Sonntag, 5. April 2015

Interview mit dem Science-Fiction-Autoren Arndt Ellmer anlässlich des „Perry Rhodan“-Fantags in Osnabrück – inklusive aller Fragen und Antworten, die in der Printversion in den „Osnabrücker Nachrichten“ keinen Platz mehr hatten


Hier die ungekürzte Version eines Interviews, das in "ON am Sonntag" vom Ostersonntag 2015, also dem 5. 4. 2015, aus Platzgründen nur in einer etwas gekürzten Fassung erscheinen konnte – die weggekürzten Passagen sind hier durch zwei Sternchen gekennzeichnet. Übrigens: Wie es zu diesem Artikel und dem Kontakt kam, ist auch eine Geschichte wert und wird an anderer Stelle in diesem Blog geschildert…. - nämlich hier...

Arndt Ellmer, der derzeit dienstälteste Autor der Romanserie "Perry Rhodan". Sie ist und bleibt laut Verlag "die größte Science-Fiction-Serie der Welt". (Ellmer/Pabel-Moewig-PR-Foto)


Osnabrück - Arndt Ellmer, wir haben vor 23 Jahren schon mal ein Interview durchgeführt, ich war damals ein junger Fanzinemacher, und wir haben uns damals geduzt – ich bleibe also einfach dabei…?

Ellmer: Na klar!

Du bist einer der Stargäste auf einem Perry-Rhodan-Fantreffen in Osnabrück, einem Con, der hier am 16. 5. 2015, einem Samstag, im Haus der Jugend stattfindet, organisiert von der deutschen Perry-Rhodan-Fanzentrale (PRFZ), deren Ehrenmitglied Du bist – als überzeugter Schwarzwäldler, geboren in Lörrach, bist du nicht so oft im hohen Norden. Dein erstes Mal in unserer Stadt?

Ellmer: Ja. In diese Ecke der Republik komme ich zum ersten Mal. Die Küste weiter östlich kenne ich besser. Meine Frau ist Hamburgerin. Und der Weg runter zu uns führt nun nicht immer an Osnabrück vorbei. Ich freue mich schon darauf.

Die Serie ist jetzt fast bei Roman Nummer 2800. Spontan aus dem Bauch heraus beantwortet – wie viele Heftromane hast du selbst beigesteuert?

Ellmer: Es sind über 200. Rechne ich die Romane für die Schwester-Serie „Atlan“, die PR-Taschenbücher und verschiedene Serien und Reihen im Horror-Genre hinzu, komme ich auf inzwischen mehr als 300 Romane.

Wow! Mit einem solchen Output kann man sich sehen lassen. Dennoch wird die Serie vom Feuilleton und der „ernstzunehmenden Literatur“ vermutlich nur mit spitzen Fingern angefasst, oder?

Ellmer: Mein Eindruck auf Cons und Buchmessen ist ein anderer. Da höre ich, wie ernst die Leser gerade die Perry-Rhodan-Serie nehmen. Fast in jeder Redaktion einer Computerzeitschrift sitzt mindestens ein Leser unserer Romane. Ohne die begleitende Unterstützung durch die Serie wäre zum Beispiel aus Harald Lesch ein guter Kaufmann geworden, aber kein berühmter Astrophysiker. Und die Rezensionen in Lite-raturmagazinen beschäftigen sich längst nicht mehr mit der Anzahl der „Geschosse“ in einer Raumschlacht, sondern mit den Methoden, wie Perry Rhodan und seine Gefährten das Universum kennenlernen, ohne in kriegerische Auseinandersetzungen verwickelt zu sein. Wobei das Prinzip der „action“ – ebenso wie im Film – der Spannung dient und nicht dem Ausdruck militaristischer Gesinnung.

Auch, wenn das für dich sicher zu den immer wieder gehörten Standardfragen gehört: Wie wird man Autor einer Science-Fiction-Serie?

Ellmer: Früher kam man ohne Ausnahme über das Lesen zur Serie. Meine ersten Gehversuche machte ich in Fan-Magazinen und auf den Leserseiten der Romane. Irgendwann kam eine Anfrage des Lektors, ob ich Lust hätte, mal eine Storysammlung für die Reihe „Terra Astra“ zu schreiben. Man hatte erkannt, dass ich gut erzählen kann. Damit fing es an. Nach der Sammlung folgte der erste Roman, dann ein Doppelband, danach der zehnbändige Sternenkinder-Zyklus, ebenfalls bei „Terra Astra“. Parallel dazu schrieb ich den ersten Atlan-Roman, und zwei Jahre danach folgte mein Einstieg bei Perry Rhodan.

