Montag, 22. Februar 2016

Warum ich den Besuch der "My Fair Lady" im Theater Osnabrück nach der Pause abgebrochen hatte (in der Spielzeit 2015/2016) - eine kleine Beckmesserei...



Sprechübung mit Murmeln im Mund...  Jan-Friedrich Eggers als Henry Higgins und Erika Simons als Eliza Doolittle in der "My Fair Lady" in Osnabrück.   (Jörg-Landsberg-/Theater-Osnabrück-Foto)

Osnabrück - Eine der Thesen, die ich für wahr halte, ohne sie indes wissenschaftlich untersucht oder fundiert recherchiert zu haben, lautet: Es ist viel schwieriger, eine gute Komödie zu spielen als ein Drama. Oder anders: Es ist viel herausfordernder, ein Publikum zum Lachen zu bringen. Weil zum Lustigsein drei existenzielle Elemente dazugehören, die perfekt sitzen müssen: Ernsthaftigkeit. Präzision. Timing. Vor allem Timing. Die aktuelle Produktion des Musicals "My Fair Lady" (ob das wirklich ein Musical ist, diskutieren wir später) im Osnabrücker Theater in der Regie von Marcel Keller lässt diese Bestandteile allerdings vermissen und setzt vielmehr auf Klamauk. Vielleicht liegt es daran, dass das Stück irgendwie etwas breiig wirkte. Also jedenfalls im ersten Akt. Denn darüber schreiben sollte ich streng genommen nicht, weil ich das Musical nicht zu Ende angesehen habe. Tatsächlich habe ich zum ersten Mal in meinem Leben eine "My Fair Lady" nach der Pause verlassen. Und dabei war ich bis dato überzeugt, dass diese seltene Perle an Autorentalent, Librettistenkunst und musikalischer Qualität absolut unzerstörbar ist. Das war falsch. Aus drei Gründen. Aber zuerst...


... zwei wichtige Vorbemerkungen. Erstens: Es ist nahezu unmöglich, für die "My Fair Lady" noch Karten zu bekommen. Das Stück ist fast immer ausverkauft, schon sind erste Zusatzvorstellungen anberaumt. Das sei dem Theater einerseits herzlich gegönnt, denn es ist gut, wenn das Musical per se das Haus vollmachen kann, andererseits müsste das Augenmerk dennoch stärker auf der gezeigten Qualität liegen. Und auch wenn sich am besuchten Vorstellungstag (Mittwoch, 17. 2. 2016) in der Pause noch keine Begeisterung breitmachte, waren der hier schreibende Blogger und sein nicht minder abgetörnter Begleiter die beiden einzigen Gäste, die das Haus vorzeitig verließen. Beckmessernde Besserwisser-Nerds?! Joah, gewiss auch das, ein bisschen. 


Qualität im Musiktheater ist in Osnabrück wieder sehr hoch


Zweitens: Was das Theater Osnabrück derzeit im Bereich des Musiktheaters auf die Bühne bringt, hat (fast) immer eine erstaunliche Qualität. Produktionen wie Verdis "Simon Boccanegra", Brittens "Owen Wingrave" oder auch die durchaus umstrittene, aber zum Ende hin immer eindrucksvollere "Carmen" haben bewiesen, dass in der Ära Waldschmidt der musisch-theatrale Zweig noch einmal an Hochwertigkeit zugelegt hat. Chapeau! Allein, ähm, hüstel, das Musical als ganz eigene Sparte scheint sich ein klitzeklein wenig zum Stiefmütterchenkandidaten zu entwickeln. So. Und die Lady? Also: 


1.) Knackpunkt Berlinerisch: Der Akzent muss besser sitzen


Erika Simons, diese hübsche junge Australierin, ist schon in verschiedenen Produktionen des Osnabrücker Theaters positiv aufgefallen durch ihre klare Stimme und ihre erfrischend vitale Bühnenpräsenz. In der "Carmen" als jugendlich-leidenschaftliche Zigeunerin, im "Wildschütz" als keckes Gretchen. Die Personalentscheidung ist richtig: Simons hat das Zeug dazu, eine richtig gute Eliza Doolittle zu sein. Aber zunächst muss sie in diese Rolle noch hineinwachsen. Zu australisch ist noch der Akzent, der doch eine klare Berliner Färbung haben sollte, zu zurückhaltend und elegant die gepflegte Erscheinung, als dass man ihr das Ordinäre, Staubige und Gossenhafte der Unterschicht wirklich abkauft. An jener legendären "Pretty-Woman"-Inspirations-Stelle, an der sie beim Pferderennen mit dem "... ick streu' Dir Zucker inn'naaasch..." richtig görenhaft vom Leder ziehen müsste, bleibt sie doch eher aristokratisch und süß, so dass der Gag verpufft. Wie überhaupt vieles verpufft in diesem ersten Akt. 


Es bräuchte so etwas wie einen Fledermaus-Frosch


Zum Beispiel Alfred P. Doolittle: Der aus Litauen stammende Bassbariton Genadijus Bergorulko ist hier noch gut in Erinnerung als markanter Vater in einer ohnehin eindrucksvollen "Traviata" vor einigen Jahren. In der "Lady" versucht er es ehrbar und mannhaft mit dem für ihn fast unerreichbaren Berliner Akzent, ist aber oft so unverständlich, dass ein paar der so geschickt im Textbuch platzierten Witzchen rund um den "Töchterverkauf" untergehen. Und er hat eine Menge an Text zu bewältigen. Das ist insofern schade, als dass diese Figur ein ganz zentraler Motor dieses Komödienvehikels ist, eine Figur, für die es einen richtig guten Komödianten bräuchte, so einen, der als Fledermaus-Frosch eine halbe Stunde frei improvisieren und dennoch den Saal zum Kochen bringen könnte. Da geht also etwas verloren. So auch beim Bühnenbild.


Farbverrückte Weihnachtsmärchenzwerge


Dass Marcel Keller - der neben der Regie auch die Kulisseneinrichtung verantwortet - sich entschieden hat, einen symbolistischen und mehrfach nutzbaren Hausklotz auf der Drehbühne im unteren Bereich mit einem schmutzigen Schwarze-Schmiere-Summs zu verschmieren, der vermutlich den Dreck der Unterschicht unterstreichen soll, ist ganz originell (auch wenn dieser Dreck im feinen Studierzimmer des Henry Higgins doch fehl am Platze ist). Aber dass die Kostümverantwortliche Erika Landertinger diese vermeintliche Unterschicht in eine Kleidung gesteckt hat, die mehr nach farbverrückten Weihnachtsmärchenzwergen aussieht als nach dreckverkrusteten Müllmännern, hebelt den vielleicht gewünschten Effekt gleich wieder aus. Ja, klar, vermutlich soll das Symbolcharakter haben: Die Welt der Reichen ist grau und schwarzweiß, die der Anderen ist farbenfroh und lebhaft. Okay, verstanden. Aber diese politische Symbolik will so gar nicht zum sich so ausgelassen gebenden Rest der Inszenierung passen. Und zum Beispiel dieser grobgraue Karomuster-Anzug, den Jan-Friedrich Eggers als Henry Higgins tragen muss - der lässt ihn eher aussehen wie einen verhinderten Clown ohne rote Nase. Was zum Bild des getriebenen und sonorigen Wissenschaftlers, den Eggers gekonnt geschickt abbildet, kaum passt. Womit wir beim nächsten wichtigen Punkt wären.




Die gelungenste Nummer im ersten Akt der "My Fair Lady"-Produktion im Theater Osnabrück: Daniel Wagner als Freddy vor dem Haus der Angebeteten. Gut erkennbar auf diesem Bild: die symbolträchtige Schmutzschicht im unteren Drittel des Hauses. (Jörg-Landsberg-/Theater-Osnabrück-Foto)  



2.) Klamaukfaktor hoch, Qualitätsfaktor nicht immer 



Wer wirklich lustig sein will, der darf das Eine eben nicht tun: Lustig sein wollen. Echte Komik entsteht immer nur aus Ernsthaftigkeit. Das aber ist ein zentrales Problem dieses ersten Aktes: Er kommt daher wie ein übereifriger Büttenkarnevalist, der mit munterem "Sind-wir-nicht-lustig"-Geknuffe das Publikum anspringt. Ob es beispielsweise der (unnötige) Zusatz-Gag ist, dass sowohl Henry Higgins als auch Freddy Eynsford-Hill (Daniel Wagner) beim Pferderennen ständig unter den Balustraden abtauchen und wieder auftauchen oder ob es die teils arg holzschnittartigen Beinchen-hoch-und-Arme-umeinander-und-wir-rennen-alle-ineinander-hahaha-Choreographien von Günther Grollitsch sind, die ebenfalls karnevalistische Züge tragen - die Produktion mutet mehrmals so an, als habe man sich gesagt: Ach komm, ist nur Musical, muss nicht alles so ernst sein. Im Ergebnis wirkt manches aber: Bemüht. Wie gesagt: Das gilt alles nur für den ersten Akt und mag sich im zweiten geändert haben.  


