Mittwoch, 6. Dezember 2017

So war die "Zirkusprinzessin" im Theater Osnabrück - eine Kritik und Rezension rein aus Abonnentensicht - kein Czárdásfeuer, kein Ungarnkolorit, aber auch kein total vergeudeter Abend

Susann Vent-Wunderlich als Fürstin Palinska. Reich und verwitwet. Na klar.  (Jörg-Landsberg-/Theater-Osnabrück-Pressefoto). 

Osnabrück - Immerhin. Das muss man dieser „Zirkusprinzessin“ zugestehen: Waren die jüngsten Operetteninszenierungen am Theater Osnabrück eher Enttäuschungen – allen voran die „Lustige Witwe“ und die "My Fair Lady", die wir jetzt einfach mal in den Operettensektor dazustecken –, so fällt diese neue Produktion in der Spielzeit 2017/2018 schon nicht mehr unter die Rubrik Totalausfall. Sie ist sogar recht unterhaltsam und lässt einen recht beschwingt in die Nacht hinausgehen. Dass der Abend dennoch nicht zu 100 Prozent überzeugen kann, hat indes seine Gründe....

Upps. Gleich nach der Pause mit einem solchen Wiedereinstiegsbild zu arbeiten, ist nicht ungefährlich. Kaum hat sich der Vorhang ohne jegliche musikalische Untermalung aufgezogen, blicken wir auf eine sich bis ins Extreme langweilende Menschenmenge, die gähnend und gleichgültig hereinblickend ihr komplettes Desinteresse an so ziemlich allem zur Schau stellt. Gelangweilt bis ins Mark. Tja. Kann man machen. Sollte man aber vielleicht nicht. Jedenfalls nicht nach diesem vorangegangenen ersten Akt, der für sich betrachtet ebenfalls immer gefährlich nah am Rand des Langweile-Abgrunds entlangtorkelt. Es braucht tatsächlich eine ganze Weile – rund eineinhalb Akte nämlich –, bis dieses Operettenvehikel erstmals so richtig in Schwung kommt. Dann aber fluppt es.

Die Musik eher blutleer - auch ein Kálmán macht Fließband


Dass dem so ist, liegt nicht allein am Kreativteam dieser Neuinszenerieung im Theater Osnabrück oder am Ensemble. Es ist auch die überraschend blutleere Musik, die ihr Übriges dazu beiträgt. Betrachtet man den kreativen Ertrag, den Komponist Emmerich Kálmán zwischen 1924 und 1932 hervorgebracht hat, muss man schon von Fließbandarbeit sprechen. Beinahe eine Operette pro Jahr – da ist es kein Wunder, dass nicht alle dieser Werke mit der feuerwerksfunkelnden Brillanz einer Czárdásfürstin oder dem leidenschaftlichen Ungarn-Kolorit einer Mariza ausgestattet sind. Oder dem Jazz-meets-Walzer-Feuer der späten „Herzogin von Chigao“ (vielleicht meine Kálmán-Lieblingsoperette neben den genannten.. „Das waren noch Zeiten....“ hachja....)


Es muss sich erst zurechtruckeln... vieles, hier


Im Falle der „Zirkusprinzessin“ ist das besonders schade. Denn gerade dieses so viele Temperamente und Nationen vereinende Zirkus-Sujet hätte den in dieser Hinsicht sonst so talentierten Komponisten ja zu unterschiedlichen Klangfarben verleiten können – aber was Kálmán stattdessen abliefert, ist ein Abklatsch altbewährter Manierismen, der allenfalls als routiniert zu bezeichnen ist. Dass es dem Dirigenten Daniel Inbal in der Osnabrücker Version der Prinzessin zumindest im ersten Teil nicht immer gelingt, im vorhandenen Musikmaterial einen Funken zu entzünden, macht die Sache nicht besser. Da glüht nix, da champagnersprudelt nix, da funkelfeuerwerkt nix. Auch Orchester und Dirigat brauchen eine Weile – rund eineinhalb Akte, nämlich –, um sich so richtig miteinander warmzumachen, dann flutscht es. Und zumindest der dramatische Aktschluss am Ende des zweiten Teils gelingt Inbal und dem Orchester temperamentvoll und packend.


