Mittwoch, 2. September 2015

„The Doors“ ohne Jim Morrison – geht das? Ja, das geht: Warum die beiden Post-Jim-Morrison Alben „Other Voices“ und „Full Circle“ mehr Aufmerksamkeit verdienen (Veröffentlicht ab 4.9.2015)




Osnabrück (eb) - Jim Morrison war tot und die „Doors“ waren es auch. Wirklich? Nein, nicht ganz. Denn auch nach dem Ende von „Mister Mojo“ machte die Band noch munter weiter. Nur dass die Welt dem zum Trio mutierten Ex-Quartett keine Beachtung mehr schenkte. Ohne ihr egomanisches Drogenwrack-Alkohol-Zugpferd waren für die Türen auf dieser Welt keine Türen mehr geöffnet. Dass das falsch war, zeigt sich jetzt wieder. Mit der Neuveröffentlichung der beiden Alben „Other Voices“ und „Full Circle“ am 4. 9. 2015 sind die beiden Platten der Jahre 1971 und 1972 wieder verfügbar, die es in den vergangenen Jahrzehnten nur als Importe oder als Irgendwann-mal-irgendwo-gepresste Dinger gegeben hat (als jeweils einzelne LP- oder als CD-Doppelpack).

Der Gesang bleibt ein Wermutstropfen – das war klar


Einen neuen Sänger verpflichtete die Band nicht, das übernahm einfach der verbleibende Rest. Das ist dann auch einer der Wermutstropfen, was diese Platten angeht: Zwar singt keiner der Herren Robby Krieger (Gitarre), John Densmore (Schlagzeug) und Ray Manzarek (Tasten, gestorben 2013) wirklich schlecht – aber so charismatisch, verstiegen und rätselhaft wie Egomane Morrison ist natürlich keiner der Drei. Das macht sich auch in Artikulation und Gesang bemerkbar. Aber es gibt auch viel Licht...

Drei Menschen auf ewig im Schatten eines Einzelnen - die drei verbleibenden "The-Doors"-Mitglieder bekommen nach dem Tod von Jim Morrison keine Chance. Dabei hätten sie eine verdient.   (Achenbach-Fotos)


Hippies im Spätsömmer und verstiegene Prog-Rock-Anklänge


Musikalisch indes zeigt sich die Band von einer neuen Energie und Spielfreude infiziert, die man auf den früheren Alben wie beispielsweise „L.A. Woman“ gelegentlich vermisst. Das ganze „Other Voices“-Album beispielsweise zeigt sich erfrischend angesiedelt zwischen Hammond-Orgel-gesteuertem Tingeltangel-Rock („In The Eye Of The Sun“), hippie-esquen Spätsommerträumen („Down On The Farm“) und Prog-Rock-Anklängen („Hang On To Your Life“).

Selten war die Band so verspielt und experimentierfreudig


Auf „Full Circle“ erweitert die Band ihr Spektrum bis zum Jazzig-Psychedelischen („Verdilac“) und arbeitet mit Frauen-Backgrund-Chor zum Kirmes-Americana („Hardwood Floor“). „Good Rockin‘“ ist ein gut gelaunter Las-Vegas-Rock’n’Roll der Marke Elvis Presley, bevor ‚“The Mosquito“ irgendwo zwischen Mexikaner-Persiflage und wild-jazzigem Prog-Rock-Zwischenteil hin- und herpendelt. Selten war die Band so verspielt und gut gelaunt experimentierfreudig wie hier. Interessante Sachen.

Hören wollte das keiner mehr – die „Doors“ waren am Ende


Ganz ehrlich: Es gibt „The-Doors“-Alben aus dem Kanon der Morrison-Ära, die langweiliger sind als diese beiden. Nach „Full Circle“ 1972 trennten sich die Doors erst einmal, bevor sie dann, sechs Jahre später, ein neues Projekt wagten. Mit alten Jim-Morrison-Klangschnippseln und rezitierten Texten zu neuer Musikuntermalung entstand das Post-Mortem-Projekt „An American Prayer“. Danach schlossen sich die Türen endgültig. Jedenfalls, was Plattenveröffentlichungen anging.

Hörgenuss: 80 Prozent.


(Rhino, VÖ 4. 9. 2015 - dieser Artikel ist eine Langfassung des bereits in den Osnabrücker Nachrichten veröffentlichten kürzeren Textes)  


Ein Teil des Materials von der "Other Voices"-LP war für Jim Morrison vorgesehen und auch bereits mit ihm geprobt worden - aber dann wurde der Sänger tot in einem Pariser Hotel aufgefunden...  (Achenbach-Foto)

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