Sonntag, 18. Januar 2015

Auch ein Abend ohne „Lustige Witwe“ kann ein netter Abend sein – als die MET aus New York einmal nicht stattfand und was wir alternativ getan haben


Lange Schlangen statt der Lustigen Witwe - von oben betrachtet, beim gemütlichen Schade-dann-halt-nicht-Bier, sogar ganz amüsant.  (Achenbach-Foto/eigen)


Osnabrück – Dass da was nicht stimmt, war sofort klar. Auf dem Programm stand die „Lustige Witwe“ in der Live-Übertragung aus der MET aus New York. Nach dem Sechs-Stunden-Marathon mit Wagners „Meitersingern“ Mitte Dezember also mal ein leichtvergnüglicher Abend in gut verdaulicher Länge (und ohne einen so problematischen Schluss, der einem jedes Mal am Ende die ganze Aufführung versaut – und die war so toll). Wir waren spät dran, aber genau rechtzeitig, um noch Getränke zu holen und den Platz einzunehmen, so dass wir um Punkt 19 Uhr dort gesessen hätten. Nur dass die Leute alle aus dem Kinosaal strömten. Uns entgegen. In die falsche Richtung. Huch, was'n'das, was'da'dennlos? Und dann die Auflösung: „Wir kriegen leider kein Live-Signal“, sagte der nette Kartenabreißer zu uns. Ergänzt um den wunderschönen Satz: „Das tut  mir leider leid“, der später zu unserem gepflegten Spruch des Abends wurde – und der sicherlich bereits von abertausenden Wiesos und Warumdenns (und womöglich Schlimmerem) der anderen Gäste geprägt war. Der arme Kerl hatte bestimmt schon schönere Arbeitsabende.

Mit einem Fläschchen Bier ins leere Kino – selber singen klappt auch nicht


Also keine „Lustige Witwe“. Eine kurze Twitter-Recherche ergab später, dass es wohl an der Technik in unserem Kino gelegen haben muss: Ein globales Problem mit der MET-Übertragung ist jedenfalls nicht feststellbar. In anderen deutschen Kinos sowie in Kinos in England ist die „Merry Widow“ gezeigt worden.  Naja, okay, schade ist es, aber das kann passieren. Es müssen sich eine Menge technischer Geräte miteinander verstehen und untereinander vertragen, es muss eine Menge an digitalem Gedöns funktionieren – und wer schon einmal einen neuen Router in Betrieb genommen hat oder ein neues Bauteil am Handy oder Laptop, der weiß, wie anfällig so etwas sein kann. In den vergangenen fast schon 40 Jahren meines Lebens habe ich gelernt, auf die positiven Seiten zu blicken. Aus Jux und aus Spaß haben wir uns dann mit einer Flasche Bier in den komplett menschenentleerten Kinosaal gesetzt und versucht, einfach selbst „Lippen schweigen…“ zu singen. Was daran scheiterte, dass keiner die fünfte Textzeile mehr wusste. Hat aber Spaß gemacht. Am Ende war es auch so… – ein schöner Abend.

Die These hätte geheißen: Eine Musical-Regisseurin ist die bessere Wahl


Nur dass es damit auch keinen neuen, sagen wir, „richtigen“ Artikel auf diesem Kulturblog gibt. Jedenfalls nicht so, wie ursprünglich vorgesehen. Im Hinterkopf hatte ich mir diesen ungefähren Aufbau zurechtgelegt: Ein paar Sätze darüber, dass die Witwe ja der erste ernstzunehmende Vorgänger von Welterfolgsmusicals wie „Cats“ und „Les Miz“ gewesen ist, weil sie 1907 ebenfalls rund um den Globus gezeigt wurde – als das erste weltweit gefeierte Exportmeisterstück der Musikgeschichte. Ein paar Zeilen über die Regisseurin Susan Stroman, die als anerkannte Musical-Expertin die (vermutlich?) richtigere Wahl für eine Operette gewesen sein könnte als ein erfahrener Nur-Oper-und-Schauspiel-Inszenator. Diese These wäre durch das Angucken zu überprüfen gewesen – und gerade deswegen ist es schon schade, dass die Übertragung nicht stattgefunden hat, denn Stroman hat vor allem im Bereich der klassischen Musicals wie „Crazy For You“ oder „Oklahoma!“ Inszenierungen geschaffen, die von Preisen nur so überhäuft worden sind.

Und noch eine These: Die Operette ist ein legitimer Musical-Vorgänger


Dann vielleicht ein paar allgemein betrachtende Zeilen, warum die Operette als ganz eigenständige Kunstform gesehen werden sollte – und warum man sie mit den vielen Sprech- und Schauspielpassagen in Kombination mit einem fast klassischen, aber dann doch nicht ganz der Oper zugehörigem Gesang als legitimen Vorgänger des Musicals sehen kann, aber nicht muss. Wenn es sich angeboten hätte, vielleicht noch ein kurzer Vergleich mit anderen großen Aufführungen dieses Werkes wie beispielsweise der sehr spannenden Hamburger Inszenierung von Harry Kupfer, in dem das Ganze in den UFA-Ruinen der Nachkriegswochen in 1945 stattfindet (was übrigens hervorragend funktioniert und, anders als es klingen mag, nicht zur Bedeutungsüberfrachtung oder Kaputtmodernisierung geführt hatte).

Jetzt bleibt noch die Hoffnung auf eine DVD-Veröffentlichung


So hätte es sein können. Stattdessen haben wir uns also ein Bier geholt, uns erst an die Empore gesetzt und die Blicke über die langen Schlangen schweifen lassen, die sich an den Kinokassen bildeten und in denen sich wenige junge Filmguckwollende mit den vielen älteren Menschen vermischten, die sich ihre Oper-im-Kino-klappt-nicht-Karten zurückerstatten ließen. Bevor wir dann den leeren Kinosaal inspizieren gingen. Zuvor hatten wir noch gewettet, wer wohl die Moderation des Abends und die Kommentierung der Background-Ereignisse übernimmt, da ja die wunderbare Renée Fleming selbst auf der Bühne stand (mein Tipp: „Walküre“ Deborah Voigt). Das werden wir nun wohl nie erfahren. Nun denn, die „Witwe“ in der Susan-Stroman-Inszenierung wird, so ist zu hoffen, vielleicht noch auf DVD veröffentlicht werden. Das wäre toll. Denn erstens gibt es bislang kaum eine überzeugende Witwe auf DVD und zweitens wäre diese Inszenierung es sicher wert. Könnte ich mir vorstellen. Aber das werden andere besser beurteilen können als ich. Heute also kein vollständiger Blogartikel. Tut mir leider leid. 



Keine Kommentare: