Dienstag, 7. Juli 2015

Wünscht Euch bloß nicht zuviel… Was uns das Musical „Into The Woods” von Stephen Sondheim fürs Leben lehren kann – die Hollywood-Verfilmung von Regisseur Rob Marshall ist jetzt auf DVD erschienen (eine Rezension)


Rot wie Blut.... ist auch das Cape vom Rotkäppchen.  (Achenbach-Foto/analoges Leica-Leitz-Makro-Objektiv)


Osnabrück - Am Ende ist es die Hexe, die das ebenso vernichtende wie bitterwahre Urteil über den Rest der Bevölkerung spricht: „Ihr seid alle so nett“, sagt sie angewidert – „nichts als nett - und richtet nur Schaden an“. Hier eine kleine Notlüge, dort ein Mini-Diebstahl, hier eine kleine Vertuschung; hauptsache, die eigenen Wünsche gehen in Erfüllung…. Tatsächlich haben sie alle nach dieser Maxime gehandelt, die hier versammelten Märchenfiguren: der Bäcker und seine Frau mit ihrem nicht erfüllten Kinderwunsch, das Rotkäppchen mit seinem Hunger nach Süßem, die feschen Prinzen mit ihren amourösen Abenteuern und das Aschenputtel mit seinen Sehnsüchten nach Freiheit und Würde. Aber in der Summe ihrer Lügen und Verstrickungen erzeugen sie ganz neue Katastrophen, die über sie hereinbrechen. Und am Ende kommt keiner ohne seelische Narben aus der Geschichte heraus – von wegen „glücklich und zufrieden bis an Ihr Lebensende“…

Sie sind alle mit dabei: Rotkäppchen, Aschenputtel, Rapunzel, Hexe...


Das Musical „Into The Woods“ mag als lockerleichte Komödie mit einer sehr süßen Musik daherkommen – es steckt eine doppelbödige Ironie und Tiefe in dem düsteren Vexierspiel, das der Textautor James Lapine und der Komponist Stephen Sondheim 1987 an den Broadway brachten und das jetzt in der Rob-Marshall-Verfilmung aus dem Hause Disney frisch als DVD veröffentlicht worden ist. Das Musical geht der Frage nach, welchen Preis wohl die Figuren der verschiedensten Märchen zu zahlen hätten, wenn sich all ihre sehnlichsten Wünsche erfüllt hätten. So treffen bekannte Figuren wie Rotkäppchen, Aschenputtel, Rapunzel, die böse Hexe und Co. aufeinander – und ihre Geschichten verflechten sich zu einem dichten Netz, das in die finale Katastrophe führt. Düsterer Stoff mit Tiefenwirkung. Wer den Film im Kino verpasst hat, kann ihn sich jetzt also nach Hause holen. Und das kann sich durchaus lohnen – vorausgesetzt, man mag erstens die bildgewaltige Optik heutiger Märchenverfilmungen und hat zweitens nichts gegen Filme, in denen zu 90 Prozent gesungen und zu 10 Prozent gesprochen wird. Also: Musicals. Und Tricktechnik.

Kino-Opulenz, moderne Märchenoptik plus Gesang - muss man mögen 


Denn natürlich hat Regisseur Rob Marshall – der schon die Musicals „Chicago“ und „Nine“ in Kino-Opulenz übersetzte – das ganze ihm zur Verfügung stehende Arsenal an Tricktechnik benutzt: Wenn die Hexe schließlich vom Erdboden verschluckt wird, tut sich ein im Sturmeswirbel öffnender Maulschlund unter ihr auf. Wenn die Riesin durch den Märchenwald stampft, ist sie eine eindrucksvoll ältere Frau zwischen Häme und Bitterkeit – mit gigantischen Ausmaßen. Die Hauptrollen wurden zudem mit bekannten Hollywood-Stars wie Meryl Streep oder Chris Pine besetzt (und, in der Nebenrolle des Bösen Wolfs, leider auch mit dem toll spielenden, aber miserabel singenden Johnny Depp). Das alles hat der Verfilmung viel Schimpf und Schande eingebracht...  


Disneys "Into The Woods"? Najaaa... Eigentlich ist es ja Sondheims "Into The Woods". (Achenbach-Foto/analoges Leica-Leitz-Makro-Objektiv)


Cleverer als Lloyd-Webber, anspruchsvoller als man denkt


Und tatsächlich kommt es darauf an, welchen Standpunkt der Betrachter des Films einnehmen möchte. Dem allgemein kulturinteressierten Film- und Theaterfreund, der sich mit dem Thema Musiktheater nicht alltäglich auseinandersetzt, macht die Verfilmung einen appetitlichen Erstkontakt mit dem Komponisten Stephen Sondheim möglich – dessen Werke sich von der Masse der rein unterhaltenden Musicals á la Lloyd Webber & Co. angenehm abheben, weil sie – stets clever komponiert und getextet – durchaus intelligente Impulse mit sich bringen oder auch mal polyphone oder dissonante Klänge beinhalten. Sondheim macht deutlich, wieviel Tiefe und Anspruch künstlerisch und dramaturgisch im Thema „unterhaltendes Musiktheater“ stecken können, ohne dabei die Leichtigkeit zu verlieren.

Steht Disney drauf, ist echter Sondheim drin


Dem Musical-Fan, der die feingesponnene Tiefgründigkeit und die stillen Momente der Partitur durchaus schätzt, dürfte vieles an der Verfilmung missfallen – zu plakativ, zu stark orientiert an optischen Vorbildern aktueller Blockbuster, tricktechnisch zu aufgemotzt. Alles stimmt. Man muss den Verantwortlichen indes zugute halten, dass sie sich bis auf wenige Änderungen weitestgehend an das Original gehalten haben – der Name „Disney“ hätte da Schlimmeres befürchten lassen. Nur zwei sehr schöne Songs sind für den Film leider auf reine Instrumentals reduziert worden („Ever After“, „No More“), obwohl sie recht berührende Texte gehabt hätten. Das ist dem Umstand geschuldet, dass Rob Marshall auf große Ensembleszenen verzichtet hat, wohl, um einem realistischeren Anstrich der Verfilmung den Vorzug zu geben. So wird „Ever After“ einfach als Score-Musik für die Doppelhochzeit der Prinzen benutzt. Nun denn, im Film funktioniert es.

Warum die Tonspur besser nicht auf Deutsch sein sollte


Gottseidank haben die deutschen Verleiher zudem darauf verzichtet, eine deutschsprachige Synchronversion des Films einsingen zu lassen (wie beispielsweise beim „Phantom der Oper“ geschehen). Zwar ist die vorliegende deutsche Übersetzung von Mastermind Michael Kunze durchaus gelungen, aber nichts kann dem ebenso rasanten wie brillanten Wortwitz eines Stephen Sondheims gerecht werden. Auch nicht die allerbeste Übersetzung. Die meisten Darsteller machen ihre Sache souverän – abgesehen vom fehlbesetzten Johnny Depp, der hier offensichtlich nur als „Großer-Name-Publikumsmagnet“ beteiligt ist. Meryl Streep als Hexe spielt und singt indes alle an die Wand. Rein soundtechnisch gibt es nix zu meckern: Wuchtig, wummernd, aber mit hübschen neuen Arrangement-Ideen verziert kommt diese Neueinspielung eines der feinsten Sondheim-Musicals daher. Wer sich allerdings für die Musik an sich interessiert, findet in den bestehenden Broadway-Aufnahmen die besseren Varianten. Der Filmsoundtrack (2 CDs) besteht zu einem Viertel aus dazukomponierten Score-Elementen, lässt aber ein paar Nummern wie „One Midnight Gone“ vermissen.

Warum der Film einem die Augen öffnet


In einer Hinsicht verfehlt auch der Film seine Wirkung nicht: Wer nach dem Betrachten und Anhören mit offenen Sinnen durch die Welt geht, dem wird auffallen, wieviele Menschen um einen herum genau jenem Schema verfallen, das die Figuren des Märchenmischmaschs in die Katastrophe führt: Ich wünschte, mein Leben wäre anders. Ich wünschte, ich hätte mehr Geld. Ich wünschte, ich lebte in einer anderen Stadt. Ich wünschte, ich hätte einen zufriedenstellenderen Beruf. Schön und gut. Doch welchen Preis wird es wohl haben, wenn all diese Wünsche in Erfüllung gingen? „Careful the things you wish – careful the things you say“ – rät uns dazu Stephen Sondheim. Wir sollten ihm zuhören...




Keine Kommentare: