Mittwoch, 8. März 2017

Alle Männer sind Schweine und wollen vor allem Fellatio: Warum das Regiekonzept der "Manon Lescaut" in der Inszenierung von Walter Sutcliffe im Theater Osnabrück mir bitter aufstößt - und warum ich erst nicht drüber schreiben wollte (eine Kritik)


Osnabrück - Er wäre kein Opernfan geworden, wenn er mit dieser "Manon Lescaut" hätte anfangen müssen, sagt er. Tatsächlich aber ist er einer der größten Opernliebhaber in dieser Stadt. Sobald nach der Sommerpause die Theaterkasse wieder geöffnet hat, trifft man ihn in der Schlange beim Kartenverkauf. Wenn die MET aus New York im Kino übertragen wird, ist er fast immer mit dabei. Und treffen wir uns zufälligerweise in der Stadt oder sonstwo, beginnt das Fachsimpeln. Von Opernfan zu Opernfan. 

„Wissen Sie, Herr Achenbach“, sagte er neulich zu mir, als wir uns vor Galeria Kaufhof an der Ampel begegneten (er hatte extra meinetwegen eine Grünphase sausen lassen), „mit der ,Manon Lescaut‘ aus der MET hat damals Mitte der 80er bei mir alles begonnen, die ganze Opernleidenschaft.“ Soll heißen: Diese Oper war für ihn der Funke, der das Feuer angefacht hatte. Und dann, wortwörtlich: „Aber wenn es sich dabei um die ,Manon' aus Osnabrück gehandelt hätte, wäre das vermutlich nie so geschehen…“. Schwupps, da geschieht etwas in mir. Trigger gesetzt. Im Kopf rattert es los. Formulierungsketten fügen sich zusammen. Ein Text bricht los. Ich merke: Was sich da zusammenbraut, das will raus. Ein neuer Blogbeitrag? Herrje. Ich wollte das ja nicht wieder tun! 

Eigentlich wollte ich das nicht wieder tun...


Hatte ich mir geschworen. Wollte nicht schon wieder meinen eigenen Nachtgedankensenf zum aktuellen Theatergeschehen in Osnabrück dazugeben. Immerhin haben schon mehrere kompetente Journalisten ihre eigenen Gedanken dazu geäußert, Redakteure, die berechtigterweise dafür abgestellt sind, dies zu tun - der gute Werner (also: Hülsmann) bei uns in den ON und Jan Kampmeier in der Neuen OZ. Beide Unternehmen sind meine Arbeitgeber. Weswegen ich ein wenig Zurückhaltung meinerseits immer für eine ebenfalls gute Wahl halte. Ist bloß nicht immer so einfach. Jedenfalls nicht, wenn es um ein Thema geht, das so sehr die Leidenschaft weckt wie dieses. Also: Meine Leidenschaft. Aber, wie sich zeigte, eben nicht nur meine. Sagen wir einfach: Hier schreibt der Abonnent. Denn ich gehe als Abonnent ins Theater. Bezahlt. Na klar.

Schickes Kino. Gute Idee: Den filmmusikalischen Aspekt des ersten Aktes von Giacomo Puccinis "Manon Lescaut" herauskitzeln, indem man ihn als Schwarz-Weiß-Film gestaltet. So geschieht es in der Inszenierung von Walter Sutcliffe am Theater Osnabrück.  (Theater-Osnabrück-/Jörg-Landsberg-Fotos)

In dieser Form habe ich in jüngster Zeit mehrmals feststellen dürfen, wie sehr Ein-Satz-Botschaften ausreichen, um alles auf den Punkt zu bringen, was über eine Theaterinszenierung gesagt werden muss. Beispielsweise die aktuelle "Lustige Witwe" im Osnabrücker Theater am Domhof in der Regie von Andrea Schwalbach: "Ist mir nicht plüschig genug", sagt mein guter Freund und Theaterabogenosse in der Pause zu mir. Ja, verflixt nochmal, damit ist alles gesagt, das sitzt. Und selbiges gilt auch für die Manon Lescaut in der Regie von Walter Sutcliffe (Spielzeit 2016/2017, Premiere war am 14. 1. 2017). Zugespitzt gesagt: Sie taugt nicht zum Entzünden von Opernleidenschaft. Jedenfalls nicht inszenatorisch (denn zur Musik kommen wir noch). Allenfalls wird uns hier in einem überplakativem Botschafteneinknüppelungstheater wieder einmal bewiesen, dass die meisten Regisseure an Stadt-, Staats- und Landestheatern wirklich alles können außer subtil. Und wie viel das kaputtmacht. Leider. Aber der Reihe nach: 


Puccini war begeistert vom Kino - das kann man hören


Das Regiekonzept von Walter Sutcliffe setzt auf zwei verschiedene Ansätze. Der erste funktioniert - und zwar überraschend gut. Sutcliffe hat nämlich einerseits entdeckt, dass Puccini selbst fasziniert war von der seinerzeit neu aufkommenden Kinotechnik (also: Stummfilme in Schwarz-Weiß mit Live-Musik dazu) und dass seine Musik andererseits viele Elemente der damaligen Filmmusik enthält. Das gilt schon für ein Frühwerk wie die Manon, nicht alleine nur für das "Mädchen aus dem goldenen Westen". Wie sehr, macht uns der erste Akt dieser Inszenierung unnachahmlich vor: Er spielt in einem Kino und die Handlung wird als (live gespielter) Schwarz-Weiß-"Film" gezeigt. Verblüffend, wie gut das funktioniert, wie sehr Musik und Szene eine Doppelhelix bilden. Soweit, so originell. Zumal das Kino, in dem das spielt, eindrucksvoll nach 60er-Jahre-Eleganz aussieht und so wie die Kinos, in die ich als Kind noch gegangen bin (Bühnenbild: Okarina Peter, Timo Dentler). Hätte ein gelungener Opernabend werden können. Wäre da nicht das zweite Element in dieser Inszenierung. 

Gleich wird sie allen Herren einen blasen. So dass sie alle gleichzeitg einen Orgasmus haben. Eine der ärgerlichsten Albernheiten in Walter Sutcliffes Inszenierung von Puccinis "Manon Lescaut" im Theater Osnabrück bzw. im Theater am Domhof.  (Theater-Osnabrück-/Jörg-Landsberg-Fotos)

Und das lautet: Alle Männer sind Schweine. Alle Männer sind Unterdrücker, Sexisten, Machtmanipulatoren, Moralverdreher. Alle! Alle. Und die Manon ist das ewige leidende Opfer dieser patriarchalischen Gelüste und Machtausübungen. Dementsprechend tragen in dieser Inszenierung fast alle auftretenden Herren die gleichen grauen Anzüge und die gleichen grauen Haare und die komplett gleiche Frisur (bzw. Perücke). Herr Mustermann, der Sexist, soll zum Sinnbild für den Mann an sich werden. Fellatio inklusive. Denn fortan spult Sutcliffe seine Geschichte auf zwei Ebenen ab: Im Saal des Kinos einerseits, während der Manon-Film, der ja eigentlich keiner ist, auf der Leinwand, die ja eigentlich keine ist, die Oper weitererzählt. Und nicht nur die rein männlichen Zuschauer, die in das Kino gehen, lassen sich mehrmals von den aufreizend angezogenen Kino-Cocktailserviererinnen im Seitenraum einen blasen - auch die Manon Lescaut im "Film" bzw. im zweiten Akt muss einen Fellatio-Gruppen-Gangbang absolvieren, bei dem sie es - technische Meisterleistung! - acht oder neun Herren gleichermaßen besorgt. Die dann alle zeitgleich - die meisten davon Choristen - einen Orgasmus darzustellen versuchen. Was eher peinlich aussieht. Was sogar sehr, sehr peinlich aussieht! Das war auch der Moment, an dem ich innerlich ausgestiegen bin aus dieser Manon. 


