Sonntag, 22. März 2015

Und so war das Musical „Jekyll & Hyde“ im Theater Osnabrück – Gute Einfälle, schlechte Einfälle, unblutiger Horror, teils gute Sänger, gemischte Eindrücke


Seit Mitte März 2015 läuft im Osnabrücker Theater das Musical "Jekyll & Hyde" von Frank Wildhorn und Leslie Bricusse. Geworben wird in der ganzen Stadt mit dem Motiv der zwei Köpfe.   ( Achenbach-Foto/eigen ) 


Osnabrück (eb) - Eines  muss man dem Regisseur Guillermo Amaya lassen: Das Schlussbild des Musicals „Jekyll & Hyde“ im Theater Osnabrück bleibt einem noch lange im Kopf. In einer in kaltem Licht ausgeleuchteten Kirche hat im dramatischen Finale der Tod Einzug gehalten. Die Geschichte vom Wissenschaftler Henry Jekyll, der in einem grässlich schieflaufenden Eigenexperiment zum brutalen Mörder Edward Hyde geworden ist, hat ihr Ende gefunden. Und vorne an den Bühnenrändern kniet das Londoner Volk und dreht sich ganz langsam, ganz gemächlich, zum Publikum um... Um es schließlich mit den Augen zu fixieren. Es geht hier um Euch, sagt diese Symbolik. Diesen Samen des Bösen tragt Ihr alle in Euch. Ein starkes Bild, weil es so reduziert daherkommt. Mit nur wenigen theatralischen Mitteln wird hier maximale Wirkung erzeugt. Weniger ist eben mehr. Es gibt einige andere Stellen in dieser Musicalinszenierung, in denen man Guillermo Amaya dieses Motto gerne noch einmal zugerufen hätte.

Immer, wenn es wackelt und rot leuchtet, kommt das Bööööseee 


Denn wie häufig der Regisseur die Verwandlung des Wissenschaftlers Henry Jekyll in sein gefährliches Alter Ego Edward Hyde durch stetig wackelnde Hintergrundbilder oder flackernd wechselnde Lichter zu verdeutlichen sucht, ist zuweilen echt nervig. Unnötig ist es dazu. Mit Jan Friedrich Eggers – der für die größte Überraschung des Abends sorgt – verfügt Amaya über einen hervorragenden Darsteller, der die Doppelrolle locker ausfüllen kann und diese Kunstgriffe in die Trickkiste nicht gebraucht hätte. Das Publikum hätte es auch so verstanden. Besonders schade ist, dass einer der erotisch-knisternden Höhepunkte des ganzen Musicals – das Duett „Ein gefährliches Spiel“, in dem sich die Prostituierte Lucy dem triebgesteuerten Bösen des Killers Hyde fast lustvoll hinzugeben scheint –, durch das Dauergewackel im Hintergrund komplett verpufft, weil die ewig zitternde Londoner Stadtkulisse störend vom Spiel der Darsteller ablenkt. Schade. Amaya kann es doch eigentlich besser, wie er uns immer wieder zeigt. So gelingt beispielsweise die Szene, in der eines der Opfer des Killers vor den Zug geschmissen wird, sehr eindrucksvoll – durch nur wenige Versatzstücke wie eine große Uhr und eine schrägstehende Erhöhung wird der Bahnhof angedeutet, den Rest machen Klangeffekte, Theaterdampf und die eigene Fantasie. Doch das allein macht den Reiz des Abends nicht aus. 

Es geht um das Gute im Menschen. Einerseits....    ( Achenbach-Foto/analoges Leica-Leitz-Makro-Objektiv)


Überraschung des Abends: Ein Opernsänger kann Popgesang!


Was diesen Musicalabend erlebenswert macht, ist dann auch weniger die Regie oder die teils doch recht spärliche Bühnenausstattung, die das Stück ganz klar in der viktorianischen Zeit verortet (und in der durch vereinzelte Deko-Elemente wie sich herabsinkende Säulen die Spielorte eher angedeutet werden) – es sind vielmehr die drei Hauptdarsteller. Der Jekyll-Darsteller Jan Friedrich Eggers ist ein eigentlich für den klassischen Gesang ausgebildeter Bariton aus dem Opernfach. Doch seine schauspielerischen Fähigkeiten sind ebenso beachtlich wie die Tatsache, dass Eggers trotz andersartiger Ausbildung problemlos in den für das Popressort benötigten Beltgesang umschalten kann. Eine echte Überraschung. Sein großer Solo-Auftritt „Dies ist die Stunde“ gerät dann auch zum umjubelten Showstopper. Nur in der Nummer „Welch‘ Gefühl so lebendig zu sein“ kommt er gegen das ihn von hinten plattdrückende Orchester nicht mehr an. Das Böse geht sozusagen schon vorzeitig unter.

Die Gast-Sängerin ist die Beste - sie lernte das Fach Musical


Mit der knapp 30 Jahre alten Musicaldarstellerin Dorothea Maria Müller hat sich das Theater Osnabrück für die Rolle der Prostituierten Lucy einen hervorragenden Gast ins Haus geholt. Für die noch recht frisch ausgebildete Darstellerin (absolvierte zuerst eine Ausbildung zur Versicherungskauffrau) ist es nach Stationen in Hamburg, Nürnberg und Bremerhaven die sechste Hauptrolle. Gelernt hat sie ihr Fach auf der Stage School in Hamburg – die gute Ausbildung dort macht sich positiv bemerkbar. Müller singt rein musicaltechnisch gesehen am besten, ihre Solonummer „Mein Leben“ ist der emotionale Höhepunkt des Abends. In dieser Szene darf die arme Lucy noch einmal richtig in der Hoffnung auf ein besseres Leben baden. Und die wird spürbar. Doch dann erscheint Edward Hyde... Überhaupt erreicht diese finale Sequenz im Nachtclub in all ihrer Dramatik eine überzeugende Dichte. Hier ist Jan Friedrich Eggers einmal ganz der charismatisch-bösartige Verführer, den reine Mordlust hergetrieben hat. Das verkörpert er erschreckend glaubhaft.

Das Ensemble wird durch Musicalstudenten verstärkt


Ansonsten setzt das Theater am Domhof zur einen Hälfte auf eigene Kräfte und zur anderen Hälfte auf die jungen Studenten der Hochschule Osnabrück, die im Institut für Musik eine Ausbildung zum Musicaldarsteller absolvieren. Eine Ausbildung also, die Tanzen, Singen und Schauspiel gleichermaßen behandelt. Es ist der geschlossene dritte Jahrgang, der hier auf der Bühne zu erleben ist, erkennbar anders ausgebildet als der teilweise mit ihm agierende Opernchor. Der große Einsatz der Studenten kommt immer in den Zwischenpassagen, in denen das Londoner Volk wie ein ewig mahnender griechischer Erzählerchor darüber sinniert, wieviele Menschen ihre Fassaden aufrechterhalten, obwohl sich dahinter allerhand Unvorteilhaftes versammelt. Die Shownummern kommen dank der Choreografie von Morris Perry energievoll und mit viel Bewegung bestückt daher. Natürlich dienen diese trotz aller Bewegung retardierenden Momente vor allem dazu, den nötigen Bühnenumbau mit Aktion und Musik zu füllen – vor allem in der Osnabrücker Inszenierung ist das so, denn wir sehen den ganzen Abend lang nur  einen einzigen flüssigen Umbau auf offener Bühne. Stattdessen senkt sich immer wieder der Projektionsvorhang, auf dem die Londoner Stadtkulisse abgebildet wird. Mal feststehend, mal wackelnd. Aber das hatten wir ja schon.

Große Chance für eine Studentin – eine Hauptdarstellerin fällt aus


Auch die Rolle der Lisa, also der Verlobten, die eigentlich von der als „Evita“ bekannt gewordenen Opernsängerin Susann Vent-Wunderlich hätte gespielt werden sollen, ist durch eine Studentin besetzt worden. Was mehr ein Zufall war. Erst kurz vor der Premiere wurde wegen einer Erkrankung der Darstellerin fieberhaft Ersatz gesucht – und in der jungen Hochschul-Studentin Joyce Diedrich gefunden. Was für eine Chance! Und wie gut sie das macht! Dafür, dass sie sich noch mitten in der Ausbildung befindet und nur in den Höhen der Gesangspartien noch ein wenig unsicher wirkt, fügt sich die angehende Musicaldarstellerin nahtlos ein in die Riege der Hauptdarsteller.

..... und das Böse im Menschen andererseits.   (Achenbach-Foto)


Dramatische Chorpassagen – und Balladen, Balladen, Balladen


Das Musical „Jekyll & Hyde“, das die beiden Popmusik-Spezialisten Frank Wildhorn und Leslie Bricusse in den 90er Jahren aus dem beliebten Roman von Robert Louis Stevenson schmiedeten, vereint eine sehr theatralische Musik inklusive dramatischer Chorpassagen mit poppigen Showstoppern und süffigen Balladen. Vielleicht sind es sogar ein paar Balladen zuviel. Selbst der mit uns mitgekommene und ganz unbefangene Kollege, der seinen Erstkontakt mit dem Musical und mit der Musik absolvierte, stöhnte am Ende über die vielen vom Schlagzeugeinsatz hochpeitschenden Pathos-Stellen in den doch recht gleichtönenden Popnummern der Show.

