Mittwoch, 5. Oktober 2016

Wie ein beinahe zehn Jahre alter Junge Mitte der 80er Jahre das Musical "Cats" entdeckte - eine Idee für einen Vortrag, den ich leider nicht halten konnte (vorgesehen für die Jahrestagung des "Freundeskreis Musicalarchiv" zum Thema "30 Jahre Cats" in Hamburg im Oktober 2016)


Zehn Jahre "Cats" - die hauseigene Werbebroschüre des Musicalproduzenten Stella feierte den Geburtstag mit Hochglanz. Das war 1996 und das Barometer in Sachen Investitonsklima stand noch auf "Musical". Noch. (Achenbach-Foto)

Osnabrück/Hamburg - Eine Einladung, die ich leider nicht annehmen konnte, über die ich mich aber arg gefreut hatte: Einen Vortrag bei einer Tagung von Theaterwissenschaftlern zu halten. Einer sehr spannenden Tagung, wohlgemerkt: Als am 14./15. Oktober 2016 (Samstag/Sonntag) in Hamburg das Jahresmeeting des "Freundeskreises Musicalarchiv" stattfand, stand zuerst einmal ein öffentliches und kostenloses Vortragsprogramm auf dem Programm, das sich nicht nur an die Teilnehmer wendet, sondern an alle kulturpolitisch Interessierten - mit einem historischen Leit-Thema und sechs interessanten Themen und Vortragenden). Denn der "Freundeskreis" ist eine illustre Runde von Theaterwissenschaftlern rund um den aktiven Fachmann Wolfgang Jansen (hier findet sich das komplette Programm der Veranstaltung). Auch der Veranstaltungsort, den der Freundeskreis des eigentlich in Freiburg angesiedelten Musicalarchivs gewählt hat, darf jetzt schon als historisch betrachtet werden.

Es ist die nämlich die "Stage School", die bald und nach der Schließung der "Joop van Ende Academy" die einzige Ausbildungsstation für angehende Musicaldarsteller in Hamburg sein wird (Transparenzhinweis: Korrigierte Textversion nach einer ersten Verwechslung). Das Oberthema der Veranstaltung der Musicalwissenschaftler lautete: "30 Jahre ,Cats'". Und weil ich mich mit diesem Thema auf diesem Blog schon intensiv beschäftigt hatte, wäre ich für einen Vortrag über die Vermarktung des Musicals vorgesehen gewesen - allerdings stand dem eine private und mindestens genauso wichtige Geburtstagsfeier entgegen (75! Das ist nun wirklich was Besonderes!). 


Ein Junge entdeckt das Musical - als Leitfaden


Locker angedacht war, dass sich mein Vortrag - neben allen fachlichen Inhalten - an meinen ganz persönlichen Erfahrungen als ganz junger Bursche entlanghangeln sollte, also als lockerer Leitfaden. So nach dem Motto: "Wie ein fast Zehnjähriger Mitte der 80er Jahre mit dem Musical ,Cats' in Kontakt kam". Denn bei diesem Erstkontakt war ich etwa neun Jahre alt. Und hatte gerade mein erstes Radiogerät bekommen. Mit einem Cassettenteil dabei. Für ein Kind der 80er Jahre - also einer Zeit ohne Handys, ohne Computer, ohne CD-Player oder Streamingdienste - war das eine technische Revolution, ein Quantensprung nach vorne. Viel mehr an technischem Habenkönnen gab es nicht. Außer natürlich ein eigener Fernseher, aber das war undenkbar.


Dem Thema Musical wurde Deutschland damals nicht gerecht


Was es übrigens auch noch nicht gab, in den 80er Jahren, waren die großen Musicalproduktionen. Wer ein Musical sehen wollte, musste mit den Stadt-, Staats- und Landestheatern vorlieb nehmen, die allerdings wegen ihrer engen Drei-Sparten-Grenzen meistens zu vielerlei Kompromissen gezwungen waren, die der Kunstform Musical an sich nicht gerecht wurden und dem Genre insgesamt nicht gut taten (Sänger, die schauspielen und tanzen konnten, gab es in Deutschland eben nicht. Nirgends.). Und doch gab es Ausnahmen: Ich erinnere mich an eine "Hello Dolly", die der Musical-Profi Dick Price sogar schon 1983 im Osnabrücker Stadttheater mit dem nötigen Esprit und Tempo und der gekonnten Mischung aus Tanz und Show und Charakteren auszustatten verstand. Für mich war das der erste "Big Bang" in Sachen Musical. Meine Eltern mussten noch wenigstens drei weitere Male mit mir in diese Dolly gehen.


Milster & Streisand: Das Radio brachte die Hits nach Hause


Als dann "Cats" in Hamburg eröffnete, war das für die deutsche Theaterwelt sicher eine Sensation. Jedoch eine, von der ich als junger Bursche nichts mitbekam. Okay, fast nichts. Denn mit meinem kleinen Radiogerät hörte ich mich durch die verschiedenen Programme, entdeckte Moderatoren, Sendungen, Showformate im Fernsehstil, die heute im Radio undenkbar wären. Damals, noch Jahre vor dem Einzug des Formatradios und Durchhörradios in Deutschland, war selbst ein Sender wie NDR 2 noch ein sprudelnder Quell unterschiedlichster Musikimpulse. Und dann gab es diese beiden Hit-Singles aus "Cats" (also Singles im Sinne von kleinen Vinyl-Platten im 7-Inch-Format, die auf der ersten Seite einen Song und auf der zweiten Seite einen anderen Song, meistens die Instrumentalfassung, mit sich trugen): "Memorys" von Barbra Streisand in Englisch (1981). Und die deutsche Fassung: "Mondlicht" von Angelika Milster (1983). Vor allem letztere lief im Radio rauf und runter - und so erreichte das Musical "Cats" auch den kleinen Jungen in der Provinz. 


Eine ganze Serie von Ersten Malen


Dass all das Teil einer großen Vermarktungsstrategie gewesen ist - nein, das wusste ich damals noch nicht. Und noch heute, wenn ich als Gastdozent der Hochschule Osnabrück mit den Musicalstudenten über den Siegeszug von "Cats" in Deutschland spreche, staune ich über die umfassende und clevere Denke, mit der ein Produzent mit dem Namen Friedrich Kurz damals das Thema Musical in Deutschland etablieren konnte - und das erstmals in einer Form, die allem kommerziellen Gewinnstreben zum Trotz dem Genre Musical gerechter wurde als so vieles, was es vorher in Deutschland zu erleben gab. Und was es da nicht alles an Ersten Malen gab... Zum Beispiel...:


Im Jahre 1983 eroberten das Katzen-Logo und das dazugehörige Musical den deutschsprachigen Theatermarkt - das Andrew-Lloyd-Webber startete in Wien. Wenig später gab es auch die dazugehörige Cast-CD.   (Achenbach-Foto)


Busse, Bahnen, Blätter - alles gute Werbeträger


... bundesweite Werbung für eine Musicalproduktion. Heute Standard, damals was ganz Neues. Mit einem großen Vorbild: Dem West End. Denn wer schon einmal in London gewesen ist, der kennt diesen Anblick: Auf allen roten Doppeldeckerbussen prangen Werbeschilder für die aktuell im West End laufenden Musicalproduktionen. Auch die beiden gelben Katzenaugen, in denen erst bei näherem Hingucken die Silhouette einer Tänzerin sichtbar wird – seit jeher das Logo des Musicals „Cats“ – wurden viele Jahre lang omnipräsent spazierengefahren. 


Katzenaugen beim Intercity-Fahren


Der Unternehmer Friedrich Kurz, der sich exklusiv die Deutschland-Rechte für „Cats“ gesichert hatte, importierte diese Idee erstmals nach Deutschland: Nicht nur in Hamburg waren die Augen überall zu sehen, auch die in allen deutschen Intercitys ausliegenden Faltblätter „Ihr Zugbegleiter (IZB)“ wurden mit Musicalwerbung bestückt, wie Wolfgang Jansen in seinem lesenswerten Buch "Cats & Co." beschreibt. In den 80er Jahren sorgte das übrigens für Sorgenfalten auf den Stirnen der Kulturschaffenden: Theater und Kommerz, das galt als Teufelspaar. Denn nur in Deutschland gibt es - als einzigem Land der Welt - diese Debatte über „E und U“ – Ernste und Unterhaltende Kunst. Sie wird auch heute noch emsig geführt, auch wenn Werbung für Musicals längst zum gewohnten Erscheinungsbild gehört.

Wer „Cats“ denkt, sieht Augen – Vermarktung ist alles


Wer „Cats“ denkt, sieht Augen. Das war die Idee, die die 1977 gegründete „Really  Useful“-Gruppe – Lloyd Webbers eigene Promtionfirma  - zur Vermarktung des Musicals entwickelte. In Kombination mit dem gelben Farbton (die Farbwerte sind fest vorgegeben), dem weißen Schriftzug und dem schwarzen Hintergrund gehört das alles zur sogenannten „Corporate Idendity“ der Marke „Cats“. Das Musical daselbst wird zur Wirtschaftsmarke – und zur Wirtschaftsmacht, denn alles, was mit Logo und Schriftzug verziert wird, muss(te) von Really Useful abgenickt worden sein, von der Bettwäsche bis zum Kaffeebecher. Alleine das sorgte bei deutschen Kulturwächtern für Unmut – doch als nahezu nicht zumutbar wurde empfunden, was sich Andrew Lloyd Webbers Firma per Rechtevertrag an künstlerisch-kreativen Einflussmöglichkeiten zusichern ließ (und lässt). Das „Hamburger Abendblatt“ fasste es im Februar 1986 passend zusammen: „Wer immer ,Cats' aufführen will, muss Choreographie, Ausstattung, Kostüme und Lichtregie mitkaufen. Die erfolgreiche Version der Londoner Uraufführung von 1982 darf nicht angetastet werden.“

Von Sydney über Paris bis Hamburg – weltweit baugleich


Mit „Cats“ hielt in der deutschen Theaterszene erstmals das Konzept der immergleichen Inszenierungen Einzug, das heutzutage als Standard gilt: Ein so genannter Resident Director sorgt vor Ort dafür, dass die Originalinszenierung eins zu eins wiedergegeben wird. Was in London, Sydney, Paris oder Wien aufgeführt wird, ist baugleich vom Bühnengeschehen bis zum Vermarktungskonzept, nur die Sprache ändert sich. Kein Wunder, dass die deutschen Kreativen hier den Ausverkauf ihrer Kunst vermuteten: In keinem anderen Land der Welt gibt es so viele Theater  (von den weltweit ca. 160 Opernensembles befinden sich allein 80, also rund die Hälfte, in Deutschland), in keinem anderen Land der Welt wird das auf Provokation und Irritation abzielende Regietheater, das den Zuschauer zum Mitdenken anregen soll, so gepflegt wie bei uns. Doch alle Klage half nichts...: 

Weise Katzenaugen spiegeln sich in der CD-Oberfläche...   (Achenbach-Foto)

Die Zukunft fest im Blick – „Cats“ war nur der Auftakt


Mit seiner 1988 gegenüber der Zeitschrift „Das Musical“ geäußerten Vermutung, allein der westdeutsche Markt vertrüge bis zu zwanzig kommerziell betriebener Musicalshows, hatte sich „Cats“-Produznt Friedrich Kurz zwar ein wenig überschätzt – aber wie wir heute wissen, lag er nur knapp daneben. Und seine nächsten beiden Schachzüge hatte der clevere Geschäftsmann bereits in Vorbereitung: Die deutschen Rechte an „Starlight Express“ und dem „Phantom der Oper“ gehörten ihm exklusiv. Jetzt galt es nur noch, die Spielstätten zu finden –und die Finanzierung. Kein Problem für den gewieften Schwaben… aber das ist eine andere Geschichte und sie soll ein anderes Mal erzählt werden. Beim Musicalkongress in Hamburg am 14./15. Oktober hat sich ein Vortrag auch um dieses Thema gedreht: "The Never Ending Story? - Zur Erfolgsgeschichte des Musicals ,Starlight Express'" eröffnete den Sonntagmorgen der Konferenz. Wie gesagt: ich wäre sehr gerne dabei gewesen. Vielleicht beim nächsten Mal. Herzlichen Dank an Wolfgang Jansen für die Einladung. 

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Und im Auge eine tanzende Silhouette - das gehörte dazu. Fast 30 Jahre lang. Nur in Tecklenburg war es anders (Achenbach-Foto)



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