Sonntag, 27. Dezember 2015

„Nach dem fünften Tannhäuser fängst Du als Regisseur an zu spinnen…“ – Warum sich der Musicalmacher Elmar Ottenthal von der Opernregie abgewandt hat und lieber Stücke wie „Gaudi“ inszenierte… Zweiter Teil des dreiteiligen Interviews




Elmar Ottenthal denkt nicht gerne an seine Zeit in Berlin zurück: "Die Stimmung war massiv gegen mich", sagt der 64-Jährige im Inteview.   (Aino-Laos-/Ottenthal-Foto)


Osnabrück/Neunkirchen – Das Musicalhandwerk lernte Elmar Ottenthal in Wien bei Peter Weck, also bei dem Mann, der mit der allerersten deutschsprachigen „Cats“-En-Suite-Produktion von sich reden machte. Von dort aus nahm Ottenthal seinen Weg, der ihn bis zum „Theater des Westens“ führen sollte. Wie der 64-Jährige im ersten Teil unseres dreiteiligen Interviews berichtet hatte, war er nach dem Scheitern in Berlin („Eine ganz schlimme Zeit“ – „Mir wurden Schrauben in die Reifen gedreht…“) erstmal nach China gegangen, um eine kreative Auszeit nehmen zu können. Doch wie kam es überhaupt dazu, dass ein Regisseur des klassischen Repertoire sich von der Oper ab- und viel lieber dem Musical zuwandte…? 

Hier ist der zweite Teil des Gesprächs, das im Dezember 2015 in  einem Brauhaus im saarländischen Neunkirchen am Rande der Konferenz „Muma15“ zum Thema Musikmanagement stattfand.

Elmar Ottenthal, man kennt Sie als Musicalmacher. Sie kommen vaber eigentlich von der Opernregie. Sie haben gerade in der Konferenz auf dem Podium gesagt: ,Ich habe mich von der Opernregie abgewandt, weil nach meinem fünften Tannhäuser nur noch Reproduktion möglich war…‘

Ottenthal: Entweder das – oder man fängt an zu spinnen und lässt die Oper womöglich in der Wüste spielen oder so. Meinen ersten Tannhäuser habe ich an der Mailänder Scala gemacht, das war der Beste, weil der eine unglaubliche Kraft hatte, es war auch gleichzeitig der schlechteste, weil er nicht ganz rund war. Danach wurden die Produktionen immer glatter, immer perfekter, auch ohne jeden Erzählfehler drin. Irgendwann war die Oper so glatt, dass sie ihre Kraft verloren hatte.

Aber musste es denn immer der Tannhäuser sein?

Ottenthal: Das Problem ist ja, dass man als Regisseur bald auf eine bestimmte Oper abonniert ist, sobald man die mal gemacht hat, da kommt man so leicht gar nicht wieder raus. Und selbst wenn nicht, gibt es in Deutschland ja nur einen Kanon von etwa 25 Stücken. Sie werden immer und immer wieder mit diesen Opern konfrontiert. Ich bin mir übrigens sicher: Wenn die Komponisten die heutigen Möglichkeiten hätten, also was den Einsatz von Technik angeht, hätten sie sie auch genutzt.

Zurück zum Musical. Reden wir mal über „Falco Meets Amadeus“. Das kam 2000 im „Theater des Westens“ in Berlin raus. Warum? Wie kam es dazu?

Ottenthal: Das geht zurück bis in die 80er Jahre, da war ich noch in Wien als stellvertretender Oberspielleiter bei Lorin Maazel an der Staatsoper. Ich habe mit dem Ernst Fuchs in einem Lokal gesessen, also dem bekannten österreichischen Maler, und wir hatten über ein mögliches Bühnenbild gesprochen. Der Ernst Fuchs war ein herrlich Verrückter, unglaublich kreativ, und es ging um Wagners Lohengrin. Und neben uns saß einer am Tisch, der dann plötzlich in schönstem Wienerisch sagte: „Was seid‘s denn Ihr für Wahnsinnige?“. Das war der Falco. Daraus entstand eine ganz lange und angeregte Unterhaltung. Wir waren danach dann immer wieder im Kontakt.

Ist etwa die Idee, ein Musical über ihn zu machen, noch mit Falco gemeinsam entstanden?

Ottenthal: Nein, nicht ganz. Aber der Falco hatte immer die Idee einer Konzertbühne, die sich theatralisch verwandeln kann. Wir hatten dann gemeinsam etwas Theatralisches für ihn geplant. Aber dann ist er furchtbar runtergekommen und sein guter Freund Ronni Seunig hat ihm geholfen und ihn erstmal aus Österreich weggebracht. Damit endete auch unsere Zusammenarbeit. Ich habe seine Musik aber immer gemocht – und ich fand schon immer seine Texte so toll, da waren starke Bilder drin, das konnte der wirklich.

Hat Sie das auch darin beeinflusst, das Musical von einer so schillernden Person wie Burkhard Driest schreiben zu lassen – der ja nicht nur Autor und Filmemacher, sondern auch Ex-Bankräuber und Schauspieler war, aber jetzt nicht unbedingt der, sagen wir, erfahrenste Musicalautor aller Zeiten?

Ottenthal: Das war eine instinktive Entscheidung. Ich wusste, wenn sich da einer einfühlen kann in die Geschichte vom Falco, dann ist es der Burkhard Driest. Ich weiß noch, wie ich zu ihm gesagt habe: Pass auf, das wird jetzt schlimm: Wir machen da nicht nur ein Musical über Falco, sondern, noch viel schlimmer, eines über Falco und Wolfgang Amadeus Mozart. Daraus ergibt sich doch  ein tolles Spannungsfeld. Und er hat nur geantwortet: Okay, welche Songs willst Du drin haben?

Wenn man sich das Musical anschaut, ist es schwer zu beurteilen, was darin autobiografisch angelegt ist und was reine Fiktion.

Ottenthal: Es stimmt alles, was in dem Musical geschieht – abgesehen von der Tatsache, dass Mozart und Falco sich treffen, natürlich. Der Burkhard Driest hat sehr sorgfältig und aufwändig recherchiert, der ist sogar nach Wien gefahren und hat nicht nur den Türsteher des U4 interviewt, der für Falco mal als Chauffeur gearbeitet hatte

Bedauern Sie das, dass einer ihrer größten Erfolge ausgerechnet mit dieser Berliner Missstimmung verknüpft ist?

Bei der Konferenz zum Thema Musikmanagement: Elmar Ottenthal (zweiter von links) auf dem Podium im saarländischen Neunkirchen.    (Achenbach-Foto)

Ottenthal: (winkt ab) Ach, das hat mit Berlin nicht viel zu tun. Das Stück ist dann ja auch noch nach Oberhausen gegangen und eine Weile dort gelaufen, es gab eine DVD, eine Tournee…

Nach dem Falco brachten Sie dann „Schwejk It Easy“ ins „Theater der Westens“.

Ottenthal: Ja. Leider.

Das war ein sehr überzeugtes Leider.

Ottenthal: (lacht) Ja. Es war ein großer Fehler.

Warum?

Ottenthal: Es ist schon während der Konzeption vieles schiefgegangen, dann kam der Zeitdruck dazu. Am Ende standen wir mit einem halbfertigen Stück da und haben es mit alten Konstantin-Wecker-Hits auffüllen müssen, damit es auf die Bühne kommen konnte. Das hat nicht funktioniert. Und die Stimmung war weiter massiv gegen mich – das war dann eine rein politische Geschichte.

Nach Berlin ist es dann erstmal stiller um sie geworden. Dabei waren Sie ja in den 90er Jahren, also in der Boom-Phase des deutschen Musicals, eine sehr prägende Figur.

Ottenthal: Ich bin heute noch dankbar, dass ich damals so viele Darsteller untergekriegt habe. Wir hatten ja in den 90er Jahren einen großen Mangel an Musicaldarstellern in Deutschland, weil das Theatersystem darauf nicht vorbereitet war. Und da habe ich dann zum Beispiel den Martin Moss in einer Kirche singen hören und habe ihn gefragt, ob er nicht in einem Musical auftreten  wolle. So ein charismatischer Mensch, ein ganz feiner Mensch, einer, der so ein fast kindliches Gemüt hatte, das hat mich beeindruckt. In „Gaudi“ hat er den Bösewicht gespielt.


Hier geht es zum ersten Teil des Interviews… - "Eine ganz schlimme Zeit.."

Der dritte Teil des dreiteiligen Interviews folgt in Kürze hier auf diesem Blog...

--------------------------------- 

Mehr zum Thema auf diesem Blog: Der Sonnenuntergang des deutschen Musicals - wie in den 90er Jahren die große Blase platzte...

Mehr zum Thema auf diesem Blog: Schöner scheitern mit "Jekyll & Hyde" - Erinnerungen daran, wie 1999 der deutsche Musical-Boom zu Ende ging...

Mehr zum Thema auf diesem Blog: Mit "Cats" wurde alles anders - wie in den 80er Jahren ein Wiener Experiment die ganze deutsche Theaterwelt grundlegend veränderte



Keine Kommentare: