Mittwoch, 15. April 2015

Maxis Maximal – oder warum ein 10-Jähriger im Jahre 1985 den „Super Sound“ brauchte (Vinyl-Erinnerungen an die Kindheit) - zum Twitter-Hashtag #alsich10war....



Von Michael Jackson über "Supertramp" bis zur deutschen Poplegende "Propaganda": Wer in den 80ern Platten verkaufen wollte, der musste auch Maxi-Singles rausbringen. So groß wie eine LP und mit verlängerten Versionen der Hits drauf. So war das - damals #alsich10war.    (Thomas-Achenbach-Foto)


Osnabrück - Einer der charmantesten Twitter-Hashtags der jüngsten Vergangenheit war das Thema #alsich10war oder auch #alsichzehnwar - darunter zu finden allerlei bunte und kostbare Erinnerungen an damals, als man zehn Jahre alt war und die Welt irgendwie ja doch noch in Ordnung war. Mein Twitterbeitrag lautete: "Die erste Bravo meines Lebens und im Radio lief am Freitagabend Maxis Maximal" - wenn Du, lieber Leser, Dich auch an diese goldenen Zeiten unserer Jugend erinnerst – jene Zeiten als Pop-Nerd und Hitparaden-Follower -, bist Du vermutlich ein Kind der 70er und 80er. Wobei "Follower" als Wort sicherlich die falschen Assoziationen weckt. Denn in Echtzeit, so wie heute, ging damals gar nix – jede Woche Donnerstag ging man brav zum Kiosk und kaufte sich die "Bravo" (oder war das am Dienstag?). Da waren die Hitlisten drin. Mehr ging nicht.

Wer erinnert sich noch an die „Maxi Single“ – gibt es sowas noch?


Ein zentrales Element bei dieser Reise in die Vergangenheit ist…: die Maxi Single. Kannst Du Dich daran erinnern? Gibt es sowas heutzutage überhaupt noch? Also, für alle, die sich darunter nichts vorstellen können: Die Popgruppen und Solokünstler der 80er Jahre haben die Songs, die für den Radioeinsatz und zum Einzelverkauf gedacht waren, damals auf kleinen Miniplatten veröffentlicht, den Singles. Die waren kleiner als eine LP  (die war 12 inch groß - man benutzte damals die englische Maßeinheit -, während eine Single nur einen Durchmesser von 7 inches erreichte). Aber als Zwischeneinheit gab es auch die Maxi-Singles. Die waren so groß wie eine LP, hatten aber nur einen Song drauf. Dafür gab es den dann in einer verlängerten Version. Einem Remix, wie man damals schon sagte (lange vor Robin Schulz). Alles klar? Okay, dann zurück in die Vergangenheit...

Wer als Pop-Künstler etwas auf sich hielt, der brachte von einem Song gleich mehrere verschiedene Mixes auf den Markt - Falco machte es mit "Vienna Calling" und "Frankie Goes To Hollywood" übertrieben es mit "Relax". So war das - damals #alsich10war.     (Thomas-Achenbach-Foto)


„Jeanny“ stand kurz vor dem Verbot – die Maxi war ein Prachtstück


Die wichtigste Maxi-Single in meiner Plattensammlung war die „Jeanny“ von Falco, gekauft im Marktkauf im Nahne nur wenige Tage bevor der Verkauf der Platte für eine kurze Zeit unterbunden wurde, weil nicht klar war, ob die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften die Platte grundsätzlich vom Markt nehmen würde. Was für ein Skandal. Genüsslich und aufgeregt habe ich das damals alles mitverfolgt. Noch immer befindet sich in meiner Sammlung von Radio-Mitschnitten (auf Cassette) eine zweistündige Sondersendung von „Der Club“ auf NDR 2, in dem intensiv über den Song diskutiert wurde und Falco selbst zu Wort kam... aber das ist ein anderes Thema. Jedenfalls war ich da zehn Jahre alt und zu jung, um alle Details dieser Diskussion zu verstehen (Die Ablehnung der Bundesprüfstelle kam Wikipedia zufolge am 17. April 1986).

„Talking ‚bout Rambo“… selten doof, aber dafür im Supersound


Natürlich litten wir 10-Jährigen der Jahre 1985/1986, aus heutiger Sicht, an bösartiger Geschmacksverirrung. Ich erinnere mich an einen Song, der von einer jungen Frau im engen Höschen gesungen wurde und der aus mehreren Sound-und-Dialog-Schnipseln aus dem heißdiskutierten zweiten Rambo-Film zusammengebastelt war (vor allem das Wummern eines Maschinengewehrs tauchte ständig auf) und der vom selten dümmlichen Refrain mehr schlecht als recht zusammengehalten wurde: „Talking 'Bout Rambo, He’s My Hero, Talking Bout Rambo, he’s… My Heeeroooo!“. Unfassbar doof. Und trotzdem befand sich in meiner Plattensammlung nicht bloß die 7-Inch-Single, sondern auch die „Super-Sound-Maxi-Single“ mit dem auf sechs oder sieben Minuten verlängerten Remix. Ob sie tatsächlich einen super Sound hatte oder nicht, kam auf dem Daddel-Mini-Plattenspieler mit seinen Rauschelautsprechern nicht so wirklich zur Geltung. High End gab es damals kaum, das kam erst später. Ach, und überhaupt, die Maxi-Singles und die Remixes... – 


