Montag, 7. Dezember 2015

Raus aus der Angst... - weg von der Panik - Interview mit dem Ex-"Jupiter-Jones"-Sänger Nicholas Müller: Angststörungen, Panikattacken und Reihenhäuser


Osnabrück (eb) - In der Neuen Osnabrücker Zeitung vom Samstag, 5. 12., ist mein Interview mit Nicholas Müller erschienen, der mal bei Jupiter Jones war und dort wegen seiner Angststörungen und Panikattacken ausgestiegen ist, sich eine Auszeit gegönnt hat, zu seinem Vater ins Elternhaus ziehen musste und sich schließlich therapieren ließ. Mit seinem neuen Bandprojekt "Von Brücken" (für mich ganz persönlich ein heißer Kandidat für das Album des Jahres) ist er jetzt zurück und verarbeitet seine Ängste dort auch musikalisch ("Lady Angst"/"Die Parade"). Sowas kann schrecklich peinlich geraten, gelingt aber sehr eindrucksvoll. Natürlich war das aufgenommene Interviewmaterial um ein Vielfaches zu lang und ein paar Passagen mussten platzbedingt rausfallen, auch, weil sie sich zu weit vom Thema entfernt hatten... Aber witzig oder nachdenklich sind sie geworden, deswegen möchte ich die rausgekürzten Passagen hier auf diesem Blog veröffentlichen... 

Ob es okay wäre, wenn er sich während des Interviews nebenher noch ein Mittagessen gönne, hatte Nicholas Müller vorher gefragt (nachdem er um das Du als Anrede gebeten hatte). Auch wenn er sich sehr herzlich wegen des Essens entschuldigen wollte, aber der Tag sei so vollgepackt mit Terminen... Klar, sagt der Gast, iss mal ruhig. Doch zum Essen kam Müller dann fast gar nicht, weil ihm das Zu-Sagende soviel wichtiger war...

Nachdem er gelernt hatte, mit seinen Angststörungen umzugehen, ließ sich Nicholas Müller seine beiden Hände neu tätowieren. Rechte Hand: "I Own My Fear...."   (Thomas-Achenbach-Foto)

Nicholas, ihr wohnt jetzt in Münster in einer Doppelhaushälfte mit Garten. So richtig als Familienidyll. Wenn man sich deinen Lebensweg so anguckt, der ja vorher ein bisschen unstet gewesen ist….

Nicholas Müller: (unterbricht laut lachend) Ach, unwesentlich, nur ein kleiner Mangel an Stringenz…

…und auch, wenn man Dich so sieht, mit den Tattoos überall, da würde man Dich nicht unbedingt in einer Doppelhaushälfte verorten.

Nicholas Müller: Ja, die besetzten Häuser sind alle immer so schlecht geputzt.

Im Ernst, ist das so eine Art Spießigkeit, die einen auch erden kann?

Nicholas Müller: Ach, ich empfinde das gar nicht als spießig. Wir sind in erster Linie dorthin gezogen, weil wir beide Kinder vom Land sind. Meine Frau kommt aus einem Vorort von Haltern, ich komme vom Rande der Eiffel. Kurz dahinter ist Mordor. Wenn wir irgendwann ein Häuschen finden, eine alte Tenne oder so, dann wird es das werden. Solange da ein Bus fährt, ist alles in Ordnung. Aber dennoch sind wir beide total in Münster verliebt.

Wie geht es dir, wenn die Leute „Still“ als Liebeslied auffassen? Immerhin geht es in dem Lied ja um den Tod Deiner Mutter, wie Du erst verraten hast, nachdem es schon in den Charts war...?

Nicholas Müller: Das ist völlig in Ordnung, weil das Video auch so etwas vorgibt. Das war damals auch mein Wunsch und der Wunsch der Band, wir wollten kein Befindlichkeits-Limbo machen. Und deswegen war es mir ganz wichtig zu warten, bis das Ding ein Hit war, was es dann ja tatsächlich war, und dann erst die Geschichte zu erzählen. Das war mir dann allerdings auch wichtig. Da ging es um meine Mama und meine Mama hat mich trotz grandios gescheiterter Schulkarriere und zwei abgebrochenen Ausbildungen immer unterstützt, genauso wie mein Vater. Okay, sie hätte mir ordentlich den Marsch geblasen wegen des Songs, weil sie nie Bock darauf hatte im Mittelpunkt zu stehen.

Aber ganz ohne diesen Familienfaktor ist „Still“ doch auch nicht denkbar, oder?

... und auf der linken Hand dann die Fortsetzung des Tattoos ("I Own My Fear..."): "So It Doesn't Own Me". Die Angst, sagt Nicholas Müller, geht nicht weg, lässt sich aber beherrschen.   (Thomas-Achenbach-Foto) 

Nicholas Müller: Naja, die Geschichte habe ich tatsächlich erst danach erzählt. Wir haben den Echo gewonnen und weiß der Geier was mit der Platte, so völlig surreale Angelegenheiten, und das alles mit der Geschichte meiner Mama. Aber trotzdem war es mir halt wichtig zu sagen: „Hey, das ist für meine Mutter“. Das war auch jeden Abend die Ansage: „Das nächste Lied geht raus an meine Mama – es heißt ,Still‘“. Das habe ich nie anders angesagt, außer vielleicht beim ersten Konzert.

Glückwunsch zum neuen Bandprojekt. Ich bin beim Durchhören über die Textzeile gestolpert „Kein Tag war verkehrt“. Ist das eine Aussage, die du so stehenlassen würdest?

Nicholas Müller: Ja, mit dem mir mittlerweile angediehenen Fatalismus schon. Ich bin kein Verteidiger der Aussage „Wer weiß, wofür es gut war?“ oder „Alles hat seinen Sinn“. Das ist totaler Quatsch, es hat nicht alles seinen Sinn. Das kann nicht so sein. Wenn das so ist, dann haben wir einen sehr zynischen Gott. Und ich glaube an Gott. Es hat nicht alles seinen Sinn, aber ich kann immer nur mit dem arbeiten, was mir gerade zur Verfügung steht. Und deswegen war kein Tag verkehrt, weil ich ja jeden Tag geschafft habe, mal besser, mal schlechter. Aber geschafft.

Weiterlesen: "Niedergdrückt von der Angst..." - Hier ist das Original-Interview, das ich für die Neue OZ geführt hatte und aus dem diese Passagen gekürzt werden mussten.

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