Donnerstag, 10. Dezember 2015

Bitte zahlen Sie, damit wir Sie wieder wegschicken dürfen… - Initiative „Art But Fair“ aus Hagen setzt sich für fairere Künstlergagen ein (und für einen besseren Umgang mit Künstlern) – selbst große Festivals zahlen inzwischen die Proben nicht mehr


Neunkirchen/Osnabrück - Die Verlierer der aktuellen Spardebatten im Kultursektor sind die Darsteller und Künstler – so lässt sich zusammenfassen, was der Autor, Produzent und Komponist Johannes Maria Schatz auf der Konferenz für Musikmanagement (#MuMa15) sagte. Nach seinen Darstellungen ist der Markt für Musicaldarsteller in Deutschland erstens übersättigt und zweitens brutal: Es gibt mehr Darsteller als Rollen (auch deswegen, weil es im Musical mehr Männerrollen gibt, die weiblichen Kräfte aber in der Überzahl sind) und die Verhältnisse sind schlecht: Die Gagen sind mickrig und reichen kaum zum Leben, Auditions werden nicht bezahlt, die Anreise auch nicht, eine Unterkunft erst recht nicht. Und was die von Schatz gegründete Initiative "Art But Fair" aus den großen Festivalhäusern erfahren musste – also dem hochkulturellen Opernsegment - ist nicht viel besser.


Er war sauer - und das musste raus... Johannes Maria Schatz im Dezember 2015 bei seinem Vortrag auf der Konferenz "Musikmanagement 15" im saarländischen Neunkirchen.    (Achenbach-Foto) 


Der studierte katholische Theologe und Rechtswissenschaftler hatte, nachdem seine Frau bei einer Audition allerlei Unverschämtheiten ertragen musste, aus lauter Wut eine Facebookseite ins Leben gerufen: „Die traurigsten & unverschämtesten Künstler-Gagen und Auditionerlebnisse“. Kaum gestartet, erzielte die Themen-Fanpage binnen weniger Tagen mehrere tausende „Gefällt mir“-Klicks – und ein Sturm brach los, den Schatz selbst so nicht eingeschätzt hätte. Mehr noch als das: Mit der angesehenen und arrivierten Operndarstellerin Elisabeth Kulman fand die Facebookseite eine prominente Fürsprecherin. Was sie aus dem Festspielbereich erzählte, ist gleichsam haarsträubend: Den Angaben zufolge wird selbst eine Anna Netrebko nicht mehr für Proben bezahlt. Inzwischen ist aus der Facebookseite eine Initative entstanden, die die Verhältnisse ans Licht der Öffentlichkeit bringt, den Protest bündelt und für Verbesserungen sorgen will: "Art But Fair" heißt sie. Dass sie ausgerechnet im von einer besonders zynischen Spardebatte gebeutelten Hagen (NRW) sitzt, ist wohl Zufall, passt aber perfekt. 

Darsteller müssen lernen Nein zu sagen - wann immer es geht


Inzwischen erfreut sich seine Initiative einer gewissen Bekanntheit – und ist doch noch immer am Anfang ihrer Arbeit, wie Johannes Maria Schatz auf der Konferenz berichtete. Das Wichtigste: Aufklären. Und den angehenden und frischen Musicaldarstellern die Verhältnisse aufzeigen. „Wenn ich nur 80 oder 120 Euro pro Vorstellung bezahlt bekomme, dann hilft nur eins: Nein sagen!“, meinte Schatz. Und rechnete vor: Spielt ein Stadt-, Staats- oder Landestheater rund acht bis maximal zehn Vorstellungen pro Monat (was ungewöhnlich viel wäre), hätte der Darsteller dort also um die 800 Euro verdient, hätte davon aber noch nicht die Fahrtkosten und zusätzlichen Wohnkosten bezahlt (meistens wird nicht am Wohnort gespielt), ganz abgesehen vom Lebensunterhalt allgemein, also Miete, Versicherungen, Essen, etc.

"Wenn Sie das dann bezahlen können - Chapeau!"


„Nein sagen können ist ein Luxus, das muss man sich leisten können“, sagte dazu die Darstellerin Astrid Vosberg, die als Gastsängerin oder Schauspielerin in verschiedenen Theaterproduktionen – nicht nur Musical – zu erleben ist. Der ehemalige Theaterintendant Elmar Ottenthal (u. a. Aachener Theater) versuchte indes eine Brücke zu schlagen und auch Verständnis für die Situation der Verantwortlichen zu wecken. Das Thema sei ein weites Land, das natürlich Wut entfache und die Zornesröte ins Gesicht bringe – man müsse allerdings auch sehen, dass Theater einen Bildungsauftrag hätten und eben jene Darsteller bräuchten, die vor allem mit Leidenschaft dabei seien. „Ich bewundere jeden, der es schafft, etwas auf die Bühne zu bringen – und wenn er es dann auch noch bezahlt bekommt: Chapeau!“, lautete Ottenthals Fazit.

Die Intendanten sind nicht die Alleinschuldigen: Die kriegen Haue


„Die Intendanten stehen zwischen Haue und Applaus“, sagte „Art-But-Fair“-Gründer Johannes Maria Schatz.  Auch er unterstrich, dass die Intendanten nicht die Verursacher des Problems seien: „Die würden sicher gerne mehr zahlen wollen, wenn sie es könnten“; sagte der Theatermacher. „Schuld an der Misere ist der politisch verordnete Sparzwang bei der Kultur“ (Randbemerkung des Autoren: Wobei es bei den sich kommerziell selbst tragenden Großproduktionen offenbar ebenfalls recht ruppig zugehen muss, was Gagen etc. angeht). Dass überhaupt über Gagen gesprochen wird, ist übrigens eine neue Entwicklung... 


Das Panel 5 auf der Konferenz (von links): Moderator Sebastian Herold, Theatermacher Elmar Ottenthal, Johannes Maria Schatz von "Art But Fair" und die Darstellerin Astrid Vosberg.     (Achenbach-Foto)

Ein Sturm brach los - wunde Punkte getroffen


Denn bevor Schatz seine Facebook-Initiative startete, galt das als ein rotes Tuch. Man tat es einfach nicht. Aber als die Dämme brachen, zeigte sich auch, wie unterschiedlich die Entwicklungen teilweise sind. Mit seinem Protest hatte Schatz viele wunde Punkte getroffen. Inzwischen ist das Thema auch in der öffentlichen Berichterstattung angekommen (u. a. bei der „Zeit“). „Art But Fair“ versucht jetzt unter anderem, ein Qualitätssiegel zu etablieren, das an die Theater verliehen wird, die faire Löhne bezahlen. Außerdem betreibt die Initiative viel Öffentlichkeitsarbeit und verleiht einmal im Jahr die „Goldene Stechpalme“ an die Verantwortlichen von besonders schlechter Verhältnissen.

Profi-Tipp: Darsteller sollten über den Tellerrand blicken


Die Künstlerin Astrid Vosberg sieht einen Teil der Lösung auch bei den angehenden Musicaldarstellern: „Ich kann die jungen Kollegen nur ermuntern, nicht nur auf das Musical zu gucken, sondern den Blick zu weiten.“ Schauspiel, Operette, Oper, das Feld ist weit.

-------------------------------------------------------------------------------------------------------

Ebenfalls auf diesem Blog: Unterbezahlt und mit Angst vor Altersarmut: Warum die Sänger, Schauspieler und Tänzer im Theater jetzt auf die Barrikaden gehen.

Ebenfalls auf diesem Blog: Weltweit einmalig: Warum gibt es in Deutschland eigentlich so viele Theater - und die Subvention? Wie kommt das?

Ebenfalls auf diesem Blog: Die Netflix-TV-Serie "Stranger Things" ist ein einziges Zitate-Raten für Kinder der 80er - was sich alles an Easter Eggs finden lässt

Und im Trauerblog des Autors: Trauma - das ist ein großes Wort. Was ist der Unterschied zur Trauer? Ein Psychologe sagt: Das Thema Trauma wird schlecht vermittelt.

Der Veranstaltungsort der Konferenz: Die Stummsche Reithalle im Schatten der stillgelegten und mit neuem Leben gefüllten Neunkirchener Hochöfen. Innen ging es gar nicht so stumm zu...   (Achenbach-Handyfoto)

Keine Kommentare: