Samstag, 28. Februar 2015

Zu ambitioniert? Über „Der Schwarze Obelisk“ nach Erich Maria Remarque im Theater Osnabrück – denn was so lange nistet, muss noch Wort werden…



Die Plakate hängen überall in der Stadt - na klar: Ein Stück nach Erich Maria Remarque in seiner Heimat- und Schaffensstadt ist natürlich ein Publikumsmagnet.    (Achenbach-Handy-Foto)


Osnabrück - Es gibt Theaterabende, die bleiben lange im Gedächtnis. Länger als gedacht. Nisten sich hartnäckig dort ein und machen sich immer wieder bemerkbar. Die neue Bühnen-Adaption des „Schwarzen Obelisken“ von Erich-Maria Remarque im Osnabrücker Theater am Domhof ist so ein Abend, der ungewöhnlich lange nistet, sich immer wieder aufdrängt und zur Reibung einlädt. Und der zudem nach wie vor ganz heftig diskutiert wird in unserer Region. So sehr, dass das Theater schon mehrmals zusätzliche Diskussionsabende veranstaltet hat. So sehr, dass das Thema auch auf diesem Blog auftaucht. Denn, zugegeben, darüber schreiben wollte ich anfangs nicht.

Den Roman nicht gelesen zu haben, ist doof – aber es geht den meisten so


Aus einem guten Grund. Den Roman „Der Schwarze Obelisk“ habe ich nie gelesen. Noch nicht! Nicht in der Schule (wir lasen „Im Westen nichts Neues“, mehr nicht), nicht danach, nicht zur Vorbereitung des Theaterbesuchs (mit kleinem Kind zuhause auch gar nicht möglich), nie, bis jetzt – Asche über mein Haupt. Doch, siehe da: Eine Ausnahme bin ich damit offenbar nicht. Ganz im Gegenteil: Mit wem auch immer ich über den Theaterabend gesprochen habe, er oder sie hat alsbald eingestanden - mal ganz offen, mal ein wenig verschämt -  das Original nicht gelesen zu haben. Hah!

Respekt vor den Schülern von heute – wer hätte das gedacht?


So gesehen muss ich in doppelter Hochachtung meinen Hut vor den zahlreichen Schülern ziehen, die mit uns gemeinsam in der Vorstellung gesessen haben. Denn als unsere muntere Dreier-Abonnenten-Gruppe ins Foyer des Theaters Osnabrück trat, war das mit so vielen Schülern überflutet, dass man nur mit Müh und Not ein paar der „echten“ Theaterbesucher ausmachen konnte. Anfangs war das ein Schreck, weil es Schlimmes befürchten ließ. Von strunzknüppelbesoffenen Halbstarken bis mehr oder minder geflüsterten Stille-Post-Spielchen von links nach rechts die Sitzreihe entlang haben wir als treue Abonnenten in Schülervorstellungen schon alles erlebt, was zum Klischee gehört. Ach, und das mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Wir waren ja selbst nicht anders, damals, mit 16, 17, als uns das Theater viel zu angestaubt und uncool vorkam und wir gar nicht wussten, wohin mit dem allem, was aus dem Inneren so empordrängte.

Siehe da: Das Publikum murrt, doch sind es bloß die Älteren 


Doch diesmal war es anders. Mucksmäuschenstill, aufmerksam alles verfolgend, was auf der Bühne geschah, ja, sogar schweigender als der Rest der Theaterbesucher (der irgendwann zu murren begann), verfolgten alle Schüler diesen Theaterabend. So dass wir – ironisch gemeint! – am Ende der Vorstellung zu der Feststellung kamen: Die heutige Jugend ist auch nicht mehr das, was sie mal war. Reiner Selbstschutz, na klar. Denn das Peinigende ist ja: Diese ganzen Schülermassen haben mit Sicherheit den Roman gelesen. Vielleicht nicht aus Leidenschaft. Vielleicht nicht Seite für Seite. Vielleicht nicht jedes Wort. Aber: Immer noch mehr als ich. Mehr als wir. Mehr als die vielen anderen. Respekt! Also: Auf ins Auditorium...

Im Theaterstück - und auf dem Programmheft - ist eine Remarque-Figur als "Schatten" omnipräsent.  (Achenbach-Foto - analoges Leitz-/Leica-Makroobjektiv) 


Eine Explosion von Licht – jetzt bleibt die Hoffnung eingefroren


Schon der Start des Theaterabends ist – in wahrstem Wortsinn – ein Knaller: Die Türen zum Zuschauerraum bleiben noch lange offen, selbst als das Geschehen auf der Bühne schon langsam losgeht. Dann plötzlich werden alle Eingänge mit einem Ruck zugeworfen – genau in dem Moment, in dem in einer Eruption aus Licht eine fesselnde bunte Lampenkonstruktion über der Bühne gezündet wird. Das sieht aus wie Silvesterraketen, die im Moment der Farbenexplosion eingefroren wurden. Oder sind es doch Leuchtgranaten als Zeichen des Krieges? Die Bildsprache funktioniert: Eingefroren sind alle Hoffnungen auf ein gutes neues Jahr, auf eine gute Zukunft. Eingefroren ist die Zeit, die hier scheinbar stehengeblieben ist – weil sich die Handlung in jenem Zeitraum zwischen den Zeiten entfaltet, der hier wie ein Paralleluniversum anmutet, nämlich im Jahre 1923, in der wilden Phase zwischen dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg.

