Donnerstag, 21. Januar 2016

Eine ganz persönliche Top Ten der besten David-Bowie-Songs - zur verspäteten und doch so wichtigen Würdigung eines Ausnahmekünstlers



Immer anders, immer spannend: David Bowie.   (Thomas-Achenbach-Foto/eigen)


Osnabrück - Immer am 10. eines Monats ist Todestag. David Bowies Todestag. Ich weiß noch genau, wo ich gerade am 10. Januar mit dem Auto hergefahren bin, als diese Nachricht im Radio kam - die als Schock bis in die Haarwurzeln hinein durch meinen Körper gebebt ist. Was mir bei Todesnachrichten von Promis sonst eher selten geschieht und sich seither noch einmal bei Roger Willemsen kurz darauf wiederholt hat. Aber weil mich das Thema Tod ohnehin in einem ganz anderen Zusammenhang beschäftigt und ich David Bowie für einen Ausnahmekünstler halte, komme ich nicht umhin, meinen kleinen ganz persönlichen Beitrag zum YADBB-Kosmos beizutragen ("Yet Another David-Bowie-Blogpost")... dies soll hiermit geschehen. Einfach nur deswegen, weil es mir wichtig ist, einem Künstler eine Würdigung zu widmen, der auch mein Leben massiver geprägt hat, als es mir selbst bewusst gewesen ist. Hier ist also eine persönlich eingefärbte Top Ten der meiner Meinung nach 10 besten Bowie-Songs...

Platz 1.) "Absolute Beginners" - Der Titelsong dieses Swinging-Sixties-Filmmusicals besticht durch eine schwebend schöne Melancholie in der Musik, aber eben auch durch den symbolistischen Text. Wie so oft bei David Bowie. Denn irgendwie sind wir Menschen doch immer wieder "Absolute Beginner", ganz oft im Leben, beinahe sogar jeden Tag. Mit Swing hat der Song indes recht wenig zu tun - und den dazugehörigen Film - als gigantisches Video-Clip gescholten, glaubt man Wikipedia - habe ich auch nie gesehen. Obwohl die seinerzeit so favorisierte Patsy Kensit darin mitspielt. 

Platz 2.) "Within You" - Ich war elf Jahre alt, als ich zum ersten Mal mit David Bowie als Künstler (und Person) in Kontakt kam. Da spielte er den Koboldkönig Jareth in Jim Hensons Märchen-und-Puppen-Spektakel "Die Reise ins Labyrinth". In einer Musicalszene, die fast eine Verführungsszene sein könnte, singt Bowie gegenüber der jungen Jennifer Connelly ebendieses Lied. Und, ja, ich wollte genauso charismatisch und kontrolliert und undurchschaubar und labyrinthisch sein wie er. Vor allem gegenüber einer jungen Jennifer Connelly. Textlich gesehen ist der Song mehrdeutiger als es ein Jugendfilm zulassen könnte. Aber sowas versteht man ja erst als Erwachsener.

Platz 3.) "New Killer Star" - In der Post-9/11-Welle wurde manches an Musik gemacht, was die Ereignisse der Terroranschläge von 2001 zum Thema hatte. Man denke beispielsweise an Springsteens geniales Album "The Rising" als gesamtmusikalische Auseinandersetzung zum Thema Tod und Verlust. Wie für David Bowie üblich, ist auch der Text zu diesem Rocklied nicht ganz eindeutig, allerdings sind die politischen Bezüge zum zweiten Irak-Krieg nicht wegzuleugnen. Als kompakter Rocksong mit einem gewissen Twist auch musikalisch bemerkenswert. Überhaupt ist das ganze Album "Reality" eines der besten Bowie-Alben. Also: Für mich. 

Platz 4.) "Aladdin Sane" - Das tupfende Klavier. Der wechselnde Rhythmus. Die Leichtfüßigkeit. Die sachte im Hintergrund Betonungen hinauswabernde Gitarre. Ein Song als gelebtes Understatement zwischen Barjazz und Rocknacht, zwischen Cocktail-Eleganz und Rüschenhemd. Einfach - cool. Wie sehr auch dort ein Saxophon eine Rolle spielt, ist mir ehrlich gesagt erst jetzt im Vergleich mit dem "Black Star"-Album bewusst geworden. Und dann dieser Mittelteil mit dem stoischen Bass und den explodieren Piano-Soli. Klasse. 

