Freitag, 21. August 2015

#BayreuthFest... : Wie ein Fake-Account auf Twitter im Sommer 2015 die Kultur- und die Internetszene aufmischte und was der Grund dafür war - Interview mit Juana Zimmermann (24), der Macherin vom Bayreuth-Fake




So sehen die Bayreuther Festspiele auf Twitter in Wahrheit aus: Die 24-jährige Studentin Juana Zimmermann steckte unter anderem hinter dem Fake.  (Eingesandtes Foto/eigen)



Osnabrück/Bayreuth - Die Internetgemeinde hatte im Sommer 2015 wieder gut lachen… da kamen ein paar Spaßvögel vom Blog „Musik – mit allem und viel scharf“ und fakten einfach mal einen offiziellen Twitter-Account für die „Bayreuther Richard-Wagner-Festspiele“. Aber nicht etwa als Guerilla-Account mit nichts als Blödsinn darin, sondern ganz ernst und ganz echt, mit allem drin, was der Twitter-Auftritt eines Festspielveranstalters so haben sollte: Hinweise auf Veranstaltungen, auf Opernaufführungen („Heute 16 Uhr Siegfried“) und lustige Aktionen mit Hashtags („Why I Love Wagner“). 


Danke für das "Toi, Toi, Toi" - Bayreuth begeht eine Todsünde


Nicht alles lief rund, es sind sogar lustige Fehler passiert. Unter anderem haben sich die falschen Bayreuther Festspiele für ein "Toi, Toi, Toi" bedankt – das gilt im abergläubischen Theaterbetrieb eigentlich als Todsünde. Hat aber trotzdem niemand gemerkt. Auch der Autor dieser Zeilen ist drauf reingefallen und hat den Auftritt als einen echten wahrgenommen. Aufgeflogen ist der Schwindel dann doch irgendwann. Den Machern ist zwar Ärger angekündigt worden, wie die Süddeutsche Zeitung berichtete, doch bisher ist noch keine Post vom Anwalt angekommen, wie die Hintermänner mir noch im September 2015 mitteilten. Doch es bleiben auch so eine Menge an Fragen im Raum: Was sollte das Ganze? Wie habt Ihr das gemacht? Und wie geht es jetzt weiter? Das weiß keiner besser als  Juana Zimmermann vom Musik-mit-Scharf-Blog, denn sie hat den Fake-Account betreut. Also fragen wir sie…


Juana Zimmermann, hat sich der Anwalt der Bayreuther Festspiele schon bei Dir gemeldet?

Nein, mit uns ist noch niemand von den Bayreuther Festspielen in Verbindung getreten.

Aber Angst hast Du nicht? Könnte ja zumindest eine Unterlassungserklärung geben – oder sogar Urheberrechtsklagen.

Natürlich war immer eine Befürchtung da, dass rechtliche Schritte eingelegt werden könnten. Andererseits lässt Twitter in seinen AGBs ausdrücklich Satire/Fan-Accounts zu. Unser Material bezogen wir aus frei zugänglichen Quellen und das Bildmaterial war CC.

Okay, also Hand aufs Herz: Wie viele Wagner-Opern hast Du denn schon gesehen – nicht nur, aber auch, in Bayreuth?

Ich war noch nie in Bayreuth. Ich glaube, dass hat man den Tweets auch sehr schnell anmerken können. Ich habe mich im ersten Tweet beim Wort Bayreuth sogar verschrieben. Ich erinnere mich nur an den Fliegenden Holländer, den ich vor einigen Jahren in Hildesheim gesehen habe. Ich bin kein regelmäßiger Operngänger.

Und wie ist Dein Verhältnis zur Oper insgesamt?

Um ehrlich zu sein schwierig. Das ist einfach nicht meine Musik. Klassischer Gesang spricht mich nicht an. Da ich einen musikwissenschaftlichen Studiengang studiere, setze ich mich natürlich schon hin und wieder mit der Thematik auseinander. Aber wenn ich es mir aussuchen kann, beschäftige ich mich am Liebsten mit Bach, Sinfonischen Dichtungen, Kammermusik und der Neuen Musik. Aber @bayreuthfest war eine schöne Gelegenheit sich mit der Thematik auseinanderzusetzen.

Wie habt Ihr das denn gemacht – woher stammte das Material für den Twitterauftritt?

Zusammengetragen aus verschiedensten Medien und Quellen. Aber niemand von uns war in Bayreuth. Wir haben ein altes Bild vom Bayreuther Festspielhaus aus dem letzten Jahr gehabt. Aber das war es schon an authentischem Material.

Wie lange ist es denn gutgegangen mit dem Account - und wie lange hättet ihr gemacht, wenn es keiner gemerkt hätte? War eine Aufklärung Eurerseits eingeplant?

Wir haben einen Tag vor der Eröffnung der Bayreuther Festspiele angefangen und am Dienstag haben wir uns dann dazu bekannt. Eigentlich wollten wir es am Donnerstag vor Festpielende auflösen. Das war von Anfang geplant, dass wir es nicht unendlich weiterführen.

Die ersten Reaktionen auf Twitter gehen ja in die Richtung: Der Auftritt ist so professionell gemacht, die sollten Euch direkt einkaufen. Stündest Du zur Verfügung?

Wie oben geschrieben, bin ich kein Wagner-Fan. Ich denke, der Account gehört in Hände desjenigen, der was davon versteht. Zudem bin ich Studierende der hmtm Hannover und Projektassistentin des Landesmusikrats Niedersachsen, sodass mein Tag eigentlich ganz gut gefüllt und erfüllend ist. Ich würde den Account natürlich mit allen Infos den Bayreuther Festspielen übergeben und ihnen anfangs auch gerne Tipps gebe, wenn sie das möchten. 

Über welche Reaktion hast Du Dich am meisten gefreut?

Natürlich erst einmal von Freunden und Verwandten, deren Meinung ich sehr schätze. Aber auch darüber - ich weiß nicht, ob es eh schon lange geplant war -, dass die StaatsoperHH nun auf Twitter dabei ist. Das ist natürlich die größte Bestätigung, wenn man auf einen Umstand spielerisch, satirisch hinweist und daraus Taten der großen Institutionen einhergehen.

Und woher wollt ihr wissen, dass das ein echter Account ist?

Wissen wir auch nicht 100%, vielleicht sollte da mal jemand anrufen ;) - (Nachtrag im September 2015: Der Auftritt ist echt, die Hamburger Staatsoper hat das diesem Kulturblog offiziell bestätigt - siehe das Interview dazu....)

Was war denn jetzt der Sinn des Ganzen? Wolltet Ihr die Bayreuther Festspiele als altbackenen Staubverein vorführen...?

Sie sagt von sich, sie sei dort zuhause, wo ihr Laptop ist - was Juana Zimmermann wohl jetzt gerade ausheckt...?  (Eingesandtes Foto/eigen)

Nein, sich vorführen kann man immer am besten alleine. Dafür braucht es uns nicht. Wir sind kein Zirkus. Wir haben es einfach gemacht, weil es kein anderer gemacht hat und es hat geklappt. Unsere Erkenntnis war, dass die Bayreuther Festspiele ins Netz gehören, wenn man diesen Unterschied zwischen offline und online noch machen möchte. Die Bayreuther Festspiele sind im Netz. Die Menschen reden, fotografieren, tauschen sich aus. Nur die Bayreuther Festspiele nehmen selbst an ihrer eigenen Party nicht teil.

Also eine erzieherische Maßnahme nach dem Motto: Kultur muss umso frischer vermarktet werden, je staatstragender sie ist?

Wären die Bayreuther Festspiele Kinder und Jugendliche in meiner Jugendarbeit oder meine kleinen Geschwister, wäre meine Antwort: Erziehung bringt nichts. Die machen einem eh alles nach. Aber als Appell an die Bayreuther Festspiele kann es schon verstanden werden.

Für Journalisten und Medienmacher war das mal wieder eine sehr lehrreiche Sache - trau, schau wem. Selbst alles, was echt zu sein scheint, kann ein Fake sein. Das war aber nicht Eure Intention? So eine Art Internet-Erziehung für Medienmacher?

Das was man daraus liest, ist jedem frei überlassen.

Es steckt ja ein ganzes Team hinter der Aktion – Ihr betreibt den Blog „Musik – mit allem und viel scharf“. Wie muss ich mir das vorstellen? Ihr habt bei reichlich Bier und Döner mit viel Scharf zusammengesessen und im spätabendlichen Brainstorming die Idee entwickelt, den Twitteraccount der Bayreuther Festspiele zu faken?

So sehen grundsätzlich gerne mal unsere Redaktionstreffen aus. Aber alle per Skype zugeschaltet. Aber bei @bayreuthfest war es tatsächlich noch Nachmittag. Holger schrieb in Slack, dass morgen die Bayreuther Festspiele anfangen würden. Ich wollte gerade anfangen endlich mit meiner Hausarbeit anzufangen und checkte nur „eben“ alle Nachrichten. Machte ein Brainstorming, was mir spontan alles einfiel, u.a. der Twitteraccount. Da die anderen noch auf Arbeit waren, hatte ich ihn mir eigentlich nur zur Sicherheit mal gesichert, falls die anderen die Idee überzeugend fänden. Aber dann ging alles sehr schnell...

Erzähl uns doch noch ein bisschen über den Blog und seine Intention….

Unser Motto ist: Alter, ist das langweilig! Jetzt ist Schluss. Wir wichsen Kultur durch die Knoblauchpresse und spritzen euch die Scheiße in die Fresse. Aber Hallo!

Huch! Warum so brachial? Geht es Euch darum, bewusste Kontraste zu "den schönen Künsten" zu setzen?

Das war ein copy and paste von unserer Facebook-Seite. Aber ja, wir wollen uns bewusst Abheben von dem Langweiligen, der Selbstzensur und den Trampelwegen. Inzwischen sind wir 9 Autoren aus ganz unterschiedlichen Bereichen der Kultur. Im Oktober feiern wir unser Einjähriges. Wir machen einfach das, was wir für richtig, nötig und wichtig erachten...

(Das Interview wurde am 20. 8. in zwei Dialog-Durchgängen per E-Mail geführt.)

"Musik - mit allem und viel scharf": Hier geht es zur Internetseite des Musik-und-Kulturblogs.

Ebenfalls in diesem Blog: Kein Popcorn - oder was? Warum uns die "Oper im Kino" vor ganz neue Etikettefragen stellt und wie wir sie lösen...

Ebenfalls in diesem Blog: Worum es wirklich geht, wenn ein Musical im Kino übertragen wird - und was das über die Zukunft der Medien aussagt...

Ebenfalls in diesem Blog: Wünscht Euch bloß nicht zuviel - was uns das Musical "Into The Woods" über unsere Mitmenschen sagen kann


Mit dieser Bildmontage feiert sich der Blog "Musik mit allem und viel scharf" ein bisschen selbst - die Reaktionen der Internetgemeinde zeigen, dass der Fake-Account als gelungene Aktion gesehen wird.   (PR-Screenshot/eigen)


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