Das Orchester hinter der Bühne – den Dirigenten sieht offenbar keiner


Man muss dem Zweiten Kapellmeister An-Hoon Sung zugute halten, dass er das Beste aus dem auf der Hinterbühne – nicht im Orchestergraben! –  sitzenden 18-Mann-Orchester herausholt und in den gefühlvollen Passagen der Partitur mit schön langsamen Tempi zu schwelgen versteht. Dass sich Darsteller und Orchester desöfteren voneinander entfernen, ist der Tatsache geschuldet, dass sich das Theater einen den Dirigenten zeigenden Bildschirm im Zuschauerraum gespart zu haben scheint (jedenfalls war vom Parkett aus keiner sichtbar), so dass die Darsteller sich offenbar ohne Taktstocksichtung durch die Musik durcharbeiten müssen. Ein eindrucksvoller Klangeffekt sind die aus dem unsichtbaren Hintergrund eingestreuten Background-Chöre, die die besonders gruseligen Stellen betonen.  

(Kleine Korrektur - 5. 4. 2015: Wie die aktuelle Operninszenierung des "Wildschütz" dank auf der Bühne aufgestellter Spiegel deutlich zeigt, gibt es wenigstens einen standardmäßig über dem Parkett hängenden Dirigentenmonitor - bleibt die Frage, ob dieser beim Jekyll auch aktiviert ist und ob es zusätzliche Monitore gebraucht hätte, weil ja der direkte Orchestergraben-Sichtkontakt wegfällt...)

Unblutig und ohne Special Effects – hier geht's um Psychologie


„Kommen wir zum Kern der Sache“, sagt Edward Hyde, als er im Finale die Hochzeit aufmischt. In der Bremer Inszenierung hat er dabei prompt dem armen Teufel Simon Stride das rot triefende Herz aus der Brust gerissen und es durch die Kapelle geschleudert. In der Osnabrücker Fassung geht es dagegen eher unblutig zu. Hier werden die Opfer rasch erstochen oder lange erwürgt, jedoch setzt Regisseur Guillermo Amaya mehr auf psychologischen Schrecken als auf Special Effects. Damit rückt er den Grundkonflikt näher ran an die Menschen im Publikum - die er in seinem gelungenen Schlussbild ja sogar direkt anspricht. Das ist gut so. Unverständlich bleibt allerdings, warum Hauptdarsteller Eggers sich in der Rolle des bösen Edward Hyde die langen Haare jedes Mal so weit über das Gesicht ziehen muss, dass davon nichts mehr sichtbar bleibt. Wie gerne hätten wir einmal gesehen, wie sich seine noch recht jugendhafte Visage zu einer echten Fratze verzerrt. Was Eggers zweifelsohne hinbekommen hätte, so gut, wie er hier schauspielert. So aber wirkt er gelegentlich wie ein blinder Althippie auf Heroinüberdosis. Auch hier wäre weniger sicher mehr gewesen. Aber das sind Details. Das Publikum jedenfalls zeigte sich von dem Musicalabend äußerst angetan – gleich mit Beginn des Schlussapplauses sprangen die ersten von ihren Sitzen.

„Ich muss ins Wagnis rein“… - wo hinein bitte musst du jetzt? 


Bleibt am Ende nur noch eins zu sagen: Schon immer der größte Schwachpunkt an jeder in Deutschland gezeigten Jekyll-&-Hyde-Inszenierung ist die Übersetzung, die man damals für die Bremer Fasssung von der dort mitspielenden Darstellerin Susanne Dengler anfertigen ließ, vielleicht auch deswegen – das ist Spekulation! -, weil für einen anständigen Übersetzer schon das nötige Kleingeld fehlte. Dieser Fehler der Verantwortlichen rächt sich noch immer, auch wenn der in Bielefeld mitspielende Darsteller Eberhard Storz hier und da ein wenig nachzubessern versuchte. Der Text bleibt übel. Vor allem in der Anfangsszene des zweiten Aktes, dem großen Intro „Mörder, Mörder!“ fällt das störend auf. Belanglose Kinderreime wie „Wem wir die Schuld auch geben, er wird im Netze kleben“ oder „Er würde alle töten , wenn wir die Stirn nicht böten, da ist ein Fang vonnöten“ werden dem – zugegebenermaßen ebenfalls nicht brillanten – Originaltext nicht gerecht. Beispiele dieser Art finden sich viele, so unter anderem in der großen Solonummer des Protagonisten: „Angst darf nicht mehr sein, ich muss ins Wagnis rein“. „Ins Wagnis rein“??? Sorry, aber das ist allerhöchstens Alltagsgebrauchslyrik auf Kegelblubniveau. Hier wäre dem deutschen Verlag empfohlen, bei einem Profi wie Wolfgang Adenberg oder Michael Kunze endlich die nötige Neuübersetzung anzufordern. 


Jekyll & Hyde im Theater Osnabrück: Das Stück ist im November 2015 zum letzten Mal gezeigt worden, nachdem es zwei Spielzeiten lang auf dem Spielplan des Theaters gestanden hatte, 

Ebenfalls in diesem Blog: Anlässlich der Aufführung von "Jekyll & Hyde" in Osnabrück: Erinnerungen an die große deutsche Musicalkrise - und das Ende 

Ebenfalls in diesem Blog: Wildes Pathos, krasse Bilder - so war die "Vanda" am Theater Osnabrück







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