Mittwoch, 3. August 2016

Wie sich in Richard Powers Roman "Orfeo" eine Robert-Wilson-Figur entdecken lässt - warum ich das Buch jedem empfehlen kann, der Theater, Musik & Literatur mag (und wie sich der Twitter-Account zum Buch finden lässt)


Erschien 2014 im Hardcover: Der jüngste Roman von Richard Powers.   (Thomas-Achenbach-Foto)

Osnabrück - Ein paar kleine Details vorab: "Orfeo" (also eigentlich: Orpheus) ist eine Oper von Claudio Monteverdi, die im 17. Jahrhundert geschrieben wurde und die 1999 an der Mailänder Scala in einer ebenso umstrittenen wie umjubelten Inszenierung von Robert Wilson aufgeführt wurde - eben jenem Robert Wilson, der gerne auch als "Theatermagier" oder "Regievisionär" bezeichnet wird und der ursprünglich der experimentellen New Yorker Kunstszene entstammte. Ich selbst hatte das Vergnügen, seinen "Parsifal" in Hamburg sehen dürfen - kaum zu glauben, dass rund fünf Stunden in totaler Zeitlupe so fesselnd sein können. Reduktion als Faszination. Wohl auch beim "Orfeo", wie ein Youtube-Clip ahnen lässt.


Ein Theatermagier und seine Visionen


"Orfeo". Für das Verständnis des gleichnamigen jüngsten Romans von Richard Powers sind diese Hintergrundinformationen nicht unbedingt wichtig, aber für das Entdecken der versteckten Anspielungen in diesem - wie ich finde: großartigen - Werk kann es hilfreich sein, sich einmal näher mit Robert Wilson zu beschäftigen. Mit seiner Anfangsphase und den tagelang andauernden Theaterexperimenten in antiken Kulissen ebenso wie beispielsweise mit seinem MET-Inszenierungsdebüt mit Steve Reichs Opernprovokation "Einstein On The Beach". Eine ganz ähnlich angelegte Operninszenierung, wenn auch anderen Inhalts - Stadt Münster, 1534, Belagerung -, spielt eine Rolle in diesem Powers-Roman. Nur dass bei Powers die ehemals avantgardistischen Experimentalkünstler reumütig zu klassischen Harmonien und konventionellen Inszenierungsmethoden zurückkehren - und das ist eine der ironischen Brechungen der Realität, die diesen Roman so köstlich machen. Eine von mehreren Anspielungen auf Wilson ist unter anderem die Tatsache, dass sein Alter Ego im Roman - der Regisseur Richard Bonner - ebenfalls in Texas geboren wurde (Wilson stammt aus Waco, einem kleinen Örtchen in Texas). 


Richard Powers ist nicht immer beliebt - das ist verständlich


Richard Powers ist unter den Autoren ungefähr das, was Gustav Mahler für die Musikwelt ist: Üppig und blumig, ausschweifend und existenziell, mit den Formen spielend und sich dennoch manche Konventionen haltend, abgelehnt oder geliebt (der Mahler-Effekt). Ich habe bislang alle seine Romane gelesen. Und ich könnte von keinem mehr die Handlung wiedergeben - auch wenn die Werke alle eine Handlung haben, steht diese selten im Mittelpunkt. Wohl aber kann ich von dem Genuss berichten, den ich beim Lesen gespürt habe - denn wie Powers mit dem Werkzeug Sprache arbeitet, ist einmalig. Sein Sprachfluss ist wie eine detailliert auskomponierte Musik von hoher Reife. In seinen Texten lässt es sich baden. Er zieht den Leser in einen Sprachsog, der einen nicht mehr loslässt. Manche Leser finden das affektiert und meiden den Autoren deswegen. Kann passieren. Siehe unter: Mahler-Effekt.


Wilder Mix an Themen, waghalsig verknüpft


Mich hingegen reißt es mit. Gleichzeitig ist alles, was Powers schreibt, von einer fast wissenschaftlichen Genauigkeit, die Hintergründe sind detailliert ausrecherchiert und kenntnisreich zusammengebaut. Das Überraschende dabei ist stets, welche scheinbar unvereinbaren Themen Powers zu einer DNA zusammenfügen kann, in der das Eine nicht mehr ohne das Andere denkbar ist. Im Falle von "Das Echo der Erinnerung" beispielsweise sind es die über Jahrtausende alten, immergleichen Reisewege der Vögel rund um die Welt, der beim Erscheinen aktuelle Stand der Erforschung des menschlichen Gehirns sowie die psychologischen Ziehkräfte, die ein Familiengeflecht zusammenhalten - oder eben auch nicht. Nun also der "Orfeo". Und, siehe da...: 


Kenntnisreich, hervorragend recherchiert, wissenschaftlich und doch hochliterarisch - was Richard Powers schreibt, kommt nicht bei allen gut an.    (Thomas-Achenbach-Foto)



Entdeckungsreise in die Welt der Musik


Für einen bekennenden Powers-Liebhaber, Musik-Liebhaber sowie Theater-Liebhaber ist dieses Werk in dreierlei Hinsicht ein Fest: Erstens, weil Powers sich in einer Art Roadmovie sehr stark von der Dominanz einer Handlung entfernt hat und sich für das Ausfabulieren, den Fluss der Sprache, das Hin- und Herspringen zwischen Gestern und Heute sowie für die Entwicklung seiner zwei Hauptcharaktere diesmal extra viel Zeit lässt. Aber auch für die historischen Hintergründe, wenn er beispielsweise über mehrere Seiten lang Olivier Messiaens Komponistenleiden und -schaffen in den NS-Arbeitslagern beschreibt. Zweitens, weil er den Musikliebhaber auf eine spannende Entdeckungsreise durch die Welt der Avantgarde und der Modernen Musik mitnimmt, angefangen bei John Cages mehrstündigen Zirkusexperimenten bis hin zu Ligeti und Steve Reich (alleine die Beschreibung des Werkes "Proverb" von Steve Reich erstreckt sich über zwölfeinhalb Seiten - jede davon ein Sprachgenuss **).


Auf der Flucht vor dem Staatsschutz


Und drittens wegen der Figur des Regisseurs Richard Bonner, für die Robert Wilson ganz offensichtlich Pate gestanden hat. Er ist eigentlich eine Nebenfigur, die manchmal so starke Züge entwickelt, das sie den Hauptcharakter - den am Leben gescheiterten Komponisten Peter Els - fast unterdrücken könnte, wenn dessen Leidensweg nicht das zentrale Thema des Romans wäre. Die Handlung ist schnell erzählt und, wie gesagt, nicht der wesentliche Grund, das Werk zu lesen: Ein alternder Ex-Komponist im Ruhestand hat sich aufgrund seiner chemischen Kenntnisse einem wilden Hobby verschrieben - er bastelt an DNA-Strängen herum. Sich das benötigte Material dafür über das Internet zu bestellen, ist heute wohl kein großes Problem mehr. Als jedoch der Staatsschutz auf ihn aufmerksam wird, beginnt eine ungewollte Flucht - und aus der Reise durch das Land wird alsbald ein Trip zurück in die eigene Vergangenheit.  


Was bleibt: Schrecklich viel Lust aufs Musikhören


Was in diesem Roman an Themen miteinander verknüpft wird, scheint waghalsiger denn je, aber es funktioniert: Der Überwachungsstaat und seine ausufernde Terrorparanoia, die modernen Möglichkeiten biologischer Experimente mit Genom-Veränderungen und die Liebe zur Musik. Vor allem die Musik. Wie schon beim "Klang der Zeit" wird beim Leser des Romans immer wieder eine schrecklich große Lust darauf geweckt, sich die genannten Musikstücke anzuhören, sich damit auseinanderzusetzen und zu beschäftigen. So ganz nebenbei erklärt Richard Powers zudem, warum die neuen multiresisten Superkeime bald die Menschheit ausrotten und die Bakterien die letzten Sieger im Krieg um die Erde bleiben könnten. Und auch das fügt sich passgenau ein in dieses bemerkenswerte Buch. Randbemerkung: Ganz neu, wie es den Eindruck machen könnte, ist der Roman übrigens nicht, weil bereits 2014 veröffentlicht. Ich bin nur seither - aus vielerlei Gründen, aber vor allem wegen der Geburt einer Tochter - nicht zum Lesen von irgendwas gekommen. Das nachzuholen, war höchste Zeit. 

Den Twitter-Account aus der Fiktion gibt es jetzt in echt


Und ganz am Rande bemerkt: Der Twitter-Account "Terrorchord" spielt in der fiktiven Romanwelt eine wichtige Rolle. Siehe da: Es gibt ihn tatsächlich im echten Twitter. Mit allem drin, was im Roman vorkommt. Ob sich da der Schriftsteller Powers selbst einen Scherz erlaubt hat - oder ein Fan des Romans? Das wird vermutlich ungeklärt bleiben...

( ** Thema Steve Reich/Proverb: In der gebundenen Ausgabe von 2014 sind dies die Seiten 326 unten bis 338)

Ebenfalls auf diesem Blog: Weltweit einmalig: Warum gibt es in Deutschland eigentlich so viele Theater - und die Subvention? Wie kommt das?

Und im Trauerblog des Autors: Trauma - das ist ein großes Wort. Was ist der Unterschied zur Trauer? Ein Psychologe sagt: Das Thema Trauma wird schlecht vermittelt

Ebenfalls auf diesem Blog: Lieber Nils Lofgren, Du schuldest uns noch ein Konzert - eine Geschichte vom Hoffen und Bangen und von Rock'n'Roll-Träumen



Seine wohl wissenschaftlichsten Bücher: "Das Echo der Erinnerung" und "Orfeo" behandeln auch biologische/medizinische sowie musikwissenschaftliche Themen.   (Thomas-Achenbach-Foto)

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