Platten mit Bildern drauf waren der Hit - und der Außerirdische "Alf" war live dabei. Unvergesslich dieser Popsong, der aus zahlreichen eingesampelten TV-Serien-Ausschnitten bestand...    (Achenbach-Foto)

Je länger der Mix, desto besser - mit „Frankie“ ging’s rund


... mit diesem Hobby konnte man sich seinerzeit tatsächlich stundenlang beschäftigen. Diese herrlichen, meistens durch simples Hineinschneiden einer Instrumentalfassung aufgeblasenen Mega-Lang-Versionen aktueller Pophits, die musste man haben. Vor allem, wenn es gleich mehrere besondere Mixes gab, so wie damals bei Falcos „Vienna Calling“. Oder die besonders langen Remixes, die allein aufgrund ihres Volumens überzeugten. So wie die 19-Minuten-Version von Paul Hardcastles „19“. Oder die  23-Minuten-Version von „Warriors Of The Wasteland“ von "Frankie Goes To Hollywood". Alles irre cool. Alles Must-haves. Warum? Naja, deswegen halt. Wir waren Pop-Nerds. Wir waren jung.

Auch Depeche Mode gehörten zu den emsigen Maxi-Machern


Nicht ein einziges Mal kam einem seinerzeit in den Sinn, dass es die Produzenten vielleicht auch übertreiben könnten mit ihren Maxis. Remix um Remix kam in die Plattenläden, jede Neuveröffentlichung entfachte neues Fieber. Besonders bunt trieben es tatsächlich jene bereits erwähnten "Frankie Goes To Hollywood" (und sogar "Depeche Mode"). Man erzählte sich unter Pop-Nerds damals gerne, es gäbe mehr als zwanzig verschiedene Remixfassungen von „Relax“ von Frankie. Allesamt auf Maxi-Singles veröffentlicht – teilweise nur auf Sondereditionen, auf bunten Platten, wasweißich. Noch heute versuche ich herauszufinden, ob das eine moderne Legende war oder ob es der Wahrheit entsprach. Auch von manchem "Depeche-Mode"-Song soll es bis zu zehn und mehr verschiedene Mixes gegeben haben. Auf Maxis. Hieß es. #alsich10war.

„Maxis Maximal“ auf NDR 2 gab den Überblick über den Markt


Gottseidank gab es jeweils am Freitagabend die Radioshow „Maxis Maximal“ mit Gerd Alzen auf NDR 2, die einen außerdem erstmals in Kontakt brachten mit den in Deutschland damals  noch nicht verbreiteten Radio-Jingles (hach ja, die Abendshows im Radio, golden glänzend wie TV-Formate, mit einem ganz eigenen Stil und einem Moderator wie ein Anchorman, sowas gab es auch mal, das war VOR dem großen Durchformatierungsirrsinn). Die Sendung war wichtig, sie gab die nötige Orientierung im Markt. Und es ließen sich hervorragend die Lieblingssongs auf Cassette mitschneiden.  Was war ich damals stolz auf meine BASF-90-Minuten-Cassette, auf der alles an Langversionen drauf war, was ich haben wollte: Sandra mit „Everlasting Love“, Rick Astley mit „Never Gonna Give You Up“, "The Art Of Noise" (ohnehin mein absolutes Lieblingsprojekt der 80er) mit „Paranoimia“ featuring Max Headroom…. Und, und, und…

Na klar – die „Bravo“ brachte noch mehr als Hitlisten, aber nun denn…


Wie bitte? Wieso ich als Zehnjähriger schon die „Bravo“ gelesen habe? Na, wegen der Hitlisten, wie schon gesagt. Und wegen der Artikel über Popstars. Ist doch klar. Das andere…. Ja, das habe ich dann auch begriffen. Dank der Bravo. Aber das ist ein anderes Thema und wird ein anderes Mal erzählt. Jedenfalls waren die Maxi Singles damals einer der Gründe, warum man in einen Plattenladen gehen und gucken sollte, was es wohl alles an neuen verlängerten Fassungen und neuen Mixen gab. Das gehört dazu. Wir waren jung. Wir waren Pop-Nerds. Es war schön. Es gab noch Plattenläden.  #alsich10war.

- Ebenfalls auf diesem Blog: "Warum ein gelingendes Aufwachsen ohne Plattenläden nicht möglich war"- eine Würdigung anlässlich des Record Store Days


Zwei maßgebliche Kriterien entschieden über Wohl und Weihe der Maxi Singles: Die Länge des Remixes in Uhrzeit gemessen und die Anzahl der BPM, also der "Beats per Minute" (möglichst oberhalb von 120). So war das - damals #alsich10war.    (Achenbach-Foto)

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