3) Guck mal, es geht doch: Es gibt auch Lichtblicke


Vorsicht, Befangenheitsmeldung: In diesem Stück treten auch Studenten der Hochschule Osnabrück auf, denen ich als Gastdozent am Institut für Musik (IfM) etwas über Musicalgeschichte beizubringen versucht habe. Dass ich diesen jungen Menschen also möglichst viel Entfaltungsmöglichkeiten auf der Bühne wünsche, sollte klar sein. Warum in dieser "Lady" allerdings die Studenten oftmals direkt in den Opernchor integriert werden, so dass zumindest ihr tänzerisches Talent brachliegt - also im ersten Akt -, ist unverständlich. Sie brächten gewiss mehr Können mit. Dazu passt, dass der weibliche Teil der beteiligten Studenten auf ein bisschen Hinternwackeln als Bordelldamen oder auf wenig ambitioniert lauschende Putzfrauen reduziert worden ist. Was bei "Jekyll & Hyde" noch gefehlt hat, nämlich eine homogene Durchmischung aller theatralen Bestandteile, wird hier zum Nichtnutzen von Möglichkeiten. Es sind übrigens zwei Bestandteile - das Orchester, das unter Leitung von Ann-Hoon Sung gekonnt akzentuiert und romantisch aufspielt, und Daniel Wagner als Freddy, dessen "Auf der Straße wohnst Du"-Auftritt ein Lichtblick des Abends ist -, die eindrucksvoll zeigen, was diese "Lady" alles sein könnte. 


Gretchenfrage: My Fair Lady, Operette oder Musical?


Bleibt die alte Frage: Ist die "Lady" schon ein Musical oder doch noch eine Operette? Vergleicht man die Orchestrierung der Musik, die Taktierung und Charakterisierung der Nummern (Märsche, Walzer, Romantik und Folklore) mit Werken von Emmerich Kalman oder Johann Strauß Jr., ist die Verwandschaft eindeutig - meinend, die Lady ist mehr Operette. Auch die Tatsache, dass für die Rolle des Alfred P. Dolittle zwar eine neue Partnerin behauptet wird (er wird ja heiraten), aber nicht gezeigt, schmälert nicht den Buffo-Faktor dieses Paares, der für die Operette systemimmanent ist (keine Operette ohne sowohl Buffopaar als auch das sich dramatisch finden müssende Liebespaar). Und: Wie bei der Operette wechseln sich die Musiknummern mit längeren Schauspielpassagen ab, wobei die Entwicklung der Handlung beinahe ausschließlich im Schauspielsegment stattfindet (abgesehen vielleicht von der markanten "Rain-In-Spain"-Nummer, oder auf Deutsch Grünt-so-grün). Alleine die deutlichere Schauspielfähigkeit, die von den singenden Darstellern verlangt wird, verweist auf das Musical als Gattungsform, denn das ist bei einer Operette letztlich weniger ausgeprägt. Man könnte zudem darüber diskutieren, ob es in der "Lady" einen "Deus Ex Machina"-Augenblick gibt und ob dieser nicht ebenfalls existenzieller Bestandteil einer Operette sein muss... Aber das führte hier jetzt zu weit. Sei's drum: Die "Lady" bleibt - ein Mischphänomen. Mit einem Hang zur Unverwüstlichkeit. Eigentlich. 

Die nächsten Aufführungstermine: Keine mehr, das Musical hatte am 26. 10. 2016 seine Derniere - also die letzte Vorstellung - erlebt, am 10. 3. 2018 erlebt das Musical "Chaplin" im Osnabrücker Theater am Domhof seine deutschsprachige Erstaufführung. - Weitere Infos unter Tel. 0541/7600076.

Transparenzhinweis: Besuch der Aufführung durch selbstgekaufte Theaterkarten, keine Pressekarten, keine Einladung.

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Der Autor dieser Zeilen schreibt auf diesem Blog in seiner Eigenschaft als langjähriger Theaterabonnent und als leidenschaftlicher Freund und Anhänger der deutschen Theatervielfalt sowie des Osnabrücker Theaters. Die Beiträge über Inszenierungen des Osnabrücker Theaters auf diesem Blog verstehen sich als Ergänzungen des bereits - wertvollerweise - in fachkritischen Rezensionen Geschriebenen, hier mehr aus Abonnentensicht. Alle Aufführungen sind, wenn nicht anders gekennzeichnet, nicht auf Pressekarte oder auf Einladung des Theaters, sondern selbst bezahlt, besucht worden.

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