Sonntag, 17. Mai 2015

Trauerkultur im Wandel - wie Beerdigungen und Trauerfeiern immer individualisierter werden (Trends von der Bremer Messe "Leben und Tod 2015")


Osnabrück/Bremen - Auch Trauern ist Kultur. Und ein Trauerprozess schafft seine ganz eigene Kultur. Die allerdings ist derzeit in einem starken Wandel begriffen - gesellschaftlich, emotional und medizinisch. Als Mitbringsel vom Besuch der Messe "Leben und Tod" 2015 in Bremen (fand dort Mitte Mai statt) erschien unter anderem dieser unten stehende Artikel in der Neuen Osnabrücker Zeitung vom Samstag, 16. 5. 2015 - und für alle Blogleser aus der Ferne ist hier noch einmal der Originaltext aus der Neuen OZ als Blog-Duplikat zum Mitlesen:

Bremen - Särge, auf denen ein persönliches Motiv aufgedruckt ist. Zwei Musiker, die live auf der Trauerfeier auftreten und alles im Repertoire haben, was die Popkultur so hergibt. Und ein Kuscheltier, das aus der Kleidung des Verstorbenen genäht worden ist. Was die Trauerkultur in Deutschland angeht, ist der Trend zur Individualisierung ungebrochen und setzt neue Maßstäbe – dies zeigte sich auf der Messe „Leben und Tod“ in Bremen.

Die farbenfrohe Kiste sieht fast nicht mehr so aus wie ein Sarg, wären da nicht der aufklappbare Deckel und das hölzerne Innenleben: Ein Strandkorb am Meer spannt sich als überdimensionales Motiv einmal rund um den Korpus. Blauer Himmel, ein grünes Büschel Dünengras,  der hell schimmernde Sand – ein farbenfroher Abschiedsgruß für den Betrachter. Es ist nur ein Motiv von mehreren, das die Firma „Cremona“ aus Wildeshausen auf ihrem Messestand ausstellt. Wobei der Fantasie keine Grenzen mehr gesetzt sind – denn die Särge der Firma lassen sich individuell mit eigenen Fotos ebenso gestalten wie mit dem Motiv der Traueranzeige. Auch die Urne, die Einladung zur Trauerfeier, eine Kerze, ein Fotoalbum oder eine Erinnerungsbox aus Pappe können, wenn gewünscht, mit dem gleichen Motiv dazugebucht werden. 

Die Feier als optisch von vorne bis hinten durchgestaltetes Event: Was bei Hochzeiten heutzutage längst Standard ist, kann jetzt jeder Bestatter anbieten. Denn die Produkte lassen sich überall kaufen, wo es Särge gibt – „solange der Bestatter offen ist und es in seinen Workflow hineinpasst“ , wie der Vertriebsmitarbeiter Jürgen Stahl berichtet. „Das Produkt kommt aus den Niederlanden und ist binnen drei bis vier Tagen beim Bestatter eingetroffen“, sagt der 50-Jährige weiter. Mit Preisen zwischen 1150 und 1500 Euro ist ein solcher persönlicher Sarg dabei kaum teurer als ein gutes Standardmodell. Noch geht dies allerdings ausschließlich bei einer Feuerbestattung... 


Ein Sarg mit einem individuell zu gestaltenden Motiv, das sich auch auf Erinnerungsbox, Urne und weiteren Accessoires wiederfinden kann: Jürgen Stahl (hockend) und Thomas Marcus Pludra zeigen, wie sehr Beerdigungen individualisiert werden können. (Thomas-Achenbach-Foto)

Denn die Außenhaut der Särge ist, damit sie bedruckbar wird, aus einer Zuckerrohrfaser gefertigt, die den Anforderungen an die Erddrucksicherheit zurzeit noch nicht entspricht. Wobei die Firma zuversichtlich ist, dass sich das noch ändern könnte, wie Jürgen Stahl betont.

Mit einem guten Bauchgefühl rein in die Nische


Die Trauerfeier als Institution entfernt sich derzeit zunehmend vom über viele Jahrzehnte bekannten Normmaß. In diesem Trend sehen auch die Musiker Hille Müller-Hoek und Willi Klassen aus Papenburg ihre Marktlücke. Nach ihrer Erfahrung haben es heutzutage vor allem jene Angehörigen schwer, die sich für die Trauerfeier des Verstorbenen einen musikalischen Beitrag außerhalb von Kirchenmusik wünschen – „das kommt dann fast immer von einer CD“; wie die 50-jährige Müller-Hoek festgestellt hat. Also hat sich das musikalische Duo nun selbstständig gemacht, um diese Lücke als Live-Musiker aufzufüllen. Unter dem Firmennamen „Trauer-Musiker“ bieten Sie ihre Dienste an. 

Mit Klavier und Saxophon sowie Querflöte ausgestattet, können die beiden ein musikalisches Spektrum abdecken, das bei der Vertonung des bekannten Bonhoeffer-Ausspruchs „Von guten Mächten wunderbar geborgen“ beginnt und von Udo-Jürgens-Songs („Immer wieder geht die Sonne auf“) über bekannte Pophits („My Heart Will Go On“) bis hin zu Swingklassikern wie dem „Girl From Ipanema“ reicht. „Wir sehen uns nicht als Konkurrenz zur Kirchenmusik“, betont die 50-Jährige, die in der Vergangenheit auch schon einmal eine eigene Musikschule geleitet hatte, „sondern wir glauben ganz sicher, dass wir eine eigene Nische gefunden haben“. 

Zehn Jahre lang hatte sich die Papenburgerin mit der Idee herumgetragen – dann wurde das Bauchgefühl immer stimmiger. Weil Müller-Hoek parallel ein Studio für Klaviere in Papenburg betreibt, kann auf Wunsch sogar ein echter Flügel für die Live-Musik dazugebucht werden – „solange die Veranstaltung nicht im dritten Stockwerk stattfindet“, sagt die gebürtige Ostfriesin. Nur wenige Stände entfernt wähnt sich der Messebesucher plötzlich in einer anderen Welt...


Live-Musik für die Trauerfeier – darin sehen Willi Klassen und Hille Müller-Hoek aus Papenburg ihre Marktlücke. (Thomas-Achenbach-Foto)

Die runden und knuddeligen Stofftiere, die an einem mit weißem Holz ganz freundlich ausgestalteten Stand zu sehen sind, scheinen so gar nicht in den Kontext aus Trauer und Tod zu passen. Doch diese sogenannten „Mapapus“ (Mama-Papa-Puppen) sollen gerade dann helfen, wenn die Seele wackelt: Ihre Außenhaut besteht aus Kleidungsstücken der Verstorbenen. Jedes Stofftier ist ein individuell gefertigtes Einzelstück – und weil die Arbeit daran rund 10 bis 12 Stunden beträgt, ist ein solches „Mapapu“ mit rund 220 Euro auch kein günstiges Schnäppchen. 

Die Idee dazu war der Erfinderin Jennifer Arndt-Lind gekommen, als sie sich mit ihrem jetzigen Lebenspartner Hendrik Lind – der sich um Vertrieb und Vermarktung kümmert – zusammentat. Beide hatten ein Kind aus der ersten Beziehung – und um es dem Nachwuchs beim Bilden der neuen Patchworkfamilie so leicht wie möglich zu machen, entstanden die Patchworkpuppen, mit je einem Kleidungsteil von je einem originären Elternteil für die jeweligen Besuche bei Mama oder Papa. Weil die Kleidung, sofern sie nicht gewaschen worden ist, noch sehr lange den Geruch des Menschen speichert, der sie getragen hat, ist ein solches nach Mama oder Papa riechendes Knuddeltier auch gut geeignet für Kleinkinder mit Schlafproblemen. Deswegen wird die eingeschickte Kleidung vor der Verarbeitung auch jeweils in geschlossenen Plastikkartons einzeln aufbewahrt.

Das Angebot ist begehrt: Noch kürzlich hatte eine Großfamilie nach dem Tod der Oma für jeden der acht Enkel ein eigenes Oma-Mapapu bestellt, wie Jennifer Arnd-Lind erzählt. Inzwischen gibt es mehr als 600 der Stofftiere auf der Welt -  nicht nur für Kinder: „Jedes zweite wird für Erwachsene gemacht“. Auch bei Sternenkindern oder gestorbenen Babys sind die Mapapus gern genommene Seelentröster für die Eltern - allerdings braucht die Kleidung eine gewisse Mindestgröße (Konfektionsgröße 86), damit ein schön rundes kleines Knuddeltier entstehen kann. Neu im Repertoire hat die Firma ein Seminar zur Trauerbewältigung....:

Zwei Kleidungsstücke werden ein Stofftier: Jennifer Arndt-Lind und Hendrik Lind zeigen ihre „Mapapus, individuell gefertigte Puppen als Seelentröster. (Thomas-Achenbach-Foto)

Unter Anleitung von Jennifer Arnd-Lind können die Teilnehmer mit der Kleidung der verstorbenen Angehörigen ihre eigenen Stofftiere nähen. „Richtig hart ist immer nur der erste Schnitt in die Kleidung“; erzählt die Näherin –  die inzwischen sogar zwei Nähkräfte zur Unterstützung angestellt hat. „Danach ist es jedoch eine angenehm meditative Arbeit, die mit ganz viel Liebe zu tun hat“, sagt Hendrik Lind. Wie die Resonanz der auf der Messe anwesenden Trauergruppen und Trauerbegleiter zeigte, scheint das kleine Familienunternehmen damit auf dem richtigen Kurs zu sein. Individuell durchlebte Trauer weckt eben auch ein großes Kuschelbedürfnis.


- Artikel erschienen in der Neuen Osnabrücker Zeitung, 16. 5. 2015

- Auch interessant: Eine Nachlese der Messe "Leben und Tod 2015" in Bremen - wie sich die Trauer- und Sterbekultur in Deutschland wandelt und was das mit Kultur zu tun hat (inklusive einiger exklusiver und wunderschöner Zitate)




1 Kommentar:

germanpostodc hat gesagt…

Als nicht ganz so ernste Weiterführung des Themas könnte ich noch diesen Film hier empfehlen:
http://de.m.wikipedia.org/wiki/Grabgeflüster_–_Liebe_versetzt_Särge
Besonders Christopher Walken als kreativer bzw. alternativer Beerdigungsunternehmer ist großartig...