hörgenuss: 65 %.




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