Donnerstag, 27. August 2015

„Akte X“ kehrt 2016 ins Fernsehen zurück – und das Barometer steht auf "Blut und Ekel". Wie krass wird die Staffel Zehn wohl werden und wie weit sollte das Fernsehen überhaupt gehen dürfen?



"Spooky Mulder" im Schatten der Aliens - ob die Außerirdischen  und die große  Regierungsverschwörung in der zehnten Staffel auch wieder eine große Rolle spielen wird?  (Carlsen-Comic-Grafik, Achenbach-Foto, fotografisches Lichtführungs-Experiment mit Langzeitbelichtung und Taschenlampe)


Osnabrück – Oh, die X-Akten kehren zurück… Habe ich das richtig in Erinnerung? Damals, 1997, als die „Akte X“ erstmals in TV kam, gab es da nicht auch schon eine Diskussion darüber, wie weit das Fernsehen gehen dürfte? Wie hoch der Blutzoll, der Ekelfaktor und der Gruselfaktor sein dürften? War das so? Falls ja, gibt es keinen eindeutigeren Beweis dafür, wie sehr man als TV-Zuschauer abstumpft als diesen – denn wer sich heutzutage die neun Staffeln der ersten „Akte X“ ansieht, kann nur noch milde lächeln ob der harmlosen Gummipuppenaliens und der allzu künstlich aussehenden Spinnwebenkulissen, in denen die Serie so spielt. Klar, das Medium "Fernsehserie" hat sich seit 2002 kolossal weiterentwickelt. Gewaltige Bilder in Kino-Optik, Top-Schauspieler, die sonst nur in Filmen mitspielen, epische Erzählstrukturen über Staffeln hinweg - das alles ist noch immer eine neuere Entwicklung, vergleichsweise. Klar, die X-Akten waren ein erster vorsichtiger Wegweiser in diese Richtung - seither hat sich viel getan. 

Alle sind mit dabei - aber das Medium hat sich verändert


Jetzt ist also ein Revival der Serie angekündigt, Januar 2016 soll es starten, sechs Folgen wird es wohl geben und alle sind sie wieder mit an Bord, wie sie kürzlich auf ihren Twitter-Accounts bestätigten. David Duchovny als Mulder, Gillian Anderson als Scully und sogar Mitch Pileggi als ihr FBI-Boss. Stellt sich bloß die Frage: Wie schlimm wird es wohl werden? Angesichts der drastischen Gewaltdarstellungen, zu denen das TV heutzutage fähig ist, und angesichts der Ekeldarstellungen, mit denen vor allem Fernsehserien heutzutage von sich reden machen, muss man ja förmlich Angst vor jeder neuen Serie haben. Und, siehe da, angekündigt haben die Serienmacher schon jetzt, dass sie eine der umstrittensten Folgen der Serie mit einer Fortsetzungsgeschichte neu aufleben lassen wollen.


Die umstrittenste Folge der ganzen Serie wird fortgesetzt


 „Home“ („Blutschande“), eine Inzestgeschichte, war für manche „Akte-X“-Fans schon damals eine Orgie an Abstrusem und Brutalität – in den USA war sie verboten. „Home Again“ wird dies wohl ebenfalls sein (also: eine Orgie, verboten vermutlich nicht). 
Oder wird es gar nicht so drastisch? Es werde im AKte-X-Reboot sicherlich düsterer zugehen als früher, sagte schon David Duchovny in einer Talksendungdenn man dürfe sich heutzutage ja mehr erlauben im TV. Er relativierte die Aussage aber zugleich: Keiner habe Lust darauf, düsterer zu werden als „Hannibal“ (gottseidank). In Gedanken ergänzt der diese Zeilen schreibende emsige Beobachter des TV-Marktes noch: „… oder ,Game Of Thrones‘ oder ,Utopia‘ oder ,Daredevil‘…“. 

Dominik Graf hatte recht: TV darf viel mehr als Kino


Der deutsche Regisseur Domink Graf hat einmal zum Serien-Magazin „Torrent“gesagt, im Fernsehen dürfe man sich ja in Sachen Gewaltdarstellung heute viel mehr erlauben als im Kino. Wie es scheint, reizen die Serienmacher allerorten diesen Faktor gerade aus – bis  zum Exzess.

TV-Serien reizen die Grenzen des Erträglichen aus


Köpfe, die von bloßen Händen zerquetscht werden. Ausgestochene Augen, abgeschnittene Glieder. Das ganze hübsche Pipapo des Brutalstmöglichen… Bis an die Grenze des Erträglichen gingen die Gewaltszenen in „Game Of Thrones“, versichern mir Fans der Serie glaubhaft (ich selbst habe mich für all dies Rüstungs-Schwerter-Machtspiel-Gedöns noch nie so wirklich interessieren können)…  Und was sich so über Serien wie „Utopia“ oder „Hannibal“ oder „The Walking Dead“ lesen lässt, macht den Eindruck, als ginge es dort nicht unbedingt harmloser zu. Ja, auch in Sachen "Hanibal" scheint die Ekelgewalt ja stets neue Schwellen zu überschreiten... (wer es unbedingt sehen will, tippt "most gruesome hannibal moments" in die Suchmaschinenleiste, aber seid gewarnt, mich haben diese Bilder bis in den Nachtschlaf verfolgt bzw. mich davon abgehalten - ehrlich, würg, wer soll das ertragen?). Die Argumente der Macher, die diese Darstellungen als notwendig darstellen, sind bekannt…:

Die Gründe sind bekannt: Gewalt soll niemals Selbstzweck sein


Die Gewalt sei niemals Selbstzweck, sie sei immer aus den Charakteren heraus motiviert, sei sei ein sich rein aus der Dramaturgie der jeweiligen Serie heraus ergebender schlüssiger und integraler Bestandteil (in Sachen „Game Of Thrones“ kommt noch das Argument hinzu, schon im Mittelalter sei es wenigstens genauso grausam zugegangen, also müsse man das auch zeigen dürfen). Außerdem rege die innere Form der Serien den Zuschauer dazu an, sich eine eigene Meinung zu bilden, sein eigenes Moralsystem zu hinterfragen, zumal es in modernen Serien oftmals kaum eine heldenhafte Identifikationsfigur gebe. Klingt schlüssig. Klingt so, als gäbe es keinen Abstumpfeffekt. Den Gegenbeweis liefert Youtube...:

Mulder in Aktion, Scully angeschossen - unsere Helden geraten gewiss wieder in gefährliche Situationen... So wie hier in dieserm Carlsen-Comic aus dem Jahr 1998.  (Achenbach-Foto) 

Sparen wir uns die Dialoge und den Quatsch...


Wer dort in der Suchfunktion beispielsweise die Stichworte „Game of thrones“ eingibt, bekommt als Ergänzungsvorschlag „… brutalste Szenen“ gleich mit dazu geliefert. Klickt man das an, bekommt man in Fünf-Minuten-Zusammenschnitten alle krassen Blut-und-Gedärm-Momente der Serie als „Best Of Blood“. Frei von jedem dramaturgischen Zusammenhang, unverschlüsselt, für Jedermann. Toll, da kann man sich also alles sparen, was Dialoge, Handlungs- und Charakterentwicklung angeht – all dieses langweilige Zeugs - und gleich zum Kern der Sache vorstoßen. Denn letztlich ist es doch das, worum es wirklich geht: Krasser Gewaltscheiß. Das ist eben einfach faszinierend. Ergo: Je krasser, desto faszinierender. Bleibt bloß die Frage: Wo ist die Obergrenze? Haben wir sie schon erreicht? Gibt es überhaupt eine?

Krasser, blutiger, ekliger – TV im Widerlichkeitenwettstreit


In Sachen Fernsehserien läuft offenbar ein Wettbewerb unter den Verantwortlichen, wer es wohl schafft, die noch schlimmere, noch drastischere, noch radikalere TV-Serie auf den Markt zu bringen, ohne dafür abgestraft zu werden (und trotzdem jede Menge Emmys zu kassieren). Ob das wirklich sein muss, darüber streiten die Serienfans zurzeit emsig. Wobei die „Game of thrones“-Fraktion fast überwiegend der Meinung ist, es ginge sehr gut auch ohne die krasse Gewalt und die Serie verlöre dadurch keinesfalls an Faszination. Aber hätte sie auch dieselbe Aufmerksamkeit bekommen?  Wie es weitergehen wird, zeichnet sich bereits ab...:

Mysteriöse Vorkommnisse, Rätselfragen und Ungeklärtes - mit den X-Akten begann in den 90er Jahren der Mystery-Boom im Fernsehen, der teils bis heute anhält. (Carlsen-Comic-Grafik, Achenbach-Foto, fotografisches Lichtführungs-Experiment mit Langzeitbelichtung und Taschenlampe)

„Scream“ als TV-Serie startet auf MTV – „Scream Queens“ folgen


Auf Youtube ist bereits die erste Folge der Serien-Adaption des Horror-Franchise „Scream“ zu finden, die in den USA auf MTV läuft. Die Episode läuft keine 6 Minuten, da werden einem jungen Mädchen von hinten der Rücken zerschlitzt und die Kehle durchgeschnitten (mit der obligatorischen Blutfontäne) – noch vor dem Vorspann. Was wohl noch so folgen wird? „Saw – the series“ als HBO-Blutgrätsche? „Torture Porn, the series“ als Netflix-Original? Selbst die guten deutschen Serienklassiker wie der „Polizeiruf 110“ greifen inzwischen ja zum Folter-Splatter-Schock á la Hollywood.

Wie wird der Standard in 15 Jahren sein?


Wenn ich mich also in etwa 15 Jahren mit meiner Tochter über die aktuellen Serien unterhalte, die sie so anschaut, was wird dann ihr gewohnter Gewaltstandard im TV sein? Und werden die Teenager der Zukunft ebenso schmunzeln angesichts dessen, worüber wir uns heute Sorgen gemacht haben –  so wie wir die X-Akten jetzt als harmlos empfinden, obwohl die Serie 1997 eine Diskussion wie diese ausgelöst hatte? Nun, wir werden sehen. Ein kritischer Beobachter bleiben, der seine Freude am Hochqualitätsstandard moderner Serien hat, die Exzesse aber nicht braucht - das könnte sicher nicht schaden. Und sich parallel ein bisschen auf das Akte-X-Remake freuen, das wollen wir uns trotzdem erlauben. Sofern es nicht zu krass wird. 


Das Logo der Serie ist legendär geworden... (Achenbach-Foto)



Keine Kommentare: