Samstag, 11. April 2015

Der Lebensweg des Peter Grunwaldts – Warum ein Bank-Controller zum Priester werden wollte. Die Geschichte eines ungewöhnlichen Jobwechsels.


(Hier die ungekürzte Version eines Textes, der in "ON am Sonntag" vom Ostersonntag 2015, also den "Osnabrücker Nachrichten" vom 5. 4. 2015, aus Platzgründen nur in einer etwas gekürzten Fassung erschienen ist und )


Peter Grunwaldt im März 2015 vor dem Priesterseminar in Osnabrück, wo er während seiner Ausbildung unter anderem wohnte.   (Achenbach-Foto)


Osnabrück  (ON) - Wenn sich ein Mann im Alter von 47 Jahren entscheidet, seinen Beruf zu kündigen und etwas ganz Neues anzufangen, ist das ungewöhnlich genug. Aber wenn sich ein Mann, der eine gute Position im Controlling einer Bank bekleidet und auch Spaß daran hat, trotzdem dazu enscheidet, Priester zu werden, ist das etwas Besonderes. Und wenn er dazu noch von der evangelischen zur katholischen Kirche wechselt, bekommt seine Geschichte eine zusätzliche Würze. Wieso Priester? Wieso in diesem Alter? 


Der Weg dorthin ist ein harter - nichts ist einfach


Schließlich ist alleine die Ausbildung hart genug: Nochmal zurück ins Studium. Altgriechisch lernen. Hebräisch. Theologische Details verinnerlichen. Im Priesterseminar wohnen. Die eigene Wohnung aufgeben – alles harte Einschnitte, alles nicht einfach. Doch Peter Grunwaldt, der Ende März in Hagen a.T.W. zum Diakon geweiht wurde, ist diesen Weg aus vollem Herzen gegangen. Und aus nichts als Überzeugung. Obwohl er anfangs noch kategorisch abgelehnt hatte, wenn jemand zu ihm sagte: „Möchtest Du nicht Priester werden – das passt doch zu Dir“.

Erstmal ab ins Praktikum - im Alter von 53 Jahren


53 Jahre ist der aus dem Münsterland stammende und frischgebackene Diakon jetzt alt. Sein nächstes Ziel ist klar: Die Priesterweihe im Jahr 2016. Bis dahin wird Grunwaldt laut der Bistums-Pressestelle ein mehrmonatiges Diakonats-Praktikum in Lingen-Laxten absolvieren: dazu gehören unter anderem Predigten, Gemeindekatechese, Religionsunterricht sowie die Feier von Taufen, Trauungen und Begräbnissen. Die Diakonenweihe ist, wie die Pressestelle weiter mitteilt, vor der Priester- und Bischofsweihe die erste der drei Weihestufen in der katholischen Kirche.


Einstieg mit gemischten Gefühlen - ist das wirklich was für mich?


Nein, Priester wolle er nicht werden. So hatte es Grunwaldt oft betont. Aber irgendwo in seinem Herzen muss der Wunsch dann doch geschlummert haben. So kommt es also, dass er sich 2007 intensiv mit der Frage beschäftigt, ob das nicht doch der richtige Weg für ihn wäre. Wer katholischer Priester werden will, muss sich beim so genannten Regens des Bistums melden, dem Ausbildungsbeauftragten und Leiter des Priesterseminars. Grunwaldt nimmt Kontakt auf – mit durchaus gemischten Gefühlen. „Ich wollte mich einfach schlau machen, ob das etwas für mich sein könnte“,  erläutert er. Aber er hatte die Sorge, gleich vom Fleck weg engagiert zu werden… Nach dem Motto: „Zack, jetzt haben sie dich… - naja, bei den großen Nachwuchssorgen der Kirche“, schmunzelt Grunwaldt. Doch das Gegenteil ist der Fall.


Das Priesterseminar in Osnabrück - mitten in der Stadt, aber idyllisch am Flüsschen Hase gelegen, ist es eine sehenswerte Oase.  (Achenbach-Foto)  

Prüfung auf Herz und Nieren - ist der Kandidat wirklich der richtige?


Wer Priester werden will, durchläuft einen langen Weg. Was folgt, ist eine intensive Prüfung des Kandidaten. Psychologische Tests. Ärztliche Gutachten. Gespräche mit Geistlichen. Grunwaldt selbst entscheidet sich, parallel noch eine geistliche Begleitung zu durchlaufen, um sich selbst klarer zu werden, was er will. Doch bald steht fest: Peter Grunwaldt ist ein geeigneter Kandidat für das Theologiestudium. Mit dem Ziel der Priesterweihe. Und er will es auch.


Vom evangelisch-lutherischen Christ zum Katholiken - warum das?


Aber wie kam es dazu? „Na klar, die Entscheidung war ein langer Prozess“, gibt Peter Grunwaldt zu. „Damit bin ich ganz lange schwanger gegangen“. Zumal der gelernte Bankkaufmann noch nicht lange Mitglied in der katholischen Kirche ist: Erst 2004, im Alter von 42 Jahren, fanden seine Firmung und die Erstkommunion statt ­-  die zugleich ein Richtungswechsel waren. Denn Grunwaldt war jahrelang evangelischer Christ, der in einem lutherisch geprägten Umfeld aufgewachsen war. Warum dann der Wechsel? Wegen einer intensiven Auseinandersetzung mit religiösen Themen, sagt Grunwaldt. „Ich habe mich schon immer mit Theologie beschäftigt, eigentlich schon seit der Schulzeit“, erläutert der Bankfachmann, „und das auch immer recht intensiv.“ Was ihn schließlich an der evangelischen Lehre störte, ist ein theologisches Detail, das kaum ein Laie kennt, das aber sehr wichtig ist: Das Offenbarungsverständnis der evangelischen Kirche. „Sola scriptura“, oder in einer sinngemäßen Übersetzung „Die Bibel alleine reicht aus“. So hatte es Martin Luther erklärt. Zugespitzt gesagt: Die Schrift müsse nicht weiter erklärt werden. Damit haderte Grunwaldt. Zu sehr.


Auf einmal war der Glauben verschwunden - komplett!


Dabei hatte es in seinem Leben sogar eine Phase gegeben, in der er seinen Glauben komplett verloren hatte. Das war mit Beginn der Banklehre. Aufgewachsen in Harsewinkel im Münsterland, gibt sich Grunwaldt in seinen ersten Jahren einer eher unkritischen Religiösität hin, die er später als „Kinderglauben“ bezeichnen wird. Mit dem Wegzug zur Ausbildung verschwindet der Glauben jedoch aus seinem Leben. Und erst in späteren Jahren kehrt die Spiritualität in kleinen Puzzlestücken zurück. Da ist vor allem die Beerdigung eines zum jüdischen Glauben konvertierten Freundes (auch er: ursprünglich ein evangelischer Theologe), der in London unter tragischen Umständen ermordet worden war. Von dem intensiven Glauben der anderen Teilnehmer dort ist Grunwaldt tief beeindruckt. Später lernt er die Gemeinschaft von Sant’Egidio kennen, deren Idee der Vereinigung von Gebet und „Freundschaft mit den Armen“ ihn stark prägen.  Das prägt.


Mit 47 Jahren den Job kündigen - und doch kein klassischer Aussteiger


Im Jahre 2009 kündigt der zu diesem Zeitpunkt 47-Jährige seinen Job bei der Volksbank in Nordhorn, wo er als Controller unter anderem für Martkpreis-Risikobewertungen zuständig war.  „Ich war dort nicht unglücklich“ – das zu betonen ist Peter Grunwaldt ganz wichtig. Seine Geschichte ist keine, die in das klassische Aussteigerschema passt. Weder war er ausgebrannt, noch hatte er die Lust am Arbeiten verloren. Es war einfach eine Entscheidung für etwas anderes – und es geht ihm dabei nicht alleine um eine innere Angelegenheit.  „Ich glaube, dass wir Christen eine befreiende, froh machende Botschaft haben“, sagt Grunwaldt.

Studium folgt auf Studium - "ich habe nie verlernt zu lernen"


Im Herbst 2009 beginnt das Studium der Theologie im fernen Frankfurt am Main. Dass er wieder zu Vorlesungen gehen  muss, ist zwar neu, aber sich Wissen anzueignen ist dem 47-Jährigen nicht fremd. „Ich habe nie aufgehört irgendwas zu studieren“, erläutert Grunwaldt. Nebenberuflich hat er sich stets weitergebildet. Da war zum Beispiel das Studium der Bankbetriebslehre an der Akademie Deutscher Genossenschaften. Auch die Philosophie an der Fernuni Hagen, die Wirtschaftswissenschaften und die Literaturwissenschaften stehen auf seiner Studienliste. „Ich habe nie verlernt, wie das Lernen geht“, betont er – das kam ihm zugute. Jedenfalls teilweise...



Zum Dom haben es die angehenden Priester ebenfalls nicht weit - der liegt gleich neben dem Prieserseminar. Und am Samstag findet der Wochenmarkt direkt vor der Haustür statt.   (Achenbach-Foto) 

Die Wohnung aufgeben, Umzug in eine kleine Kammer


Denn der Wechsel bleibt so oder so ein harter Einschnitt. Die größte Veränderung ist der Umzug in das Priesterseminar. Aus einer 80-qm-Wohnung in eine kleine Kammer. Ein fremdbestimmter Alltag. „Das ist wie eine große WG, deren Mitglieder man sich aber nicht aussuchen kann“, sagt Grunwaldt. 30 Männer sind sie dort. Und nur ein Jahr später hat diese Gemeinschaft der angehenden Priester eine schwere Zeit zu durchleben. Es ist das Jahr der großen Krisen für die katholische Kirche, es ist das Jahr der schlechten Schlagzeilen. Ein aufgedeckter Missbrauchsfall jagt den nächsten. Das erschüttert auch die Studenten, es wird viel diskutiert, unterschiedliche Auffassungen von Spiritualität und Kirchenverständnis zeigen sich. Ein wichtiger Lernprozess, sagt Peter Grunwaldt – so habe er gelernt, sich zu positionieren. Auch das Studium der Theologie hat es in sich. „Vor allem die Sprachen zu lernen, die es braucht, war hart“, erinnert sich Grunwaldt. Hebräisch, Altgriechisch, Latein – nicht unbedingt Alltagssprachen.


Auch Schornsteinfeger wollen Priester werden 


Die Mühen lohnen sich - im Oktober 2014 endet das Studium. Nun ist der Weg zur Diakonweihe frei, die im März 2015 schließlich vollzogen wird. Im gesamten Bistum Osnabrück ist Peter Grunwaldt übrigens der einzige, der in diesem Jahr zum Diakon geweiht wurde. Warum so wenige? Ein Anruf beim Bistums-Pressesprecher Hermann Haarmann bringt Klarheit: „Es sind immer nur ein bis zwei pro Jahr“, sagt er. Und ergänzt: „Maximal“. Mit über 50 Jahren ist Grunwaldt natürlich ein ungewöhnlicher Kandidat – jedoch ist es eher die Regel, dass die Kandidaten bereits Berufs- und Lebenserfahrung mit sich bringen, wenn sie sich für das Priesteramt interessieren. „Vom Schornsteinfeger bis zum leitenden Angestellten war schon alles dabei“, erinnert sich Haarmann.


Neustart im neuen Beruf - Ruhestand ist vorerst nicht in Sicht


Peter Grunwaldt jedenfalls ist glücklich mit seinem Weg. Für Pfingsten 2016 ist die Priesterweihe vorgesehen. Dann kann der zweite Berufsweg an anderer Stelle beginnen. „Wenn es gesundheitlich geht, werde ich bis ins Alter von 75 Jahren mein Amt ausführen“, verspricht der gutgelaunte frische Geistliche. „Wenigstens“.

Ende März 2015 ist es soweit: Peter Grunwaldt wird in Hagen a.T.W. zum Diakon getauft.  (Bistums-Presse-Foto/Pentermann)

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