Sonntag, 21. August 2016

Viel Stau und viel Zeit: Warum Osnabrück die perfekte Stadt für alle Progressive-Rock-Fans ist und warum "Your Wilderness" von "The Pineapple Thief" als Album-Empfehlung dabei eine wichtige Rolle spielt

Osnabrück - Das muss man der Stadt Osnabrück lassen - sie ist der perfekte Ort zum Anhören von Progressive Rock oder Artrock. Also jedenfalls, wenn man Autofahrer ist und die CDs im Wagen dabei hat. Zeit genug hat man jedenfalls. Zurzeit, heißt das.

Denn die Innenstadt von Osnabrück ist bereits seit Monaten ein einziger allabendlicher Verkehrsinfarkt (Achtung, Autofahrer: mehrere Musik-Tipps dafür folgen am Ende dieses Textes...). "Stop und Go" in Reinkultur, da geht oft nix mehr. Ein gekonnt geformtes Puzzlespiel aus viel zu vielen Baustellen an viel zu wichtigen Straßen und gesperrten Autobahnen sorgt spätestens ab 16 Uhr für die tägliche Dosis Generalverstopfung. Wohl dem also, der lange bis epische Musikstücke bevorzugt und sonst wenig Zeit zum Musikhören hat. Und der eine ganz neue Platte entdecken will.


Gutes Musikfutter für so manchen Stau: "Your Wilderness" von der britischen Artrock-Band "The Pineapple Thief" ist elegisch, melancholisch und verführerisch.   (Thomas-Achenbach-Foto)

Für den kommt dieser tägliche Infarktstau gut gelegen. Dementsprechend ist das neue Werk der britischen Artrocker "The Pineapple Thief" mit dem Titel "Your Wilderness" nun schon mehrfach in meinem Player gelaufen - oft genug, dass ich es reinen Gewissens hier empfehlen kann als das, was ich darin sehe: Ein Ausnahmewerk. 


Nö, liebe Leute: Das ist kein Prog Rock! Ist es nicht!


Es ist übrigens nicht korrekt, die vier Musiker von "Pineapple Thief" unter die Kategorie "Progressive Rock" zu stellen. Eigentlich haben sie sich ihre ganz eigene Schublade geschaffen - und die ist mehr im Artrock als im progressiven Bereich. Anstatt auf virtuoeses Gefrickel oder mehrfache Tempiwechsel zu setzen, haben es sich die Musiker zu eigen gemacht, innerhalb ihrer 4-5 Minuten dauernden Songs sowohl Wohlklangsgänsehaut als auch Arrangementsperfektion zu einem kunstvollen Stückchen Musik zu verdichten. Ohne dabei jemals anstrengend oder komplex zu sein, wohlgemerkt. Immer mal wieder werden Radiohead oder Porcupine Tree als Bands genannt, die am ehesten an das herankommen, was die Ananasdiebe anbieten. Nämlich - im Fall von "Your Wilderness" - das: 


Wenigstens genauso wichtig wie die Musik ist bei "The Pineapple Thief" das Artwork des Booklets und des Covers. Auch im Falle von "Your Wilderness" ist das so.   (Thomas-Achenbach-.Foto)

Glasklarer Klang, elegische Harmonien, sanftes Schweben, ein sich nur in Details - aber dann wichtigen Details - verändernder Kosmos an Instrumentierungen - das ist es, was diese Musik vor allem ausmacht. Allen gelegentlichen Ausbrüchen der E-Gitarren zum Trotz. "Your Wilderness" ist ein sehr ruhiges Album, fast ein transzendentes Album, das von nur wenigen Rockanklängen durchbrochen wird. Meistens hören wir einen mehrstimmigen Gesang und Herrenchöre im Hintergrund, um die sich ein ebenso wunderweicher wie traurigschwarzer Popeline-Mantel aus Akustikgitarren und Pianoklängen herumschmiegt. 


Einer der Songs sprengt die Neun-Minuten-Grenze


"Your Wilderness" ist zugleich ein unglaublich schönes Album, weil es so perfekt die Waage hält zwischen einer sachten Melancholie und einem ausgefeilten Verhältnis aus Kunstrock und Gefälligkeit. Nur einer der acht Songs geht über die Neun-Minuten-Grenze raus, ansonsten zeigt die Band, was sich auch in nur vier Minuten alles an Details und Überraschungen abfeuern lässt. Anfangs mischt sich noch eine leichte Prise Zorn hinein, vor allem im dritten Track, "Tear You Up", aber spätestens beim epischen "The Final Thing On My Mind" hat sich eine zarttraurige Sanftheit durchgesetzt.


Illustre Gäste und unbekanntes Konzept


Dass als Gastmusiker diesmal der Drummer der Prog-Rocker von "Porcupine Tree", Gavin Harrison, mit dabei ist, macht sich positiv bemerkbar: Ausgefeilte Trommelsequenzen geben den Songs ihre zusätzliche Würze. Außerdem auf der Gästeliste: Klarinettist John Helliwell von "Supertramp" und Geoffrey Richardson von "Caravan", dessen Streichquartett-Unterstützung im letzten Drittel durchschimmert. Ganz klar: "Your Wilderness" ist ein Konzeptalbum, das macht schon das durchgestaltete Booklet mit den 50er-Jahre-USA-Fotografien deutlich. Worum es geht, wollen die Musiker dem Pressetext zufolge der Interpretation des Zuhörers überlassen. In jedem Fall: Empfehlenswert. Eine der besseren - vielleicht sogar besten - Platten des Jahres 2016. So. Und für alle Osnabrücker Verkehrsinfarktgeplagten, hier noch ein paar Anregungen:

Wenn selbst grüne Ampeln nicht viel nützen: Der übliche Verkehrsinfarkt in der Osnabrücker Innenstadt - das dauert! Gut für Prog-Rock-Fans.     (Thomas-Achenbach-Foto) 

Fahrt vom Arndtplatz zum Hasetorbahnhof -
- Ursprüngliche Fahrtdauer ohne Baustellen: 1 Minute 
- Voraussichtliche Dauer derzeit: ca. 25 Minuten 
- Geeignetes Musikstück dafür: Yes, "Close To The Edge" (ca. 19 Min.)

Fahrt einmal um den ganzen Wall herum ("Rechts herum"):
- Ursprüngliche Fahrtdauer ohne Baustellen: 7 Minuten 
- Voraussichtliche Dauer derzeit: ca. 45 bis 55 Minuten 
- Geeignetes Album dafür: Jethro Tull, "Thick As A Brick" (ca. 45 Min.)

Fahrt vom Bahnhof zum Arndtplatz bzw. in die Innenstadt:
- Ursprüngliche Fahrtdauer ohne Baustellen: 2 Minuten 
- Voraussichtliche Dauer derzeit: ca. 10 bis 15 Minuten 
- Geeignetes Musikstück dafür: Deep Purple, "Child In Time" (ca. 10 Min.)

Fahrt von "Coca Cola Heydt" bis zum Hasetor-Bahnhof:
- Ursprüngliche Fahrtdauer ohne Baustellen: 4 Minuten 
- Voraussichtliche Dauer derzeit: ca. 30 bis 40 Minuten 
- Geeignetes Musikstück: Pineapple Thief, "What Have We Sown" (ca. 30 Min.)


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