Montag, 7. November 2016

"Jetzt reicht's!" - in die Diskussion über Künstlergehälter kommt neue Bewegung - erstmals äußert sich eine Theaterleitung zum Thema - NDR Hörfunk bringt eine Themensendung als Live-Aufzeichnung aus Oldenburg


Osnabrück - In die Diskussion über Künstlergehälter und -bedingungen an den deutschen Theatern kommt neue Bewegung. Erstmals hat sich nun mit der Leitung des Oldenburgischen Staatstheaters eine obere Instanz öffentlich zu den Forderungen geäußert, die von Initiativen wie "Art But Fair" oder dem "Ensemble Netzwerk" zuvor postuliert worden sind und die immer wieder auch Thema auf diesem Blog gewesen sind - im Sinne des Dranbleibens an dem Thema wollen wir hier einen kurzen Blick auf die neuen Äußerungen werfen und außerdem auf zwei Veranstaltungen zum Thema hinweisen, die für die breite Öffentlichkeit zugänglich sind. 

Denn vor kurzem gab es in Oldenburg in der "Exerzierhalle" des Staatstheaters (die heißt wirklich so, aber das hat mit den Arbeitsbedingungen für Künstler einmal nichts zu tun) eine öffentliche Podiumsdiskussion zum Thema, die vom NDR-Hörfunk aufgezeichnet wurde. Der plakative Titel des Abends: "Jetzt reicht's!" - so heißt die Veranstaltungsserie des Norddeutschen Rundfunks, zu der der Abend dazugehört. Die Ausstrahlung auf NDR 1 Radio Niedersachsen ist für den 10. 11. (Donnerstag, 19 Uhr) vorgesehen - der Beitrag  mit dem gleichen Titel soll laut NDR-Angaben danach in der Mediathek zum Anhören bereitstehen. Interessant ist, dass sich die Theaterleitung des Oldenburgischen Staatstheaters schon vorab - fünf Tage vor der Diskussion - schriftlich zum Thema positionierte. Und zwar so...:


Moderiert die Hörfunk-Serie "Jetzt reicht's": NDR-Mann Hans-Jürgen Otte.  (NDR-Pressefoto)


In einem als pdf an die Presse verschickten Positionspapier, das nicht namentlich gekennzeichnet ist und aus dem lediglich "Wir als Theaterleitung" als Quelle herauszulesen ist (wie die Pressestelle inzwischen auf Anfrage mitteilte, wurde das Papier in erster Linie von Christian Firmbach, Generalintendant des Oldenburgischen Staatstheaters, aufgesetzt in enger Absprache mit dem Leitungsteam und ganz besonders mit Peter Heiler, dem Oberspielleiter) werden die Initiativen der Künstler als grundsätzlich positiv und begrüßenswert herausgestellt, bevor die Lage aus Sicht einer Theaterleitung geschildet wird. Allerdings findet sich darin auch die etwas ratlose Formulierung: "Eine Patentlösung haben wir nicht." 


Was Theater alles an zusätzlichen Aufgaben leisten


Ein interessanter neuer Aspekt, der in der Diskussion bislang wenig Beachtung gefunden hat: Wieviel mehr die Theater an sich inzwischen leisten müssen. Den Angaben der Oldenburger Leitung zufolge sind an Aufgaben hinzugekommen: "Neue Spielstätten, mehr Stücke, mehr Vorstellungen, Theaterpädagogik, Marketing und verstärkte Vermittlung, Online-Präsenz, Bürgertheater, Drittmittelakquise, Theater für junge Menschen, Verknüpfung mit Akteuren in den Städten, Kooperationen mit der freien Szene, Festivalausrichtung - um nur ein paar zusätzliche Felder zu benennen..." 


Finanzielle Spielräume - ja oder nein?


Zählt man hierzu die Faktoren hinzu, mit dem viele Theater zusätzlich belastet sind und die auch immer wieder Thema auf diesem Blog gewesen sind - hohe Erwartungen an Sparauflagen, sinkende Budgets, sinkende Bereitschaft in der Kulturpolitik, die ungeliebten Subventionen aufrechtzuerhalten -, ließe sich erneut formulieren, was schon oft gesagt wurde: Wenn sie nur könnten, würden die Theaterverantwortlichen doch sicher mehr an Gehalt zahlen. Wollen. Können. Tun. Hierzu sagen indes die Aktiven der Künstlerinitiativen: Es ginge dennoch mehr.


Die Oldenburger sagen: Bei uns gibt's Künstlerschonung 


In dem Papier wird indes herausgehoben, wie sehr am Oldenburger Haus inzwischen auf "Künstlerschonung" geachtet werde in der Form, dass keine Kostümproben in der Ruhezeit stattfinden und dass auf ausreichend spielfreie Tage nach Premieren geachtet werde, außerdem gäbe es reflektierende Gespräche, die die Probenarbeit und die Zusammenarbeit mit dem Regisseur auswerten sollen. Dies alles entspricht tatsächlich Forderungen, die das "Ensemble Netzwerk" vorab gestellt hatte - das übrigens als eng mit dem Oldenburgischen Staatstheater verknüpft angesehen wird, weil einige der Gründungsmitglieder um die Darstellerin und Sprecherin Lisa Jopt dort engagiert sind.


Bezahlung an jedem Haus anders - ja, aber...?


In Sachen der Bezahlung von Künstlern nimmt das Papier allerdings ein paar rethorische Windungen, die einer ganz konkreten Aussage gegenüberstehen: Es müsse darauf hingewiesen werden, dass sich dieser Faktor "an jedem Haus anders darstellt", heißt es dort. Die weiteren Formulierungen zu diesem Thema leiten die Verantwortung geschickt an alle Beteiligten weiter: Die Politik ebenso wie die Theatermacher ebenso wie die Darsteller selbst. So jedenfalls lassen sich Formulierungen lesen wie beispielsweise diese...:


"Hierzu wird ein Mitwirken aller Parteien erforderlich sein"



"All diese ressourcenintensiven Anstrengungen (gemeint: Die zuvor erwähnten Mehraufgaben, der Blogger) wurden von den deutschen Theatern erfolgreich unternommen und das meist ohne dabei eine signifikante Erhöhung ihrer laufenden Zuschüsse zu erreichen. Die diesbezüglich vor allem personellen Mehranstrengungen finanziell auszugleichen wird sehr lange aber lohnenswerte Verhandlungen zwischen den Bühnen und ihren Trägern mit sich bringen, die wir ganz sicher nicht von heute auf morgen meistern werden. Hierzu wird ein Mitwirken aller Parteien vonnöten sein, und es ist schön zu sehen, dass hierzu nun verstärkt auch wieder VertreterInnen aus den Ensembles gehören." Bleibt indes die Frage, wie das umzusetzen ist. 

Auch Politiker sind dabei bei "Jetzt reicht's"


Es wird also spannend sein zu hören, wie sich die öffentliche Podiumsdiskussion des NDR-Hörfunks entwickeln wird. An dieser nehmen teil: Lisa Jopt vom "Ensemble Netzwerk", Jörg Löwer von der Genossenschaft Deutscher Bühnen-Angehöriger (GDBA), Christian Firmbach als Generalintendant des Oldenburgischen Staatstheaters sowie die Politiker Ursula Burdiek (Ratsfrau aus Oldenburg) und Ulf Prange (Landtagsmitglied.) Für den langjährigen NDR-Moderatoren Hans-Jürgen Otte - seit 2007 dabei - wird es die letzte Ausgabe der Sendereihe vor seinem Ruhestand. 

Die NDR-Sendung "Jetzt reicht's" ist zu erreichen über diesen Link.

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