Sonntag, 5. April 2015

Eine Reise zurück in die Science-Fiction-Vergangenheit – wie ich einmal im Leben alles erreichte, was ich hatte haben wollen (und sogar den Perry-Rhodan-Autoren Arndt Ellmer interviewen durfte)


Fundstück aus dem Familien-Fotoalbum.  (Achenbach-Foto)


Osnabrück – Als ich 16 Jahre alt war, hatte ich es geschafft! Alles geschafft, von dem ich damals je geträumt hatte. Ich war Herausgeber, Romanautor und Magazinmacher in einer Person. Außerdem war ich Chefredakteur, Textchef und sogar mein eigener Vertriebsleiter (dummerweise war ich alleine auch der gesamte Vertrieb). Für die von mir geschaffene Science-Fiction-Serie „Frank Scott“ hatte ich eine Reihe von Gastautoren, die für mich die einzelnen Romane schrieben, so dass ich mich auf die Exposé-Redaktion beschränken und mir selbst die Rosinen auswählen konnte. Ich hatte Zeichner an der Hand, die mich mit Titelbildern und Innenillustrationen belieferten. Das von mir vorrangig betreute Science-Fiction-Magazin „Interkom“ erfreute sich einer steigenden Beliebtheit (es war gleichzeitig die Clubpublikation des Science-Fiction-Fanclubs "Galactic Patrol").  Alles auf Erfolgskurs. Also, je nachdem, welche Maßstäbe man anlegen möchte…


Die Romanserie "Frank Scott", später ein fester Bestandteil des Science-Fiction-Magazins "Interkom" - angetreten, um größer zu werden als Perry Rhodan. Man muss ja Ziele haben...   (Achenbach-Foto)

Als Herausgeber auf Erfolgskurs – das war zuviel des Guten


Denn, okay, zugegeben, wir haben in meiner Erinnerung nie mehr als 75 Abonnenten gehabt. Und, okay, zugegeben, wir Clubmacher waren blutige Laien, die sich aktiv – neben vielen anderen - in der Fanzine-Szene tummelten. Und, okay, ebenfalls zugegeben, irgendwann ist mir das alles derart über den Kopf gewachsen, dass ich „gafia gehen“ musste (= „get away from it all“). Das Magazinemachen hatte mir eine solche Freude und Bestätigung gebracht, dass ich es wohl übertrieben hatte - neben "Interkom" veröffentlichte ich die Kurzgeschichtenhefte "Storyboard", das Kommunikationsheft "Labersack" (das eine eigene Geschichte wert wäre) und habe parallel damit begonnen, bei der Schülerzeitung des Ratsgymnasiums in Osnabrück, der mehrfach preisgekrönten "Rostra" mitzuarbeiten. Außerdem war ich emsiger Briefeschreiber - klar, alles innerhalb der SF-Fanszene. E-Mails gab es damals noch nicht. Immer wieder war ich in den Copyshops der Stadt anzutreffen, wo ich die Papierböge sortierte und heftete, die aus dem Kopierer kamen, oder ich war damit beschäftigt, fertige Magazine in Versandtaschen zu stopfen. Um mich dann wieder an die Arbeit für ein weiteres Magazin zu machen...


Auch die Schullaufbahn verlangte nach Pflege - da half nur "Gafia"


Das war zuviel für einen jungen 16-Jährigen, der zudem ja noch an seiner Schullaufbahn zu arbeiten hatte. Oder an einem Netzwerk reell existierender Freundschaften vor Ort. Da half nur noch ein Radikalschnitt. Also raus aus der Fanzsene - Gafia! Aber immerhin... Für einen kurzen Zeitpunkt meines Lebens war ich einmal genau dort gelandet, wo ich immer schon einmal hinwollte. In diese Phase fiel auch mein erstes Interview mit dem Perry-Rhodan-Autoren Arndt Ellmer – an das ich jetzt wieder zurückdenken musste, als ich die Chance bekam, für die "Osnabrücker Nachrichten" erneut ein Interview mit dem Science-Fiction-Experten durchführen zu können (hier geht es zur ungekürzten Vollversion des aktuellen Interviews). Ein guter alter Kumpel hatte mich auf den Trichter gebracht: "Das wäre doch das perfekte Thema für den Redaktionsleiter der Osnabrücker Nachrichten...", schrieb er in einer augenzwinkernden E-Mail. Denn kennengelernt hatten wir uns damals wegen "Perry Rhodan" und seinen wöchentlichen Heftabenteuern. 