Platz 5.) "Heathen - The Rays" - Bowies ganz eigene Antwort auf Housemusik und Disco. Wie ein eigentlich eher suchender Rocksong selbst in seinen ruhigsten, ja, beinahe spirituellsten Passagen so sehr von einem ewig treibenden Bass angepumpt sein kann, kaum merklich, aber immer da, ist bemerkenswert. Das Spiel mit den Rhythmen dominiert die fünf Minuten. Tolle Musik. Tolle Gitarre. Alles toll. 


Immer spannend, immer anders: David Bowie.  (Thomas-Achenbach-Foto/eigen)


Platz 6.) "Five Years" - Die Sehnsucht der Jugend. Träume erreichen wollen, sich unsterblich fühlen. Das sagt die Musik. Sich noch einmal ausleben, bevor die Apokalypse hereinbricht - davon erzählt der Text. Denn in fünf Jahren soll die Welt untergehen, heißt es in diesem Song. Der sich im Mittelteil ins fast Ekstatisch-Verzweifelte steigert. "Wo sehen Sie sich in fünf Jahren" - beliebte Frage im Vorstellungsgespräch. Muss wohl ein magischer Zeitraum sein. Ist jedenfalls ein magischer Song.

Platz 7.) "Life On Mars?" - Was könnte ich dem hinzufügen, was die heilige BBC über diese Perle der Popmusik geschrieben hat? "Wie eine Mischung aus einem Broadway-Musical und einem Gemälde von Salvador Dali." Jawohl. Und Rick Wakeman spielt das Piano - eben jener Wakeman, der zeitgleich (Anfang der 70er Jahre) die wohl besten Jahre mit "Yes" hatte. In der wohl denkbar besten "Yes"-Personenkonstellation. Aber das ist eine andere Geschichte von einer anderen Lieblingsband. 

Platz 8.) "The Man Who Sold The World"  - Themen wie das Verlorensein im Leben (oder, wie es Bowie selbst über diesen Song sagte: in der Jugend), die Ambivalenz zwischen Selbstüberschätzung und unerreichtem Sehnsuchtsgetriebensein - diese Aspekte finden sich in vielen Bowie-Songs. Vielleicht selten so verdichtet wie in diesem kleinen Meisterwerk, das vielen in meiner Generation durch die Nirvana-MTV-Unplugged-Coverversion bekannter ist als das Original. Naja, immerhin haben Nirvana das Gitarrenriff fast unverändert übernommen.

Platz 9.) "Changes"  - Jajaja, klar, der Song ist durch seinen unreflektiert massiven Radioeinsatz beschädigt worden und könnte auf der Liste des Habenwirunsdranüberhörten landen. Aber auch hier finden wir wieder Bowies musikalische und textliche Grundthemen: Sehnsüchte, Verlorensein, Sichfindenmüssen, Veränderungen (Changes). Oft sind diese Textzeilen gedeutet worden als Bowies Suche nach immer neuen künstlerischen Ausdrucksformen. Für mich hat dieser Text immer das Leben an sich symbolisiert. Denn wenn wir mal ehrlich sind, ist das Leben doch vor allem das: Immer anders (als gedacht? als erwartet? als gehofft? als erträumt?). Also auf jeden Fall: Veränderung. "And every time i thought i got it made - it seemed the taste was not so sweet"...

Platz 10.) "Where Are We Now?"  - Und wenn wir schon über das Leben sprechen und über unsere Verortung in ebendiesem (bzw. unserer ewigen Neuausrichtung darin), gehört dieses Lied mit dazu. Klar, oberflächlich gesehen reflektiert David Bowie in diesen Zeilen seine Berliner Phase bzw. die politische Situation Deutschlands/Europas nach dem Fallen des Eisernen Vorhangs. Aber wie so oft bei David Bowie ließen sich die Textzeilen auch als eine Frage der Lebensdefinition interpretieren: Und, wo sind wir jetzt? Kann das schon alles gewesen sein? Und dann die fast kitschige Replik: Solange es noch Hoffnung gibt, ist nichts verloren. Eingepinselt in eine erst traurig-nostalgische Herbstimmung, erlebt der Song gegen Ende auch musikalisch eine überraschende Wendung. Auch hier: Eine Brücke zwischen Musicalpatina und fragiler Alterskunst. Oder: Große Musik.


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