Und noch so eine Dauerfrage – kann man davon wirklich leben?

Ellmer: Wenn man fleißig schreibt und regelmäßig Aufträge bekommt, kann man davon leben.

Die Perry-Rhodan-Serie steuert langsam, aber sicher, auf den 3000. Band zu – die Handlung schreitet stetig fort, der Kosmos des PerryRhodan ist komplexer als die Welt einer TV-Serie wie „Lost“, es gibt sogar eigene Lexika dafür. Verliert man da als Autor nicht auch leicht den Überblick?

Ellmer: Ja und nein. Als derzeit dienstältester Autor bin ich mit der Serie aufgewachsen. Ich habe sie komplett gelesen. Das ist bei neuen Autoren der heutigen Zeit aus Umfangsgründen gar nicht mehr möglich. Da helfen Internetseiten wie die„Perrypedia“, um sich einen Überblick zu verschaffen.

Ist es einem Neuleser überhaupt noch möglich, in die Serie einzusteigen? Oder muss er sich wirklich nochmal von Band 1 bis zum neuen Roman durcharbeiten…?

Ellmer: Fast 3000 Hefte – das ist gar nicht zu schaffen! Ich stelle mir vor, ich müsste 2000 mal ins Kino gehen, damit ich bei „Star Wars“ auf dem Laufenden bin. Wir schreiben die Zyklen von 50 oder 100 Bänden aus dem Grund so, dass sie eigenständig in den PR-Kosmos eingebettet sind und der Leser keine Vorkenntnisse braucht. Er wächst in die Serie hinein. Alles Wissenswerte bekommt er in den Romanen von alleine mit.

Was würdest du jemanden raten, der ganz neu mit der Serie anfangen möchte – wie geht er am besten vor?

Ellmer: In einen aktuellen Zyklus von Anfang an einsteigen, also mit Band 2800 etwa, der am 17. 4. 2015 erscheinen wird. Die Serie erscheint ja in Heftform, als E-Book und als Hörbuch. Die älteren Zyklen liegen zudem als Hardcover in den Buchhandlungen, oder man kann sie dort bestellen. Konzentrierte Informationen gibt es auch auf der offiziellen Internetseite.

Die Serie ist ja, wie Du es schon geschildert hast, in Zyklen unterteilt, die zwischen 100 und 400 Romanen lang sind und jeweils einen weitestgehend abgeschlossenen Handlungsstrang behandeln. Welcher ist Dein Lieblingszyklus? **

Ellmer: Ich habe da mehrere. Den Zyklus "Aphilie", weil er mit einer lieblosen Erdbevölkerung ein tolles Experiment war. Der Thoregon-Großzyklus, weil er das bisher bekannte PR-Universum auf fantastische Weise erweiterte. Und "Sternenozean". Da machte mir das Schreiben besonders viel Spaß.

Seit Jahrzehnten warten Perry-Fans auf den großen Film, der Stoff in all seiner Komplexität böte sich sicher an, gibt es da was Neues? Wäre es nicht ein Traum, das Drehbuch zu verfassen? **

Ellmer: Ja und Nein. Die Thematik einer Serie mit einem solchen Hintergrund lässt sich nur schwer in einen einzelnen Film fassen. Und wenn ein Zyklus aus sechs oder neun Filmen daraus wird, dann gibt es garantiert dieselben Probleme wie bei Star Wars. Eine Schnapsidee von George Lucas, mittendrin anzufangen und ganz zuletzt die ersten drei Folgen zu produzieren. Na ja, hätte er es am Anfang schon gewusst, hätte er es anders gemacht. Ein Rhodan-Film müsste ein einzelnes Abenteuer beinhalten oder das Thema eines Zyklus in einen einzigen Film quetschen. Ich weiß nicht, ob ich mir Letzteres antun möchte.

