Dienstag, 15. November 2016

"Kultur am Katzentisch? - Jetzt reicht's" - so verlief die NDR-Podiumsdiskussion zum Thema Künstlerbedingungen und Künstlergehälter in Deutschland - auch die Politik war mit am Tisch


Osnabrück/Oldenburg - "Wenn da am Ende nichts überbleibt auf dem Konto, wird es trotz des Applauses hart" - so formuliert es eine Darstellerin des Oldenburgischen Staatstheaters, die im Publikum sitzt, auf Anfrage des Moderators und fasst damit das Grundproblem von am Theater beschäftigten Künstlern zusammen. Soweit, so bekannt. Doch was der NDR-Hörfunk mit seiner Sendung "Jetzt reicht's" zum Thema Künstlerbedingungen und Künstlergehälter geleistet hat, ging noch einen Schritt weiter. Denn bei dieser öffentlichen Podiumsdiskussion - die als Aufzeichnung in der Mediathek des NDR zurzeit noch zum Anhören bereitsteht (hier klicken) - wurden einmal auch Vertreter der Politik mit den Künstlern und den Theaterverantwortlichen zusammengebracht. Hier die wichtigsten Aussagen der Teilnehmer. 

Was für eine bizarre Situation - die an den Theatern in Deutschland beschäftigten Schauspieler und Sänger sowie viele Akteure hinter der Bühne formulieren erstmals lauten Protest gegen die Bedingungen, unter denen sie arbeiten müssen - und es gibt, wie es der NDR formuliert, "keine Gegner". Lösungen gibt es aber auch nicht. Jedenfalls im Augenblick. Diese Thematik hat mich auf diesem Blog immer wieder beschäftigt (siehe beispielsweise hier), so dass ich bei dem Thema - soweit es geht - dranbleiben möchte. Zur Aufzeichnung nach Oldenburg habe ich es nicht geschafft, aber mir den Beitrag in der Mediathek angehört.



Moderiert die Hörfunk-Serie "Jetzt reicht's": NDR-Mann Hans-Jürgen Otte.  (NDR-Pressefoto)


Neben der Initiatve "Art But Fair" gibt es das "Ensemble-Netzwerk", das die Forderungen von Künstlern bündelt und formuliert. Von NDR-Moderator Hans-Jürgen Otte eingeführt als "Lobbyverein, der die Öffentlichkeit aufrütteln will", sieht sich die Initiative selbst eher als Vermittler zwischen den Welten, aber auch als Motor für Veränderung. So sagt es die Vorsitzende, Lisa Jopt. Oder, wie sie es ebenfalls formuliert: "Wir sind keine Gruppe von Leuten, die sagt: Äh, ist doch alles scheiße...".


Überraschte Darsteller: Erstmals wird auf Kritik gehört


Zwar ist die Initiative am Oldenburgischen Staatstheater entstanden - eben aus der Künstlerschaft heraus -, aber nicht, weil die Bedingungen dort besonders schlecht sind. Sondern, weil die Künstler dort erstmals die Erfahrung machen durften, mit ihrer Kritik auf offene Ohren zu stoßen. "Hier gibt es sogar flache Hierarchien und uns wird der Rücken gestärkt", sagt Lisa Jopt, "und diese positive Erfahrung hat dazu geführt, dass wir das Ensemble Netzwerk gegründet haben." 


Weitere Arbeit in der Freizeit wird vorausgesetzt


Sie habe eine vertragliche Wochenarbeitszeit von 48 Stunden, aber das Textlernen geschieht "on top" in ihrer Freizeit, beschreibt Jopt ihren Arbeitsalltag. Von ihrem Gehalt blieben ihr, bereits nach ein paar Erhöhungen, derzeit 1400 Euro netto - "und Oldenburg ist eine teure Stadt mit viel Lebensqualität", wie sie weiter sagt. Dementsprechend zahlt sie 500 Euro Miete. "Und ich lebe in einer kleinen Wohnung." Ihr Hauptkritikpunkt am deutschen Theatersystem ist aber dieser: "Es wird zu viel produziert in zu kurzer Zeit mit zu wenig Leuten und zu wenig Geld." Und: "Ich habe zu wenig Freizeit". Der Alltag für sie: Probe von 10 bis 14 Uhr, dann vier Stunden Pause, ab 18 Uhr wieder Probe bis in die Abendstunden. "So geht das sechs Wochen". Wenn es schlecht läuft - in Oldenburg wohl mittlerweile nicht mehr - auch mit zusätzlichen Kostümanproben und Zusatzproben am Wochenende. Wo ja eigentlich das vertraglich nicht fixierte Textlernen dran wäre. 