Eine eigene Romanserie erschaffen – den Traum träumten viele


Klare Sache: „Perry Rhodan“, diese wohl größte Science-Fiction-Serie der Welt, war sowohl die Triebfeder als auch der Impulsgeber, ohne die es meine zahlreichen Fanaktivitäten nie gegeben hatte. Eine eigene Romanserie zu schaffen, die dem großen Vorbild nacheiferte – mit diesem Vorhaben stand ich nicht alleine da. In dem alle vier Wochen innerhalb der Heftserie erscheinenden „Perry Rhodan Report“ waren auch die „Clubnachrichten“ integriert, die jeweils über die zahlreichen Fanaktivitäten in ganz Deutschland Auskunft gaben. Schon immer – und immer noch – haben sich die Perry-Rhodan-Fans durch viel kreative Eigenentfaltung ausgezeichnet. Auch „Jason Nolan“, die später ebenfalls im Interkom-Magazin veröffentlicht wurde, und andere waren mit am Start. Alles auf Papier und, wie schon geschildert, selbst kopiert, selbst geheftet, selbst verschickt. Ein irrer Aufwand, aber mit Liebe betrieben. So war das in den frühen 90er Jahren. Vor dem Internet-Hype. Vor Blogs und Social Media und Co. Und es brachte ja auch viel, sogar richtig viel - wie sich noch zeigte...

Gastautoren schrieben die Romane, Zeichner lieferten die Titelbilder, die Serie war keine zwölf Ausgaben alt und alles lief rund. Also so richtig rund.  (Achenbach-Foto)

Mein erstes Interview – meine Mutter übernahm den Fahrdienst


Im Fotoalbum der Familie kleben noch die Bilder vom 15. 12. 1991 – meine Mutter hatte mich nach Oldenburg gefahren, wo Arndt Ellmer damals im Hotel Alexander residierte. Ich vermute, er war hierher gekommen, um mit dem damaligen und viel zu früh verstorbenen Perry-Rhodan-Autoren Robert Feldhoff etwas abzustimmen, aber genau weiß ich das nicht mehr. Jedenfalls trafen wir uns in der Lobby des Hotels für unser Interview. Mit rund einer Dreiviertelstundestunde Tonmaterial auf einer C-90-Audio-Cassette und stolzgeschwellter Brust fuhr ich dann mit meiner Mutter wieder nach Hause – das erste professionelle Interview meines Lebens wie eine Monstranz in mein Zimmer tragend. Tja. Und dann.... Was dann?

Gesungene Peinlichkeiten auf Cassette -  verschollene Jugendsünden


Ich weiß heute nicht mehr genau, was ich mit dem wertvollen Material tatsächlich angestellt habe – ich befürchte, der größte Teil ist in einem Projekt benutzt worden, das sich „Fanzine On Tape“ nannte und das die Hörer mit allerlei Schrecklichkeiten wie einer selbstgesungenen Titelmelodie und anderen Peinlichkeiten konfrontierte. Ich vermute, dass ich am Abtippen des langen, langen Interviews schon rein zeitlich gescheitert war, mal ganz abgesehen davon, dass mir jegliche Erfahrung darin fehlte, wie sich ein seiten-seiten-seiten-langes Eins-zu-Eins-Gespräch in ein lesenswertes, knackiges und kompaktes Print-Interview verdichten lässt. Da war die Auswertung im Audioformat viel naheliegender. Ich weiß nicht mehr, mit wem zusammen ich damals dieses Projekt verantwortet hatte, es war jedenfalls eine Teamarbeit. Meine persönlichen Kopien dieses Fan-Magazins auf Cassette wähne ich ebenfalls verschollen. Oder sie taucht irgendwann nochmal aus irgendeinem Umzugskarton wieder auf. Wie auch immer. Wenn auch das Ergebnis nicht so überzeugend geworden ist, an das Aufnehmen des Interviews daselbst erinnere ich mich ganz genau – als einer der ersten journalistisch prägnanten Augenblicke meines jungen Lebens.

Ein Interview von vielen – und doch kein Interview von vielen  


Wenn ich jetzt also, 23 Jahre später und dem Dasein als Perry-Rhodan-Fan längst entstiegen, wieder ein Interview mit Arndt Ellmer veröffentlichen kann – diesmal als professioneller Journalist in einem Medium mit einer Auflage von rund 207 000 Exemplaren und mit ca. 1,5 mal mehr an Lesern, wie die offiziellen Verlagsangaben besagen -, ist es ein Interview von vielen. Wie alle Interviews, die ich mittlerweile veröffentlicht habe, hat mir auch dieses in allen Arbeitsprozessen große Freude gemacht. Und doch war es auch ein besonderes Thema und ein besonderer Ansprechpartner. Denn wenn ich damals, als naiver Selbermacher und unerfahrener Hobby-Herausgeber, nicht schon meine ersten journalistischen Erfahrungen hätte machen können – so im Vorbeigehen, gewissermaßen -, dann wäre ich vielleicht niemals zu meinem aktuellen Beruf gekommen. Was ich doch sehr bedauert hätte. Dementsprechend sie heute also einmal Danke gesagt: Danke, Arndt Ellmer. Danke, Perry Rhodan.

Macher, Erfinder, Exposé-Redakteur, Chefredakteur, Vertriebsleiter, Art-Director, Textchef - ich war 16 Jahre alt und multifunktionaler Herausgeber. Bis es dann zuviel des Guten war...  (Achenbach-Foto)

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