Auch wenn das alles in Osnabrück spielt, gibt es keine Tourismusbilder


Schon sind wir mittendrin in dieser Geschichte der beiden Kriegsheimkehrer Ludwig Bodmer und Georg Kroll, die sich mit einem Grabsteingeschäft und mit eigentlich wertlosen Essensmarken durch die Jahre der Hyperinflation durchzuschlagen versuchen. Die Handlung spielt im fikiven Wedenbrück, hinter dem sich das heimische Osnabrück als Geburts- und Wirkungsstadt Remarques versteckt. Glücklicherweise kommt die Inszenierung nicht im Tourismusmantel daher, indem sie einem die vertrauten Plätze der Stadt zeigt, sondern lässt das Geschehen an abstrahierten Bühnenorten stattfinden. Das ist gut so. Die moderne Inszenierung gäbe das auch gar nicht her. 

Die Lichtkonstruktion über der Bühne erinnert an Feuerwerkskörper, die im Augenblick der Explosion eingefroren bleiben - oder sind es Leuchtgranaten aus dem Krieg?  (Achenbach-Foto -  Fotostudie mit Leitz-/Leica-Makroobjektiv)

Zerrissenheit als Grundthema – es gibt ein paar Glanzszenen


So manches Mal als Groteske arg überzeichnet, so manches Mal bösartig subtil gearbeitet (die modernen Pegida-Andeutungen schleichen sich anfangs fast unbemerkt in die Inszenierung ein), gelingen dem Regisseur Marco Štorman und seinen sechs Darstellern hier und da ein paar Glanzszenen, die einen nicht loslassen. Das ist vor allem den Darstellern geschuldet. Es ist die von Patrick Berg eindrucksvoll gezeigte Figur des Ludwig Bodmer, die in ihrer Zerrissenheit deutlich wird. In einer Szene ganz besonders schmerzlich: Minutenlang sehen wir nichts als zwei entfernt voneinander auf dem Boden liegende Gestalten, einen Mann und eine Frau (Anne Hoffmann) – und wir erleben die wachsende Annäherung zwischen den beiden. Bis zur Grenze des Aushaltbaren zieht Regisseur Marco Štorman diese Szene und ihre knisternde erotische Spannung in die Länge.

Visionäre Fähigkeiten sind schlecht für die Seele – Helm auf!


Schlecht für die anfängliche Geliebte Ludwigs, die sich Stephanie nennt, obwohl nicht klar ist, ob sie das ist. Sie ist in einem gläsernen Kasten auf der Bühne eingesperrt. Als Weltentrückte, als Verrückte, aber auch als Seherin mit visionären Fähigkeiten. Aus dem Glashaus heraus kann sie als immer hellsichtiger werdende Kassandra das komplette Geschehen stets beobachten, aber nicht eingreifen. Da hilft auch nicht das verzweifelte Putzen der Fensterscheiben – den Dreck, der draußen geschieht, kann sie so nicht von sich streifen oder fernhalten. Und bleibt entrückt. Selbst im Weltraumanzug mit dicken Glashelm macht Darstellerin Stephanie Schadeweg die Ambivalenz ihrer Figur spürbar.

Wieviele Parallelen gibt es zwischen Damals und Heute wirklich?


Bis dahin ist es normales und gutes Theaterhandwerk, zwar in einem modernen Gewand, zwar arg verdichtet, aber durch gekonnte Bühnensymbolismen gut entschlüssel- und verstehbar, durch gute Darsteller und ein beeindruckendes Bühnenbild sogar hochspannend zu erleben. Dann aber beginnt die Politisierung (oder, wie andere Kritiker es formuliert haben, „das Gewurschtel“). So wie Remarque in seinem Werk die gefährlich brodelnde Gefühlssuppe der beginnenden NS-Zeit geschickt eingefangen zu haben scheint, sehen Regisseur Štorman und sein Team viele Parallelen zur heutigen Zeit (sprich: Euro-Banken-Dauerkrise statt Hyperinflation, Pegida-Demos statt beginnender Nationalsozialismus). Diese Lesart ist sicher nicht verkehrt und bietet einen spannenden Ansatz, der Lust aufs Diskutieren macht – im Ergebnis wirkt vieles dann doch zu herbeikonstruiert. Auf Brechen und auf Biegen mussten diese beiden vermeintlichen Keimwelten zusammengebracht werden. So, dass es manchmal auch knirscht...

Mancher Hinweis im Programmheft ist wertvoll, weil er dem Zuschauer eine Menge erläutert, was sonst nicht verständlich wird. (Achenbach-Foto -  Fotostudie mit analogem Leitz-/Leica-Makroobjektiv)


Achtung, Holzhammer: Wer hat Lust auf eine geile Demo?


