Montag, 24. Juli 2017

So war das Konzert von Marillion im Bremer Musicaltheater (am 22. 7. 2017, Samstag) - viele Fragen vorab, nicht alles hat gepasst, aber am Ende stimmte es.... - eine Konzertkritik


Ein Fan-Ticket... für Marillion in Bremen im Musicaltheater. 

Bremen (eb) - Braucht eine Band wie Marillion wirklich einen Einheizer vor Beginn der Show? Noch dazu einen, der in seinem Auftreten vielleicht besser zu Mario Barth oder den Toten Hosen gepasst hätte? Am Anfang von diesem Marillionkonzert im Bremer Musicaltheater (am 22. 7.) wähnst Du Dich jedenfalls im falschen Film. 

Nicht nur, dass uns nach Abdunkelung des Saals erstmal ein Werbespot auf das kommende Michael-Bolton-Konzert aufmerksam macht (Ehrlich jetzt? Michael Bolton? Für Progfans?), wir werden dann auch noch aufgefordert, unseren Gastgeber Soundso Soundso zu begrüßen - worauf besagter Einheizer auf die Bühne hüpft und "Marillion IS IN THHEE HOOOUUSSEEEEEE" in ein offensichtlich instabiles Microport hineinbrüllt... Nee, Leute, das passt einfach nicht zu einer Band, deren Klangkunst immer zwischen Ambitionen und Artifiziellem chargiert, immer subtil daherkommt und, wenn überhaupt, dann nur aus ganz langsamen Steigerungen besteht. Zumal die Marillions im ersten Konzertabschnitt große Teile - so gut wie alles, eigentlich - aus ihrem aktuellen Album "F.E.A.R." spielen, das ganz sicher vieles ist - teilweise genial, zum Beispiel, teilweise ein bisschen lahmarschig, allerdings auch -, aber eben keine Mitgröhl-Mitstampf-Klatschindiehände-Musik. Und überhaupt hatte man sich vorher ja schon mal gefragt: Marillion in einem Musicaltheater, bestuhlt - passt das eigentlich?

Na klar machen die Musical - im Musicaltheater


Zumindest diese Frage ist schnell beantwortet: Ja, und wie. Zum einen, weil man der Band durch das stetige Ansteigen der Parkettsitzreihen viel, viel näher ist als in einem Saal zum Stehen, wo man ja doch immer zwischen irgendwelchen Kopflücken hindurch sein Sichtfensterchen suchen muss, wenn man sich direkt nicht vorne an den Bühnenrand drücken möchte. Zum zweiten, weil das Bremer Musicaltheater durch einen durchweg perfekten und glasklaren Sound überzeugt, was das Konzert alleine schon akustisch zu einer Freude macht. Und schließlich zum dritten, weil die Marillions mit ihren zu jedem Song durchgestylten Hintergrundvideos ja durchaus sowas machen wie Musical - sorry, liebe Progfans.... (und ich bin ja auch einer). Womit wir auch schon bei der einen Sache angekommen wären, die bei einem Konzert dieser Band immer eine Enttäuschung darstellt:

So geht eine durchgestylte Gesamtvermarktung: Das Muster des Tour-T-Shirts entspricht einem in den Hintergrundvideos mehrmals auftauchenden Bild ("White Paper").    (T.-Achenbach-Foto) 

Viel technischer Schnickschnack - wie "live" ist das eigentlich?


Jeder Song ist hier eine Eins-zu-Eins-Blaupause seiner Erstveröffentlichung auf den jeweiligen Alben. Es gibt nichts, was das "Live" in "Livekonzert" eigentlich erst ausmacht. Keine Abweichungen im Arrangement, keine veränderten Intros oder neu auftauchende Leerstellen zum Irgendwie-Mitmachen, keine Soli irgendeines Musikers, die es nicht schon einmal so gegeben hat. Und so perfekt und eindrucksvoll die Videos im Hintergrund auch gestaltet sind: Dass so etwas nur funktionieren kann, solange ein im Kopfhörer der Musiker mitlaufender "Clicktrack" die exakte Länge jedes Musikteils vorgibt, wissen inzwischen auch die meisten Laien - was übrigens auch dadurch spürbar wird, dass zuweilen große Teile der Musik vom Computer dazugemischt werden, manche Breakbeats, Klangflächen, Effekte eben, die die Musiker live nicht so leicht erzeugen könnten. Wie "live" so ein "Livekonzert" dann übernaupt noch ist, mag eine Frage für Puristen sein. Und Überzeugungsnerds. Da ich leider beides bin, muss ich sagen: Ist nicht so live. Da ginge mehr. Viel mehr. 

Wut und Frust werden heute Abend viel spürbarer 


Aber, ja, klar, die Marillions spielen ihre Instrumente selbst, Sänger h singt selbst, das ist merkbar und spürbar. Der Anteil an Halbplayback dürfte insgesamt also bei etwa 25 Prozent liegen, höchstens. Nun denn. Das aktuelle Material aus dem "F.E.A.R."-Album ist live deswegen überzeugend, weil durch des Sängers h fast schon schauspielerische Performance erstmals die ganze Wut und Frustration spürbar wird, die das Album ja eigentlich durchzieht (ein kleiner Fish ist er ja schon irgendwie, der h). Also, textlich durchzieht, wenn auch nicht unbedingt klanglich. "Thank you for your patience", entschuldigt sich h beinahe auch, als dieser erste Konzertteil zu Ende geht. Mit "Beyond You" aus dem Album "Afraid Of Sunlight" eröffnen die Marillions den zweiten Teil ihrer Show - ohne eine 20-Minuten-Pause davor, von der man sich vorher ebenfalls gefragt hatte, ob es sie vielleicht geben könnte (weil halt Musicaltheater). Es folgen: "Easter", von den Fans mit am meisten beklatscht, "Sounds That Can't Be Made" (live echt ein Knaller mit seinem druckvoll treibendem Beat), "Man Of A Thousand Faces" und "King", in einer Anmoderationsschleife dem kürzlich durch Suizid gestorbenen Linkin-Park-Sänger Chester Bennington gewidmet. Apropos Moderationen: Sänger h zeigte sich dem Publikum gegenüber durchaus verständnisvoll über die auch für die Band ungewohnte Situation.

Aufstehen? Stehenbleiben? Oh Fuck, muss das sein...?


Und das ist der Faktor Musicaltheater. Zwar lassen sich die Zuhörer gelegentlich dazu hinreißen, sich am Ende eines Songs aus den Sitzen zu erheben - jedenfalls im zweiten Konzertteil -, aber alsbald setzen sich alle wieder hin. Stehenbleiben, wie in Rockkonzerten auch in Sitztheatern durchaus mal üblich, gibt es hier also gar nicht. Er wisse, wie das sei, er sei ja auch mal als Gast im Theater gewesen, sagt Sänger h augenzwinkernd. "Oh Fuck, muss das sein, aufstehen, wirklich...??" - Vorher hatte er schon zum Publikum gesagt: "Ach, setzt Euch, setzt Euch...." . Machen sie auch, klar. Als Zugabe gibt es dann noch das komplette zwölfminütige "Neverland" aus dem "Marbles"-Album - immer wieder genial. Dann ist Ende. Und zwar so wirklich, wie sich alsbald zeigt. 


Der Saal leert sich, das Konzert ist aus, Fuck Everyone And Run... denken sich das etwa die Schließerinnen...?

Alle raus - "Auch unsere holländischen Freunde..."


Denn schon rasch nach Konzertende werden die wenigen im Saal bleibenden und irgendwie doch noch auf eine Autogrammsession Hoffenden von den Schließerinnen aus dem Saal komplementiert. "Wenn dann auch unsere holländischen Freunde hier zum Abschluss kommen könnten", heißt es in rigoroser Bremer Freundlichkeitsverweigerung. Ich sage aber nichts dazu, ich kann ja kein Holländisch. Beim Rausgehen frage ich mich: Und, war ich heute im falschen Film? Nö. Eigentlich nur am Anfang.... Abschlussbemerkung: Wie ich erst nach dem Konzert lesen konnte, wird das Bremer Musicaltheater am Ende des Jahres geschlossen werden. Vermutlich sogar abgerissen. Kritisiert hat das unter anderem ein Jan Trautmann von "Bremer Concerts And Events" - und in dem entdeckt man dann den Einheizer vom Anfang wieder. Der wird wohl eine für ihn wesentliche Veranstaltungsstätte verlieren. Auch wenn Michael Bolton nicht sein muss - Marillion waren nun eben auch dort. Da tut der einem dann schon wieder leid. 

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Weitere Besprechungen des Konzerts vom 22. 7. im Bremer Musicaltheater: 

1.) Vom örtlichen Weser Kurier, kenntnisreich geschrieben
2.) Von der Kreiszeitung aus Syke mit umfangreicher Bildergalerie


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