Der Con in Osnabrück wird von echten Hardcore-Fans der Serie organisiert. Die gucken einem Autoren wahrscheinlich besonders auf die Finger, oder? Erwartest du auch kritische Rückmeldungen?

Ellmer: Ja. Unsere Leser beschäftigen sich mit allen Details der Romane. Da gibt es Dinge, die nicht jedem gefallen. Kritische Rückmeldungen oder Fragen bleiben da nicht aus.

Die Perry-Fans sind ja mächtig kreativ. Von eigenen Filmen bis zu eigenen Romanserien ist alles dabei, was das Entfaltungspotenzial hergibt. Was war das für dich bislang eindrucksvollste Fanprojekt?

Ellmer: Die Perrypedia! Die von Lesern erstellte umfangreiche Datenbank über die Serie.

Nun wird die Serie von einer Exposé-Redaktion gesteuert, die die Handlung der Romane vorgibt, damit die große Rahmenhandlung geplant werden kann. Wie groß ist da der kreative Input eines einzelnen Autors? Und steigt da nicht das Frustpotenzial? So ein Jason Dark von „John Sinclair“ darf ja wohl alles selbst machen …

Ellmer: Auch ein Jason Dark hat nicht alle Romane selbst geschrieben. Bei Perry Rhodan gibt das Exposé das Gerüst vor, die Ideen, wie die Handlung dem Schlussplot entgegenstrebt und wie die Personen sich verhalten, ist Sache des Autors. Das bringt Spaß. Der kreative Input ist nicht spürbar geringer als bei Romanen nach eigenem Konzept. Es ist anstrengender, weil man die Arbeit der Kollegen an den Romanen vor- und nachher mit berücksichtigen muss.

Arndt Ellmer ist ja ein Pseudonym. Der Mann dahinter heißt Wolfgang Kehl. Schreibt der auch?

Ellmer: Der Mann dahinter schreibt Briefe an seine Lieben, erledigt den Papierkram des täglichen Lebens, aber Romane schreibt er nicht. Die meisten Werke erschienen unter „Arndt Ellmer“. Im Bereich des Frauenromans sind ein paar unter weiblichen Pseudonymen erschienen. Beispiele: Jennifer Dean, Marsha Hamilton.

Du bist jetzt Ü60. Gibt es für einen Perry-Rhodan-Autor so etwas wie einen geregelten Altersruhestand? Oder wird in die Tasten gehauen, bis es nicht mehr geht? **

Ellmer: Der Ruhestand wird mich nicht hindern, wenn ich eine super Idee habe und es mich an den PC treibt, ein Manuskript daraus zu machen. Mit zunehmenden Alter wird es aber wohl langsamer und mühsamer gehen als bisher. Wenn ich am darauffolgenden Tag schon vergessen habe, was ich geschrieben habe, ist es Zeit aufzuhören. Ich hoffe, dass dieser Zeitpunkt noch eine Weile auf sich warten lässt.

Apropos „es treibt Dich an den PC“  – wie arbeitest Du? Mit welcher Technik? Und hast Du Dir sowas wie einen geregelten Arbeitsablauf geschaffen, wenn Du von daheim aus arbeitest?  **

Ellmer: Die Technik nennt sich „Tippen“ (lacht). Die Methodik ist von der Gehirnleistung vorgegeben. Wenn die Konzentration nachlässt, ist eine mehrstündige Pause angesagt. Also raus an die Luft, Garten umgraben oder Bäume fällen, irgend etwas, was den Körper fordert, ohne ihn zu überanstrengen. Nach der anschließenden Dusche bin ich wieder fit und mache mich an die nächsten Seiten Manuskript. Auf diese Weise erhält mein Arbeitstag zwei bis drei Phasen, in denen ich Manuskript schreibe.

- Alle Infos über den Perry-Rhodan-Tag in Osnabrück (am 16. 5. 2015 im Haus der Jugend) gibt es auch in den Osnabrücker Nachrichten - hier klicken

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** = die zwei Sternchen kennzeichnen die im Print-Interview weggekürzten Passagen

Für Fans - der Autor dieser Zeilen war seinerzeit einer - war das 1991 ein Pflichttermin: Der Perry Rhodan World-Con in Karlsruhe. Und die Erinnerungsfotos waren damals noch in Schwarz/Weiß... (Achenbach-Foto) 

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