„Wann habt ihr eigentlich das letzte Mal demonstriert – und wogegen?“, wird das verdutzte Publikum plötzlich vom Restaurant-Inhaber Eduard Knobloch (Stefan Haschke) gefragt. Auweia. Publikumsbeteiligung! Immer sehr unangenehm. Licht an. Leute, ihr müsst was sagen! Dann die Erlösung: Als vermeintliches „Mädel aus dem Publikum“ kommt eine junge Praktikantin auf die Bühne, die bald als „deutsche Ayse“ deklariert wird. Das dient als Überleitung dazu, die im Original stattfindende Demonstration der durch den Ersten Weltkrieg demoralisierten Menschen (Witwen, Waisen, Amputierte, Gebrochene, Verarmte) mit den Pegida-Demos in Leipzig gleichzusetzen und einige Videos einzuspielen, die das Schauspiel- und Regie-Team dort vor Ort aufgenommen hatte. Was mehrere Theaterbesucher zu der verwunderten Frage geführt hat: Spielt man mit dieser Gleichsetzung nicht den Pegida-Anhängern unbeabsichtigt in die Karten? Tja. Da wird viel gewollt.

Wer in den ersten Reihen sitzt, ist zum Mitmachen gezwungen


Vielleicht gar zu viel. Das muss beurteilen, wer den Roman tatsächlich gelesen hat... Denn eines muss über diesen Abend gesagt werden: er macht viel mit Dir. Aber das Original bringt er Dir nicht näher. Was den Remarque-Stoff angeht, gehst Du mit einer Menge Fragezeichen nach Hause. Das kann man positiv sehen: Eine gute Werbeveranstaltung, die Dich am Kragen packt und Dir sagt: Lies! Das! Ding! Das lohnt! Man kann es auch anders sehen. Als Frage formuliert: Wie nah am Original ist dieser Theaterabend – und wie weit hat er sich schon entfernt? Immerhin hören wir aufgebrachte 2015er-Demonstranten wirres Zeug reden, sehen fähnchenschwenkende erste Reihen im Parkett (kein guter Ort für alle Theatergäste, die auf „Audience Participation“ nun wirklich überhaupt keinen Bock haben). Also?

Im Vorbeigehen ein Kindermord an Zwillingen – war da was? 


Was dieser Abend aber tatsächlich macht: Er stimmt nachdenklich. Das immerhin schaffen Regisseur Marco Štorman und sein Bühnenbildner Dominik Steinmann. Eine „Versuchsanordnung über den Faschismus“ sollte es werden, so sagt es Regisseur im Programmheft. Ja, das passt. Auch, wenn manche Szene verpufft – der grausame Kindermord an seinen kleinen Zwillingen, den der Restaurantbesitzer Knobloch begeht, verkommt hier zu einer derart clownesken Groteske, dass er nicht zu berühren vermag –, auch, wenn manche Idee nicht ganz eindeutig wird (warum beispielsweise eine Anzug tragende Remarque-Gestalt immer mal wieder über die Bühne wandelt), so wird hier doch eine Grundstimmung transportiert, die so etwas wie Beklemmung mit sich bringt. Immerhin. Man habe zeigen wollen, dass der Faschismus in einer lässig lächelnden Grundhaltung in die Welt kommen kann – und mit bösartiger Geduld und einer Haltung von „Okay, in fünf Jahren sind wir halt wieder da“, wird der Regisseur im Programmheft zitiert. Und, ja, das muss man ihm lassen: Das kommt rüber. Umso bedauerlicher, dass dieser Theaterabend schließlich arg ausfasert und nicht zu einem überzeugenden Abschluss findet. 



Dass im Osnabrücker Schauspiel immer gesungen wird, ist diesmal Gift


Es gehört zu den manchmal lustigen, manchmal enervierenden Manierismen des Osnabrücker Schauspiels, in fast jeder Inszenierung einen Indierock-Song unterbringen zu müssen, den ein Darsteller auf der Bühne mit Gitarre singt. Das kann, wenn es gut gemacht ist, zu echten Glanzaugenblicken führen (unvergesslich: Kid Kopphausens „Hier bin ich“ als gutgelaunte Felix-Krull-Version) . Für den Obelisken ist das allerdings Gift. Gerade, als sich das Bühnengeschehen wieder verdichtet hat und die beklemmende Atmosphäre der Pegida-Demo-Videos einen noch umfangen hält, singt Patrick Berg irgendwas vom „Lonely Soldier Boy“ oder sowas ähnliches, keine Ahnung, und danach ist die Luft raus. Die beiden Hauptfiguren – eine steht nun im Publikum –  sprechen noch ein paar Sätze, die bedeutungsschwanger anmuten, aber im Nachhinein nicht mehr memorierbar sind. Dann ist Ende. Wie jetzt? Auf dem Weg nach Hause: Viele Fragezeichen im Kopf. 

Was übrigens den Roman angeht: Der steht mittlerweile im Bücherregal. Immerhin. 

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