Mittwoch, 22. April 2015

Warum die TV-Serie „Lost“ von J. J. Abrams, dem Macher von "Star Wars 7", am Ende eine einzige Enttäuschung war – obwohl sie den TV-Serien-Markt revolutioniert hat (ein kleines Serien-Bashing)



Fernseher ausstellen? Oder noch eine Folge angucken? In den ersten Staffeln von "Lost" fiel es oft schwer, das Gerät abzustellen - das Nichtaushaltenkönnen bis es weitergeht war selten so groß.  (Pixabay.com/Public-Domain-Foto)


Osnabrück – Na klar, der Hype ist gigantisch und wird immer größer. Alle Welt wartet mit Hochspannung auf den neuen "Star Wars"-Film, der erste offizielle Trailer ist ein Klickmonster, jedes darin gezeigte Detail wird auf den entsprechenden Fanforen bereits en détail ausgewertet und diskutiert, allen voran der abgestürzte Sternenzerstörer. Je größer die Aufmerksamkeit, desto mehr gerät auch der Mann im Hintergrund in den Blickwinkel der Öffentlichkeit. Denn der heißt hier erstmals nicht mehr George Lucas, sondern J. J. Abrams. Genau jener J. J. Abrams, der uns mit seiner tollen 80er-Jahre-Hommage "Super 8" direkt in unserer Kindheit abzuholen wusste - und der auch für die TV-Serie "Lost" verantwortlich war. Womit wir bei einem der Probleme angekommen sind - okay, zugegeben, bei "Lost" war Abrams einer von mehreren Entwicklern und Schöpfer. Dass die Serie allein ihm zugeschrieben wird, ist nicht ganz korrekt. Zumal er sich gegen Ende immer mehr aus dem Produktionsprozess herausgezogen hatte. Bis heute ist die Frage ungeklärt, ob der Schluss der Serie, so wie es ist, von Anfang an geplant war oder nicht, wie manche der Verantwortlichen immer behauptet haben. Denn das Ende der Serie gilt sogar in offiziellen TV-Kreisen als so vermurkst, dass der "Game-Of-Thrones"-Macher George Martin die Bezeichnung "ein 'Lost' abziehen" als Synonym für ein gescheitertes Finale benutzte.


Das Faszinierendste an "Lost" war die Ambivalenz der Figuren


Nein, „Lost“ ist durch. Die Serie ist ausgestrahlt, abgelaufen, liegt im Archiv fürs Wiederholungsprogramm. Und wenn jetzt die Neue Osnabrücker Zeitung eine Artikelserie über die am meisten überschätzten TV-Serien startet, die mit "House Of Cards" begann, werden die bereits zu Ende geführten Serien darin vermutlich keine Erwähnung mehr finden (stattdessen sind jetzt unter anderem die Zombies dran  - und auch an der bei Fantasy-Fans so beliebten Serie "Game Of Thrones" wird hier kein gutes Haar gelassen...). Okay, das ist statthaft. Mir ist das aber Anlass genug, sich noch einmal über eine Serie auszulassen, die viele Fans emotional über Jahre mitgerissen hatte, die mich an die Wiedergeburt des Formats TV-Serie hat glauben lassen – und die dann in einem peinlich-banalen Gut-und-Böse-Kain-und-Abel- Finale verpuffte. Das ist vor allem deswegen schade, weil die Serie ihre Spannung vor allem durch die Ambivalenz der Charaktere und die düstere Atmosphäre bezogen hatte – hier gab es kein Schwarz-Weiß-Schema, der Zuschauer wusste nie genau, woran er war. Die Rückkehr zum Schablonendenken kann man auch als Kapitulationserklärung der Autoren verstehen – die tausend Fragen in „Lost“ wären niemals aufzuklären gewesen.

Mitten im Finale kam die Fledermaus – die war leider echt


Einem guten Freund von mir ist beim Angucken der letzten Folge von „Lost“ eine Fledermaus in die Wohnung geflogen. Das war ein Schreck. Und es hat ihn einige Mühe gekostet, das rasend schnelle Tier wieder aus der Bude zu kriegen. Wenn ich ehrlich bin, muss ich eines zugeben: Ein bisschen beneide ich ihn um dieses Ereignis. Wenigstens verbindet er die letzte Folge der Serie mit Spannung und Aufregung. Für mich war das Finale von „Lost“ ein ziemlich langweiliges, ziemlich ärgerliches Pflichtereignis, das einen Schlusspunkt unter ein Ereignis setzte, das uns Serien-Nerds anfangs so sehr in Aufregung versetzt hatte wie lange nichts mehr im Fernsehen. Sucht. Fieber. Nichtaushaltenkönnen. All das hatte "Lost" mit sich gebracht.

