Dienstag, 29. Dezember 2015

„Ein ständiger Erregungszustand ist ja auch nicht gut für mich" - Wie der Ex-Intendant Elmar Ottenthal mit der Pleite der Musicalfirma „Aura Entertainment“ umgeht - und warum „Gaudi“ erst anders geplant war… Dritter und letzter Teil des dreiteiligen Interviews


Arbeitet bereits an einem neuen Projekt - der Ex-Theaterintendant will sich durch die Pleite der Musicalfirma "Aura Entertainment" nicht unterkriegen lassen.    (Ottenthal-Foto)


Osnabrück/Neunkirchen – Das Publikum, da ist sich der Theatermacher Elmar Ottenthal sicher, interessiert sich kaum dafür, ob ein Darsteller viele Jahre an einem Theater beschäftigt ist oder nicht. Das Publikum will aufregende Produktionen sehen. Wenn er heute an seine Zeit als Theaterintendant in Berlin und Aachen zurückblickt, sieht Ottenthal die Dinge mit einer reiferen Perspektive: „Aber ich war gierig nach Erfolg und sehr ehrgeizig. Und die Strafe folgte auf dem Fuß.“ In den 90ern Jahren erlebte Ottenthal seine wohl erfolgreichste Phase, als seine Produktion des Musicals „Gaudi“ durch die Decke ging. Wie kam es dazu? Hier ist der dritte Teil des Gesprächs, das im Dezember 2015 in  einem Brauhaus im saarländischen Neunkirchen am Rande der Konferenz „Muma15“ zum Thema Musikmanagement stattfand.

Elmar Ottenthal, das Musical „Gaudi“ war in den 90er Jahren eines der Projekte, mit dem sie von sich reden gemacht haben. Einer ihrer größten Erfolge: Ein Musical nach dem 1986er-Konzeptalbum des „Alan Parsons Projects“. Wie kam es dazu?

Ottenthal: Das geht zurück auf meine Zeit in Wien, als ich bei Peter Weck an den Vereinigten Bühnen Wien  als stellvertretender künstlerischer Leiter gearbeitet habe. Das war Ende der 80er, Anfang der 90er Jahre. In der Zeit haben wir „Freudiana“ gemacht – das war das erste eigene Musical, das die Vereinigten Bühnen Wien herausgebracht haben. Noch vor „Elisabeth“. Und das Stück stammte von Alan Parsons und Eric Woolfson. So war der Kontakt gesetzt.

„Freudiana“ gilt heute als ein nicht sehr erfolgreiches Projekt, obwohl es damals viele Musicalfans fasziniert hatte  - aber das Publikum wohl nicht?

Ottenthal: Ach, naja, das Stück ist zwei Jahre lang gelaufen und hatte eine Auslastung von 70 Prozent, so im Durchschnitt. Nach heutigen Maßstäben würde man sagen, ja, ist doch ganz prima gelaufen, aber damals galt das als Misserfolg. Parallel liefen in Wien noch das „Phantom der Oper“ und „Cats“ in den anderen Häusern, da war man natürlich ganz andere Zahlen gewohnt.

Trotzdem haben Sie sich – da waren Sie schon Theaterintendant in Aachen geworden – erneut an einem Musical von Alan Parsons und Eric Woolfson versucht – das war dann „Gaudi“. War das nicht riskant?

Ottenthal: Das kam ganz anders zustande, das war eigentlich mehr so ein Gefallen, den 
ich tun wollte. Eric Woolfson hatte eine rechtliche Auseinandersetzung mit Brian Brolly, dem künstlerischen Leiter von Freudiana, das ist bis zum High Court gegangen. Und dann hatte Eric verloren. Das hat ihn - fast - in die Insolvenz gebracht und eine Menge Geld gekostet. In der Situation hatte er wieder den Kontakt mit mir gesucht und wir hatten die Idee, zusammen was zu machen. Anfangs hatten wir nur an ein Ballett gedacht, das wir in Aachen rausbringen wollten. Daraus wurde dann mehr. Als „Gaudi“ dann rauskam, war es ein Riesenerfolg.

Woran machen Sie das fest?

Ottenthal: Wir hatten fast 80000 Zuschauer drin, alleine in Aachen. Und das, obwohl wir auf Englisch gespielt hatten. Die Leute haben wirklich Schlange gestanden, die sind einmal um das ganze Theater rum angestanden, um an Karten zu kommen. Das war mitten im Winter. Ich habe denen sogar noch Tee gebracht, weil es so kalt war (lacht). Es gab vielleicht zehn Beschwerden, weil wir das Musical in Englisch gespielt hatten, das war es.

Später ist „Gaudi“ dann von Aachen nach Köln umgezogen – aus dem Stadttheater in ein neu gebautes Musicaltheater. Wie kam es denn dazu?

Gaudi: Wir haben allein in Aachen über 80 Aufführungen gehabt. Das ist extrem viel für ein Repertoiretheater. Und dann haben wir in eigener Finanzierung das komplette Theater in Aachen umgebaut und saniert – wie gesagt, aus eigenen Geldmitteln, als Stadttheater. In der Zwischenzeit ist Gaudi umgezogen nach Alsdorf, da gab es eine Stadthalle, die wir dafür nutzen konnten.