Man wäre ja durchaus bereit, so vieles zu akzeptieren


Dabei wäre man als erfahrener Opernbesucher ja sogar bereit, so vieles zu akzeptieren. Dass im dritten Akt zwar eine Deportation auf ein Schiff stattfindet, aber kein einziges Schiff zu sehen ist - geschenkt, erwartet man ja fast gar nicht mehr. Dass das Bühnenbild über alle vier Akte hinweg als Einheitsbühne gestaltet ist, auf der sich kaum technische Wandlungen vollziehen, obwohl die Spielorte von Paris über Le Havre bis zur amerikanischen Wüste wechseln - okay, auch das hat man ja fast schon als neuen Standard verinnerlicht (ach, wie schön wäre es doch, einfach mal wieder eine sich drehende Drehbühne erleben zu dürfen in einer Opernproduktion... ob die wohl kaputt ist in Osnabrück?). Dass der Des Grieux eher aussieht wie ein für das Business viel zu softer Pornoproduzent als als wie ein junger und mittelloser Student - nun denn, dann ist das eben so. Irritierenderweise sieht Jeffrey Hartmann fast genauso aus wie der Ex-Toto-Sänger Bobby Kimball, aber für den gilt dann wohl dasselbe... Okay. Aber dieses Gruppenblasen, nee, ehrlich, das ist zuviel. Danach wäre ich am liebsten gegangen - wäre da nicht noch etwas anderes gewesen...


Gesanglich eine Wonne - Augen zu und durch!


Nämlich die Musik - und der Gesang. Alleine Hauptdarstellerin Lina Liu ist wie immer eine Wucht. Ihre vielschichtigen gesanglichen Gestaltungsmöglichkeiten bis hinein ins Piano kommen bei Puccini einfach am besten zur Geltung. Gastsänger Jeffrey Hartmann war in der besuchten Vorstellung erkennbar krank und hustend, insofern seien ihm gelegentliche Aussetzer verziehen. Aber auch die Nebenrollen kommen gut raus: Puccinis Musik lässt beispielsweise den in "My Fair Lady" ungeschickt besetzten Genadijus Bergorulko zu einem schneidig singenden Schiffskapitän werden. Chapeau! Doch ist dies alles nicht das Eindrucksvollste dieses Abends.

Die grauen Herren von der Versicherung haben ihre Knüppel rausgeholt... So gestaltet Walter Sutcliffe die Deportationsszene im dritten Akt von Giacomo Puccinis "Manon Lescaut" im Theater in Osnabrück bzw. im Theater am Domhof.    (Theater-Osnabrück-/Jörg-Landsberg-Fotos)

Das nämlich ist das Orchester. Was Andreas Hotz als junger Generalmusikdirektor aus dieser Partitur alles herausholt, ist bemerkenswert. Sein Ansatz ist ein übersteigert karajanisches Herangehen an die Musik, aber er funktioniert. Die schnellen Passagen gestaltet er mit schwindelerregend hohem Tempo - alleine der Anfang, oh Mann! -, aber in den langsamen Passagen wird gebadet und geschwelgt. Das macht viel aus. Ich habe die Manon wirklich oft gehört (Lieblingsoper!) und ich liebe vor allem eine Aufnahme mit Loorin Maazel als Dirigent - aber was Maazel daraus macht, ist eine andere Manon als diese hier in Osnabrück. 


Hut ab! Was das Orchester hier alles rauskitzelt...!


Hier flirren die Details, hier wird einem schwindlig vor Leidenschaft und Tempo, hier drücken sich die melancholischen Einschübe ganz tief in die Seele (dritter Akt!). Irre! Vor allem das wunderschöne Intermezzo wird in dieser Gestaltung zu einem Stück gelebter Leidenschaft - also echter Leidenschaft (nicht bloß Blowjobs); Leidenschaft, die der Inszenierung so schmerzlich fehlt. Okay, klar: Die Manon von Puccini auf die Bühne zu bringen, ist immer eine Kunst für sich. Eine Herausforderung an die Regie. 


Gleich wird das Gemälde auf dem Kopf des Studenten Des Grieux (links) zerplatzen: Plötzlich auftretende Slapstick-Elemente gehören ebenfalls zu Walter Sutcliffs Inszenierung von Giaomo Puccinis "Manon Lesccaut" im Theater in Osnabrück bzw. im Theater am Domhof.   (Theater-Osnabrück-/Jörg-Landsberg-Fotos)

Denn was die Oper ein jedes Mal aufs Neue so schwer nachzuvollziehen macht, ist ihr wagnerianischer Erzählstil. Meinend: Ein großer Teil der wesentlichen Handlung geschieht ganz außerhalb der in der Oper gezeigten Handlung. Während Wagner noch den dramaturgischen Kniff einsetzt, das vom Publikum Verpasste in Form von gesungenen Erzählungen zumindest öffentlich nachzuholen, vertraut Puccini einfach darauf, seine Zuschauer würden die ganze Handlung schon kennen. Was sie damals vielleicht auch taten, heute indes nicht mehr so.

Mit aller Gewalt: Botschaften reinknüppeln ins Publikum 


Das macht es einem Regisseur wie Walter Sutcliffe natürlich leicht, seinen Männer-an-die-Wand-Plakativismus mit dem Holzknüppel (sic!) in die ganze Inszenierung hineinzuprügeln. Fast müsste man, um in der Symbolsprache der Regie zu bleiben, schreiben: Hineinzuejakulieren (sowas darf man aber nur in einem Blog). Dass es aber in Wahrheit - also im zugrundeliegenden Roman des Abbé Prévost - die Figur der Manon selbst ist, die ebenso wie die Männer ihre ganz eigenen Moralauslegung betreibt, bleibt außen vor. Und doch ist es im Roman eben die Manon, die immer wieder von Mann zu Mann pendelt, vielleicht nur aus Entscheidungsschwäche, vielleicht rein aus Kalkül. Das ist zwar Bestandteil der Erzählung, nicht aber der Opernhandlung. Was für ein Glück für das Regiekonzept. Dass dann an einer ganz entscheidenden Stelle trotzdem versagt. 

Und dann plötzlich eine unpassende Dick-und-Doof-Komik


Denn dass die Manon beim Erwischtwerden mit dem erneut zum Begleiter der Wahl genommenen zweiten Liebhaber im luxuriös ausgetatten Liebesnest des ersten Liebhabers zur Diebin werden will und dass sie ihrem bisherigen Gönner auch noch die Bilder und den Schmuck stibitzen will, versucht Sutcliffe zu umschiffen und zu schwächen, indem er es als Lachnummer gestaltet. Es in Form eines Dick-und-Doof-Slapstickfilms im Schwarz-Weiß-Kinostil zu verniedlichen versucht. Aber erstens passt diese urplötzlich ausbrechende Komik weder zum düsteren Grundton des restlich Gezeigten, noch passt es zur an dieser Stelle eher aufgeregt-aufgewühlt ansteigenden Musik. Und drittens ist es ein Diebstahl und bleibt es ein Diebstahl. Manon als reines Männeropfer... - das funktioniert eben nicht als Interpretation eines Stoffes, in dem alle Figuren viel ambivalenter und vielschichtiger und, eben auch, subtiler angelegt sind. 


Was ich bei der Inszenierung von"Die Lustige Witwe" in der Regie von Andrea Schwalbach im Theater in Osnabrück gelernt habe: Wie sehr Ein-Satz-Botschaften auf den Punkt treffen. Sagt mein Kumpel: "Ist mir nicht plüschig genug". Tatsächlich ist es eher eine Schmuddelwitwe. Auch wenn es hier gerade anders aussieht.  (Theater-Osnabrück-/Marek-Kruszewski-Foto) 

Schade. Und das ausgerechnet bei der Manon! So ein feines Stück Musik! So eine vielfältige musikalische Formensprache! Da ist trotz Frühwerkcharakter alles drin, was Puccini so gut macht: Die großen Melodienbögen (sogar das Intermezzo wird im zweiten Akt schon musikalisch komplett vorweggenommen), die überraschenden Klangwechsel, der Schmelz, das Leid, der auskomponierte Tod, alles da. Mein ganz eigenes laienhaftes Regiekonzept für diese Oper habe ich schon seit Jahren im Kopf, der Film läuft vor dem inneren Auge, Akt für Akt durchdekliniert. Und es wäre trotz meiner Nichtkenntnis in Sachen Regie irgendwie schlüssiger... Tja. So ist das eben, wenn der Opernfunke und dieses Feuer einen einmal gepackt haben. Wenn das einmal lodert, dann richtig. 

Hinweis: Die Manon ist seit April 2017 ausgespielt. 

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