Warum hat der Koloss am Eingang der Insel nur acht Zehen?


Denn was hatten die Verantwortlichen nicht alles für Fragezeichen aufgehäuft: Da stürzt ein Flugzeug über einer kleinen Insel ab. Es gibt Überlebende, deren Ziel ab jetzt das Überleben ist. Manche werden sich ineinander verlieben, manche werden Kinder in die Welt bringen, manche werden sich bekriegen. So weit, so bekannt. Aber was sich sonst noch alles ereignete, war bahnbrechend und atemberaubend. Eisbären auf einer Sonneninsel. Intelligente und tödliche Rauchschwaden. Unterirdische Stationen, deren Funktion oder Alter nie ganz klar zu sein schien. Eine gewaltige Statue, wie der Koloss von Rhodos, nur, dass die scheinbar menschliche Figur insgesamt nur acht Zehen hatte. Eine geheime Kolonie von Buchliebhabern, deren Auftrag unbekannt war. Das Ganze also ein gewaltiges Experiment? Ein psychologisches? Ein medizinisches?

Beklemmende Atmosphäre und eine gewaltige Kino-Optik


Später glitt die ganze Serie zunehmend ins Mystery-Segment ab (für mich als alten Akte-X-und-Sci-Fi-Fan kein Problem), da gab es Zeitsprünge, geheime Dimensionsöffner und Transmitter-Zugänge zur Insel, die wie die Raum-Zeit-Falten bei Star Trek anmuteten (guter, alter Leonard Nimoy!). Warum das alles? Keine Antworten. Statt aufzuklären, schichteten die Macher nur Rätselfrage auf Rätselfrage, verdichteten die beklemmende Atmosphäre. Und das in einer gewaltigen Kino-Optik mit perfekten Actionsequenzen und großartigen Insel-Landschafts-Aufnahmen. Mann. Der Rausch war groß. Und damit nicht genug.

Einer der heimlichen Hauptdarsteller der Serie war die schicke Insel selbst mit ihrem merkwürdigen Eigenleben - nur dass es dort keine Strandbars gab, so wie hier auf diesem Foto.   (Pixabay.com/Public-Domain-Foto)


Tiefkühle voll, Wohnungstür zu - Binge-Watching mit „Lost“


Anstatt es bei einer linearen Handlung zu belassen, gab es noch die „Flash Forwards“, Szenen aus der Vergangenheit, die uns die Charaktere näherbringen sollten. So schien es jedenfalls. Bis es auch „Flash Sidewards“ gab, die die Charaktere in ganz anderem Licht zeigten. Oder eine alternative Zukunft zu eröffnen schienen. Noch mehr Rätsel taten sich auf. Hinzu kamen die zwar nicht immer vielschichtig angelegten Figuren, die aber doch gelegentlich mal ihre Charakterzüge wechselten (Benjamin Linus – gut, böse, ambivalent?). Oder gleich ganz verschwanden. Um andeutungsweise hier und da wieder aufzutauchen. Und immer neue Gruppen, die auf der Insel entdeckt wurden oder dorthin kamen und immer neue Verschwörungskonstellationen möglich machten. Mann, das hatte was. Ich erinnere mich noch daran, wie ich mich ganze Wochenenden lang in meiner damaligen Single-Wohnung eingeschlossen hatte, sobald eine neue DVD auf dem Markt war. Die Tiefkühle voll mit Fertigpizzen, im Kühlschrank Bier und Mineralwasser, gab es nur ein Ziel: „Lost“ gucken. Und dann das Entsetzen, wenn es wieder ein Jahr oder ein halbes auf die nächste DVD warten hieß (die Staffeln erschienen ab der dritten ja gerne in zwei Teile gestückelt, weil die Verantwortlichen gemerkt hatten, wieviel Geld sich damit machen ließ).

Alle „Lost“-Fragen gesammelt in einem Schreibheft


Irgendwann ab der vierten oder fünften Staffel schlich sich eine gewisse Ermüdung ein. Man war das ständige Actionfieber der Serie langsam gewöhnt, hatte sich am raschen Erzähltempo abgearbeitet, verlangte so langsam mal nach Aufklärung, wenigstens in Details. Und dennoch wurden noch weitere Geheimnisse eingeführt. Längst hatte ich mir ein Schreibheft zugelegt wie damals in der Schule, in dem ich alle Fragen notierte, die mir kamen. Warum entführen die Anderen die Kinder? Wer ist der Geist in der Scheune? Was will Peggys Vater? Was will die Dharma Initiative? Mehrere hundert Sätze mit einem Fragezeichen am Ende, zwei Hefte voll. Und das deutsche Feuilleton hörte nicht auf zu jubeln über dieses bis dato unerreichte TV-Ereignis (auch der „Stern“ lobte kräftig mit).

Bitte, bitte, keine Aliens – doch es kam noch schlimmer


Dann kam die sechste Staffel, die letzte. Und so langsam hatte einen schon die düstere Ahnung beschlichen, dass das Ganze wohl doch nur in einer Katastrophe enden könnte. Bitte, bitte, keine Aliens, das war die einzige Hoffnung (zumal zu diesem Zeitpunkt mit „Knowing“ ein Film im Kino lief, der genauso faszinierend und ominös begann, atmosphärisch packend, und am Ende ein Raumschiff in den Himmel steigen und den Zuschauer entnervt aufstöhnen ließ). Okay, es waren keine Aliens. Es war fast genauso schlimm. Oder - schlimmer.

Am Ende dann: Kain und Abel, Gut und Böse - och nöö


Anstatt ihre eigene Komplexität und Vielschichtigkeit ernst zu nehmen, strickten die Story-Autoren in der letzten Episode eine erschreckend dünne Geschichte über Kain und Abel und Gut und Böse und über die Insel als Zugang zu Paradies oder Hölle, als Gnadentor und Himmelspforte zusammen, an deren Ende die Guten alle Erlösung fanden und die Bösen alle tot waren. Eine Geschichte, die vor simplifizierten Banalitäten strotzte und die alle dem, was fünf Staffeln lang aufgebaut worden war, in keinster Weise mehr gerecht wurde. Geschweige denn, dass sie uns Fans den Gefallen tat, die dringenden Fragen wirklich zu beantworten. Es war halt alles irgendwie göttlicher und schicksalshafter Wille (der zuvor übermächtige Bösewicht war auf einmal, oh Wunder, wieder verletzbar – nur Sekunden vor dem entscheidenden Duell zum Finale… Huch?). So einfach kann man sich das machen. Auweia. Die Reaktionen? Von Entsetzen bis Naja war alles dabei. Erstaunlicherweise war es die Redaktion der F.A.Z., die nicht in den Kanon all der verlorenen „Lost“-ianer mit einsteigen wollte (die sich im Internet ihre eigenen Endfassungen erzählten). Okay, eines müssen wir „Lost“ zugestehen...

Okay, in mancherlei Hinsicht war "Lost" bahnbrechend



...die Serie war auf ihre Art bahnbrechend. Denn was sich die Macher hier getraut hatten, war damals revolutionär. Eine derart komplexe Handlung über mehrere Staffeln lang fortzusetzen, so dass ein Quereinstieg schon bald unmöglich war, das ist bis dato unerreicht – selbst die hochgeschätzte und im von Kriminalität und Polizeigewalt verseuchten Baltimore spielende Hochqualitätsserie „The Wire“ (deren grimmiger Realismus den aktuellen Ereignissen rund um den Tod des Schwarzen Freddie Gray durchaus einiges vorweggenommen hat, wie die taz richtig schreibt) ist bei allen durchlaufenden Handlungssträngen in mehrere Einzelkapitel unterteilt. Sollte das also wirklich schon alles gewesen sein? Selbst „Lost“-Hintermann Carlton Cruse, neben dem Genius J. J. Abrams („Star Wars 7“) der zweite Verantwortliche für die Show, scheint mit diesem Ende noch nicht ganz im Reinen zu sein und hält eine siebte Staffel für möglich. Nun ja. Lost, Staffel 7? Im Ernst? Ob das noch einer sehen will? Nee, also ehrlich: Lost“ ist durch. Die Serie ist ausgestrahlt, abgelaufen, bereit fürs Wiederholungsprogramm. Und wenn jetzt die Neue Osnabrücker Zeitung eine Artikelserie über die am meisten überschätzten TV-Serien unserer Zeit startet, dann zeigt uns das vor allem eins: Wieviele Serien inzwischen nachgekommen sind. Und zwar richtig gute. Auch das - dank "Lost". Irgendwie.  

An Stränden wie diesem erlebten die Helden manches Abenteuer, tat sich manches Rätsel auf - eine Reihe davon bleibt bis heute ungelöst. Ob es wohl eine siebte Staffel von "Lost" geben wird?   (Pixabay.com/Public-Domain-Foto

PS: Hochinteressant übrigens sind die mittlerweile aufgetauchten und im Internet geleakten Original-Serien-Entwürfe von "Lost", die so authentisch aussehen, dass es kein Fake zu sein scheint - darin enthalten ganz klar die Anweisung, das Geheimnis des Eisbären auf der Insel bitte nicht aufzuklären ("Sorry, we're not telling").

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