Richtig – die „Euro Musical Hall“, heute einfach nur noch Stadthalle. Woher stammte der Name?

Ottenthal: Wir hatten dort Fritz Coch, den Chef von Warner Music als Produzent und  Gesellschafter der dann gegründeten Gaudi GmbH, der uns unterstützt hat. Der Name war seine Idee. Und in Alsdorf ist „Gaudi“ nochmal größer geworden, hat eine eigene Geschäftsführung dazubekommen, und, und, und. Wie das so ist. Wir haben da dann 150 mal gespielt. In der Zwischenzeit wollten auch die Kölner ein eigenes Musical haben und haben sich an Fritz Coch und an den Architekten des Zeltes in Hamburg gewandt, in dem damals „Buddy Holly“ lief und in dem heute der „König der Löwen“ gespielt wird. Und da kamen wir dann wieder ins Spiel, weil die Idee war, dort „Gaudi“ zu spielen. Ich erinnere mich, dass der Zeitraum extrem kurz war: Beginn der Planungen war im April 1996 und Eröffnung im November.

Im Internet ist zu lesen, dass das Kölner Musicalzelt deswegen seine blaue Farbe bekommen habe – weil das zu der Farbgestaltung der „Gaudi“-Produktion passt. Also zum Coporate Design dazugehörte.

Ottenthal: Ja, das war alles ein Konzept. Wir hatten auch einen überdachten Weg bis zum Bahnhof, deswegen hieß das damals „Das erste Musical mit Gleisanschluss“. Ich bin damals drei Mal die Woche abends noch nach Köln gefahren und habe an der Planung mitgearbeitet. Als wir die ersten Hauptproben gemacht haben, hatten wir noch keinen Teppich im Zelt. Also auch noch keine Möbel. Es war sehr kalt und wir haben alle im Mantel geprobt, das weiß ich noch.

Sie haben zuvor gesagt, dass Sie die Opernregie abgegeben haben aus Angst davor sich nur noch selbst zu reproduzieren – allerdings haben Sie 2014 eine Show gemacht, die „Falco Meets Mercury“ heißt und nach genau dem Schnittmuster von „Falco Meet Amadeus“ angelegt ist...

In "Falco Meets Mercury" trifft das österreichische Pop-Idol nicht auf Mozart, wie zuvor, sondern auf Freddy Mercury....    (Ottenthal-Foto)

Ottenthal: (lächelt) Ja, das stimmt. Wie kam es dazu? Ich treffe den Axel Herrig, also den ersten Falco-Darsteller, ganz zufällig in Tier. Großes Hallo,  Mensch, wie geht es Dir, was machst Du… Und dann waren wir was trinken und haben geplaudert. Und da sagt der Axel: Lass uns doch noch was mit dem Falco machen. Ja, aber Falco allein ist doch zu langweilig, habe ich gesagt… So kam das.

Also eine Schnapsidee?

Ottenthal: Ja, sowas in der Art. Aber ohne Schnaps, wir waren einen Kaffee trinken. Wir hatten dann nur 4, 5 Tage Zeit, ich hatte eine großartige Band, die war supergut drauf, wir hatten drei Darsteller und acht Tänzer. Und als wir das dann in Neunkirchen aufgeführt haben, waren wir selbst überrascht vom dem Riesenapplaus. Das Publikum hat von uns regelrecht mehr Vorstellungen erzwungen.

Nun ist „Falco Meets Mercury“ aber auch die Show, die Ihre Firma in den Ruin getrieben hat…

Ottenthal: Ja, das stimmt. Ich sitze auf den Rechnungen, mein Konzertpartner hat die letzten 10 Vorstellungen nicht gezahlt. Und das war diese Geschichte.

Ist das diese Shaolin-Gelassenheit, die Sie das so ruhig sagen lässt?

Ottenthal: Ach, was soll ich machen? Wenn ich da jetzt in einen ständigen Erregungszustand gerate, ist das auch nicht gut für mich – und nicht für mein neues Projekt, da lege ich lieber alle Emotionen rein. Ich habe gelernt, dass man für den Moment lebt. Das kann ich inzwischen.

Und wie geht es weiter?

Ottenthal: Es gibt dieses neue Projekt, an dem ich mit der Komponistin Aino Laos arbeite. Das wird – auch – visuell sehr spannend werden, weil es mit neuartigen Mitteln der Darstellung arbeitet. Das wird eher ein philosophisches Projekt für ein kleineres Publikum. Das Buch ist fertig, die Musik ist fertig, wir arbeiten noch an der technischen Umsetzung, die wird recht aufwändig. Mehr möchte ich dazu noch nicht sagen.

Wo soll das neue Projekt gezeigt werden?

Ottenthal: Das wird auf jeden Fall in NRW sein. In einem Planetarium. Der Rest ist noch in Verhandlungen.

Abschlussfrage. Einmal angenommen, eine Zauberfee macht es möglich, dass Sie das machen könnten, was Sie schon immer einmal machen wollten. Was wäre das?

Ottenthal: Dann würde ich nichts anderes machen als dieses Projekt.


Hier geht es zum ersten Teil des Interviews…. (Eine ganz schlimme Zeit!)
Hier geht es zum zweiten Teil des Interviews…. (Du fängst an zu spinnen!)


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