Dienstag, 8. Dezember 2015

Wohin mit dem Musical? Und was will das Publikum wirklich? Spannende Aspekte und Impulse von einer Diskussion bei "Muma 15“, der Konferenz zum Thema Musikmanagement - über die alte Frage Großproduktionen versus Stadt-Staats-und-Landestheater…


Neunkirchen/Osnabrück - Das Musical tut sich  in Deutschland noch immer schwer, weil keiner so recht weiß, wo es denn eigentlich hingehören soll – doch die Debatte darüber geht am Interesse des Publikums vorbei. Das ist ein Fazit der „MuMa 15“, einer Konferenz zum Thema Musikmanagement, die im Dezember 2015 im saarländischen Neunkirchen stattfand. Während sich im deutschen Theatersystem abzeichnet, dass das Musical die Operette vom Spielplan ablöst, bleibt es andererseits schwer, die Gattung in einem reinen Drei-Sparten-Haus passend verorten zu können. Nicht so gravierend, weil das Publikum soweiso lieber in die kommerziellen Großproduktionen rennt? Auch diese These scheint nach Aussage von Theaterverantwortlichen nicht haltbar zu sein…


Die Überschrift lautete: "Hauptsache, die Kasse stimmt..." - gesprochen wurde allerdings mehr über die korrekte Verortung des Themas Musical als über die Frage, was eine Produktion erfolgreich macht.   (Achenbach.-Foto)


Die Musicalinteressierten seien ein prinzipiell offeneres und zugänglicheres Publikum, das sich zwar für die Long-Run-Produktionen begeistern können, aber zudem auf Produktionen in einem anderen Rahmen neugierig sei. Durchaus auch auf Experimentelleres. So formulierte es der geschäftsführende Gesellschafter der „Musik & Theater Saar“, einer Produktionsgesellschaft von Festivals und Klassikveranstaltungen im Saarland, Joachim Arnold, als Gast auf dem Podium. Fünf Diskussionsrunden standen auf dem Programm der Tagung, die das „Musikmanagement-Netzwerk“ der Universität des Saarlandes in Kooperation mit der Stadt Neunkirchen und der dort ansässigen Kulturgesellschaft veranstaltet hatte.

Wo flüssiger Stahl floss, gibt's jetzt Musicals aus einem Guss


Hintergrund: Das kleine Städtchen – mit knapp 45000 Einwohnern schon der zweitgrößte Ort im Saarland – hat sich mit hochengagierten Laienproduktionen zu einem kleinen Musicalstandort gemausert, der eigene Produktionen hervorbringt. Die Investition in die Kultur ist für die Stadtverantwortlichen ein Absprungbrett: Seit dort kein Stahl mehr produziert wird, muss sich das Örtchen neu positionieren, um nicht abzurutschen. Eindrucksvoll: Die gesamte Konferenz war von einer engagierten Studentenrunde organisiert worden. Und das hochprofessionell.

"Musicalpublikum ist offener als Opernpublikum"


Festival-Leiter Joachim Arnold ging sogar noch einen Schritt weiter: „Von der Offenheit des Musicalpublikums könnten sich die Opernbesucher etwas abschneiden“, sagte der 50-Jährige, der zugleich als stellvertretender Opernintendant der Wuppertaler Bühnen arbeitet. Und insofern auch mit dem deutschen Theatersystem bestens vertraut ist. Als dessen Vertreter war der Schauspieldramaturg Holger Schröder auf dem Podium – im Saarländischen Staatstheater Saarbrücken ist er für das Thema Musical verantwortlich, das dort eben in der Sparte Schauspiel angelegt ist (dazu bald mehr auf diesem Blog). Dass das Musical im klassischen Theater der Publikumsakquise diene, wollte der Fachmann nicht unterstreichen: „Jedenfalls ist das nicht unsere Motivation“, betonte Schröder. Andererseits wolle er nicht ausschließen, dass das Musical ein Türöffner sein kann. Dass es nützlich ist, ließ Schröder unwidersprochen stehen: „Die ,Rocky Horror Show‘ ist für unsere Arbeit wichtig“ (steht zurzeit auf dem Spielplan des Theaters).

Die Musicalfans wollen beides - sagt eine, die's wissen muss


Schließlich war es an der Studentin Nathalia Kroj, die Rolle der „Sprecherin des Musicalpublikums“ einzunehmen: Die Saarländerin schreibt für das von engagierten Fans betriebene Musicalportal „Musical1“ und unterstrich, was sich vorher als Tendenz abzeichnete: „Die Musicalwelt verlangt inzwischen den Mix aus Großproduktion und den Produktionen im Stadt-, Staats- und Landestheater“, sagte sie: „Es ist beides gewollt.“


"Das war zu Verdis und Mozarts Zeiten auch schon so..."


Nur in der Spielplangestaltung müssten die Theaterverantwortlichen wieder mehr auf das Publikum zugehen, regte Joachim Arnold an: „Im Augenblick ist halt nicht die Zeit für ein Musical wie den ,Black Rider‘“, sagte der Festspielmacher. „Aber das war zu Verdis und Mozarts Zeiten ja schon genauso: Wenn die Dinge floppen, dann floppen sie...“

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Die Diskussionsrunde war das dritte Panel der Konferenz zum Thema "Musikmanagement" in der Stummschen Reithalle im saarländischen Neunkirchen im Dezember 2015.    (Achenbach-Foto)

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