Donnerstag, 16. Juli 2015

Mit „Cats“ wurde alles anders… so startete der deutsche Musicalboom. Mini-Serie, dritter Teil: Wer „Cats“ denkt, sieht Augen – wie das Musical als Wirtschaftsmacht aufgebaut wird und warum das den deutschen Kulturschaffenden missfiel


Osnabrück/Tecklenburg – Mit „Cats“ wurde damals alles anders. Aus heutiger Sicht mag es undenkbar sein, dass es in Deutschland einmal eine Zeit ohne große Musicaltheater und ohne den kulturellen Busreisenfaktor gegeben hat – und doch war es lange so. Erst mit der deutschen Erstaufführung des Katzenmusicals vor 29 Jahren begann ein neues Zeitalter. Wenn jetzt, im Sommer 2015, auf der Freilichtbühne Tecklenburg die zweite von zwei exklusiven und nicht an die Originalauflagen gebundenen Inszenierungen des Andrew-Lloyd-Webber-Musicals aufgeführt wird (läuft noch bis 12. 9. 2015), lohnt sich deswegen auch ein Rückblick – in Form einer Miniserie (Hier geht es zum ersten Teil und hier geht es zum zweiten Teil). Heute in Teil Drei: Warum das Musical am Anfang Akzeptanzprobleme hatte - und wie die Marktmacht mit geschicktem Marketing immer weiter ausgebaut wurde. 


"Cats - now and forever", titelte der Musicalproduzent Stella bereits 1996 in einer Werbebroschüre. Und sollte damit Recht behalten. Jedenfalls, was das Musical "Cats" angeht.  (Achenbach-Foto)


Wer schon einmal in London gewesen ist, der kennt diesen Anblick: Auf allen roten Doppeldeckerbussen prangen Werbeschilder für die aktuell im West End laufenden Musicalproduktionen. Auch die beiden gelben Katzenaugen, in denen erst bei näherem Hingucken die Silhouette einer Tänzerin sichtbar wird – seit jeher das Logo des Musicals „Cats“ – wurden viele Jahre lang omnipräsent spazierengefahren. Der Unternehmer Friedrich Kurz, der sich exklusiv die Deutschland-Rechte für „Cats“ gesichert hatte, importierte diese Idee erstmals nach Deutschland: Nicht nur in Hamburg waren die Augen überall zu sehen, auch die in allen deutschen Intercitys ausliegenden Faltblätter „Ihr Zugbegleiter (IZB)“ wurden mit Musicalwerbung bestückt. In den 80er Jahren sorgte das für Sorgenfalten auf den Stirnen der Kulturschaffenden: Theater und Kommerz, das galt als Teufelspaar. Nur in Deutschland gibt es als einzigem Land der Welt diese Debatte über „E und U“ – Ernste und Unterhaltende Kunst. Sie wird auch heute noch emsig geführt, auch wenn Werbung für Musicals längst zum gewohnten Erscheinungsbild gehört.

Wer „Cats“ denkt, sieht Augen – Vermarktung ist alles


Wer „Cats“ denkt, sieht Augen. Das war die Idee, die die 1977 gegründete „Really  Useful“-Gruppe – Lloyd Webbers eigene Promtionfirma  - zur Vermarktung des Musicals entwickelte. In Kombination mit dem gelben Farbton (die Farbwerte sind fest vorgegeben), dem weißen Schriftzug und dem schwarzen Hintergrund gehört das alles zur sogenannten „Corporate Idendity“ der Marke „Cats“. Das Musical daselbst wird zur Wirtschaftsmarke – und zur Wirtschaftsmacht, denn alles, was mit Logo und Schriftzug verziert wird, muss(te) von Really Useful abgenickt worden sein, von der Bettwäsche bis zum Kaffeebecher. Alleine das sorgte bei deutschen Kulturwächtern für Unmut – doch als nahezu nicht zumutbar wurde empfunden, was sich Andrew Lloyd Webbers Firma per Rechtevertrag an künstlerisch-kreativen Einflussmöglichkeiten zusichern ließ (und lässt). Das „Hamburger Abendblatt“ fasste es im Februar 1986 passend zusammen: „Wer immer ,Cats' aufführen will, muss Choreographie, Ausstattung, Kostüme und Lichtregie mitkaufen. Die erfolgreiche Version der Londoner Uraufführung von 1982 darf nicht angetastet werden.“

Von Sydney über Paris bis Hamburg – weltweit baugleich


Mit „Cats“ hielt in der deutschen Theaterszene erstmals das Konzept der immergleichen Inszenierungen Einzug, das heutzutage als Standard gilt: Ein so genannter Resident Director sorgt vor Ort dafür, dass die Originalinszenierung eins zu eins wiedergegeben wird. Was in London, Sydney, Paris oder Wien aufgeführt wird, ist baugleich vom Bühnengeschehen bis zum Vermarktungskonzept, nur die Sprache ändert sich. Kein Wunder, dass die deutschen Kreativen hier den Ausverkauf ihrer Kunst vermuteten: In keinem anderen Land der Welt gibt es so viele Theater  (von den weltweit ca. 160 Opernensembles befinden sich allein 80, also rund die Hälfte, in Deutschland), in keinem anderen Land der Welt wird das auf Provokation und Irritation abzielende Regietheater, das den Zuschauer zum Mitdenken anregen soll, so gepflegt wie bei uns.

Die Zukunft fest im Blick – „Cats“ war nur der Auftakt


Doch alle Klage half nichts: Mit seiner 1988 gegenüber der Zeitschrift „Das Musical“ geäußerten Vermutung, allein der westdeutsche Markt vertrüge bis zu zwanzig kommerziell betriebener Musicalshows, hatte sich „Cats“-Produznt Friedrich Kurz zwar ein wenig überschätzt – aber wie wir heute wissen, lag er nur knapp daneben. Und seine nächsten beiden Schachzüge hatte der clevere Geschäftsmann bereits in Vorbereitung: Die deutschen Rechte an „Starlight Express“ und dem „Phantom der Oper“ gehörten ihm exklusiv. Jetzt galt es nur noch, die Spielstätten zu finden –und die Finanzierung. Kein Problem für den gewieften Schwaben… aber das ist eine andere Geschichte und sie soll ein anderes Mal erzählt werden.


Infos zum Musical: „Cats“ von Andrew Lloyd Webber auf der Freilichtbühne Tecklenburg – Premiere war am 18. 7. 2015. Die weiteren Aufführungen laufen bis zum 12. 9. – Karten und Infos unter Telefon 05482/220.

Ebenfalls in diesem Blog: Der Katzenball im Zirkuszelt – warum das Musical „Cats“ auf der Freilichtbühne Tecklenburg im Sommer 2015 als Sensationgilt.

Ebenfalls in diesem Blog: Wenn die Dämmerung in der Dämmerung stattfindet - so ist das Musical "Sunset Boulevard" auf der Freilichtbühne Tecklenburg.



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