Erst Elite-Studium, dann Mini-Lohn


1298 Euro netto bekommt sie, erzählt die anfangs erwähnte weitere Darstellerin des Theaters, die im Publikum sitzt. Wie sie betont: nach vier Jahren Studium am Mozarteum in Salzburg, also einer Elite-Einrichtung, nach absolviertem Hochschulabluss, nach einer "harten Ausbildung", die fast ständig "sieben Tage die Woche eingenommen hat".


Das Land gibt's vor: Der Chef hat Zielvereinbarungen 


Der Oldenburgische Intendant Christian Firmbach - eigentlich ausgebildeter Sänger (Bonn/Darmstadt) - sieht eines seiner Hauptprobleme in den zusätzlichen Anforderungen, die per Zielvereinbarung mit dem Land an ihn gestellt werden: Flüchtlingsarbeit leisten, neue Zuschauerschichten gewinnen, Theater in die Stadt hineintragen... Zwar sieht Firmbach die Nöte der Darsteller. Aber auch seine Grenzen: "Es ist doch logisch, dass wir in Oldenburg andere Gagen zahlen als in Hamburg", sagt er: "Ich kann den Kuchen nicht vergrößern. Ich rate allen: geht zur Gewerkschaft." Dennoch hätten die Zielvereinbarungen auch ihr Gutes: Sie garantierten ihm zumindest ein zugesichertes Budget. 


"Das wird nicht genug wertgeschätzt"


"Jedes Theater leidet unter Zielvereinbarungen - das ist ein bundesweites Problem", das sieht auch Lisa Jopt so. Auf der anderen Seite wollen aber weder Jopt noch Firmbach von dem abrücken, was das Theater an Pensum leistet. Selbst wenn das Oldenburger Haus durch zusätzliche Elemente wie einem "Bürger-Theater" mitterweile zu einem Sieben-Sparten-Apparat angewachsen ist. All das sei nötig, sagt der Intendant. Und Lisa Jopt sieht das grundsätzlich auch so, sagt aber: "Ich habe keine Lust mehr auf Sparte Sieben, weil das nicht mehr genug wertgeschätzt wird, monetär jedenfalls, höchstens ideell." (Randaspekt: Kurz wird auch über die Frage diskutiert, ob es sinnvoll ist, ein Repair Café - also die Möglichkeit, kaputte Haushaltsgegenstände selbst reparieren zu lernen - am Theater stattfinden zu lassen, was in Oldenburg in Kooperation mit der Universität angeboten wird).


In der Politik wächst erst das Problembewusstsein


Recht zurückhaltend zeigen sich die beiden anwesenden Vertreter der Politik, Ulf Prange, stellvertretendes Mitglied im Theaterausschuss und Landtagsmitglied in der SPD-Fraktion sowie Ursula Burlieb, Oldenburger Stadträtin im Kulturausschuss seit 20 Jahren und frische Vorsitzende des Gremiums. Beide betonen offen, dass ihnen die Problematik vorher nicht klar gewesen sei, beide äußern ihre Betroffenheit über das, was ihnen geschildert worden sei. Dann aber geht der Spielball ein wenig hin und her. Das Land leiste schon sehr viel, sagt Prange: Es fließe eine ganze Menge Geld ins Theater, das Land gewähre Budgetverpflichtungen für drei Jahre, das sei alles nicht selbstverständlich. Aber auch Burlieb betont, wieviele Kultureinrichtungen - insgesamt 25 - es in Oldenburg gebe, die alle durch städtische Zuschüssen unterstützt werden müssten und sollten. 


Noch eine Spielstätte mehr - und dann fehlt Geld


Prange übt Kritik an Firmbachs Intendantenvorgänger und nimmt den Veranstaltungsort der Podiumsdiskusison, die Exerzierhalle als zusätzliche Spielstätte neben dem Großen Haus, zum Anlass: "Wir sind hier jetzt an einer zusätzlichen Bühne, die sich der vorherige Intendant quasi aus dem Fleisch geschnitten hat", sagt Prange. Und betont: "Das ist Geld, das fehlt." Lisa Jopt hingegen fordert von den Politikern: "Es muss keiner vor mir auf die Knie gehen", aber es wäre wichtig, dass die Politik auch sagte, "das ist mir auch peinlich, dass hier so schlecht bezahlt wird". 


Intendanten-Ängste? Bloß keinen in die Festanstellung?


Ein wichtiger Aspekt der Debatte ist die Frage der Vertragsperspektiven für Künstler. Weil es am Theater allgemein üblich ist, Arbeitsverhältnisse für ein oder zwei Jahre zu befristen und weil ein Darsteller nach 15 Jahren Beschäftigung an einem Haus das Recht auf eine Festanstellung hat, was Intendanten gerne umgehen wollen, wird dieses Thema kontrovers diskutiert. Intendant Christian Firmbach befürwortet die gängige Praxis - aus seiner Sicht nachvollziehbar, weil er seinen Auftrag seinen Worten zufolge auch darin sieht, mit einer guten Durchmischung des Ensembles weiterhin alle Stücke spielbar zu machen. 


Der Betriebsrat sagt: Fünf-Jahres-Verträge müssen her


"Man braucht das Gretchen, aber auch den Vater", fasst Firmbach zusammen. "Aber irgendwann hat man nur alte Darsteller am Haus", wenn man nicht mit flexiblen Verträgen dagegenwirkt, so den Intendant. Dann würden Stücke unspielbar. Fünf-Jahres-Verträge auch für Darsteller - so wie sie Intendanten üblich seien - fordert der Personalratsvorsitzende des Oldenburger Staatstheaters aus dem Publikum heraus. 


Alles Quatsch und Märchen und Folklore


Lisa Jopt dagegen verweist die These, dass flexible Verträge hilfreich sind für die  künstlerische Freiheit eines Hauses in den Märchenbereich: ""Unkündbare Schauspieler nach 15 Jahren, der Alptraum, weil sie so unflexibel sind - das ist Theaterfolklore", sagt sie. "Unser unkündbarer Schauspieler ist einer der engagiertesten und der, von dem ich am meisten lerne, was Handwerk angeht, was die Auffassung von Literatur angeht und was Figurenspielen angeht", betont sie. 


Keine Aufmerksamkeit für Streiks


Dass sich die aktuelle Generation jüngerer Darsteller nicht mehr in den offiziellen Gewerkschaften organisieren, sondern im "Ensemble Netzwerk", gibt Jörg Löwer als Vertreter der Bühnengenossenschaft - also einer der Künstlergewerkschaften - unumwunden zu. Das sei grundsätzlich nicht schlimm, sagt Löwer: "Je mehr Druck ausgeübt wird, desto besser ist es". Die Gewerkschaft selbst sei indes durchaus nicht untätig, betont Löwer: "Wir haben in den vergangenen zwei Jahren soviel gestreikt wie vorher nicht". Allerdings ginge das auch leicht unter. Streiks am Theater sorgten nicht für eine bundesweite Aufmerksamkeit wie das Lahmlegen eines Flughafens, sagt Löwer sinngemäß.


Lernen vom Orchester: Fast unkündbarer Zusammenhalt


Warum es die Orchestermitglieder soviel besser haben, klärt die Sendung im Vorbeigehen übrigens ebenfalls auf: Sie seien vertraglich so gut wie unkündbar, heißt es da. Und: "Die Orchester sitzen im Graben zusammen". Die Schauspieler seien nur auf der Bühne zusammen, säßen aber ansonsten alleine in ihrer Garderobe, schildert Lisa Jopt. Und gibt zu: "Das Ensemble hat da Nachholbedarf..."

Die Sendung "Kultur am Katzentisch" in der Mediathek ist zu erreichen über diesen Link.


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