Hübsche Bildidee: Der Papierflieger zieht sich von Anfang an durch die Inszenierung.   (Jörg-Landsberg-/Theater-Osnabrück-Pressefoto).


Regisseurin Sonja Trebes kann sich zwar das eine oder andere Mätzchen nicht verkneifen – etwas enervierend ist der „Running Gag“ oder besser „Shooting Gag“, dass der zum Bösewicht getrimmte Intrigant Sergius Wladimir ständig irgendwelche Leute erschießt, die dann in Slapstickmanier von einem an die beiden Tim-und-Struppi-Detektive angelehnten Deppenduo abgeschleppt werden müssen –, aber immerhin liegt der Fokus doch mehr auf dem Unterhaltungsfaktor als auf Belehrung. Dass die dem Intriganten überhallhin folgende Truppe gekleidet und bewaffnet herumläuft wie eine Einheit russischer Paramilitärs, nun ja, hätte nicht sein müssen, bleibt aber der einzig überplakative Wir-könnten-hier-auch-Botschaften-und-Regietheater-machen-Zeigefinger. Im dritten Akt hat das Kreativteam wohl stark im Textbuch herumgestrichen und dazugeschrieben, aber auch das ordnet sich fein unter und fällt nicht unangenehm auf. Und das Bühnenbild ist die Wucht: Das Schneegestöber, das vor diesem boulevardesken Café niedergeht, die wandlungsfähigen Szenen, die angenehm klassischen Operettenbilder, die hier erzeugt werden, das hat Bühnenbildnerin Nanette Zimmermann herrlich gelöst. Die entsprechend plüschig-circensische Kostümierung durch Linda Schnabel ist stimmig und ebenfalls endlich mal, wenn ich das Wörtchen noch einmal bemühen darf, "operettig" genug (man vergleiche die Lustige Witwe mit einem Ensemble im abgerockten Straßenpenner-Outfit, oh Mann...).

Und worum geht es genau? Und warum sagst Du das nie?


Gibt es denn auch eine Handlung? Ja, gibt es. Tut aber kaum etwas zur Sache. Dass ich in meinem Blogbeiträgen so ungern eine Handlungserzählung unterbringe, hat seine Gründe. Im vorliegenden Fall: wir haben es mit einem völlig klassischen Operettenaufbau zu tun, es gibt wie immer das dramatische Liebespaar, das sich gegen alle Widrigkeiten finden muss, samt dazugehörigem Antagonisten, der ihnen das Leben schwer macht. Daneben gibt es das Buffopaar, das als komödiantischer Sidekick etwas zum Lachen bieten soll. Angesiedelt ist die Handlung diesmal im Zirkus, der Rest ist das übliche Operettenportfolio: Reiche Prinzen, viel Blaublüter, eine steinreiche aber bildhübsche Witwe (auch hier), ein Land kurz vor dem Untergang... Alles drin...

Geht zu Herzen: Das traurige Solo des Zirkusdirektors


Das Ensemble macht seine Sache insgesamt ordentlich. Mark Hamman ist natürlich mal wieder gesetzt als Buffoliebhaber - er entleiht für einen seiner Auftritte übrigens eine Passage aus der Gräfin Mariza ("Komm mit nach Varasdin", hier nur kurz gesummt, trotzdem immer hübsch). Zwar kann Hamman seine herrlichen Komödienqualitäten nicht ganz ausspielen, aber das liegt mehr an dem ihm zugestandenen Material und weniger an ihm. Ob gleiches für Gabriella Guilfoil als seinen weiblichen Counterpart gilt, lässt sich schwer sagen, die junge Dame erleben wir hier zum ersten Mal in einer tragenden Rolle. Das macht sie aber gut. Auch Genadijus Bergorulko hat als Zirkusdirektor – im dritten Akt mehr der traurige Clown – starke Augenblicke, vor allem sein Solo als Kammersänger im finalen Akt geht tatsächlich zu Herzen, da kann Bergorulko einmal seine Stärken zeigen (Randbemerkung: Sein Solo gehört wie auch das ebenfalls sehr berührende Solo der weiblichen Hauptrolle nicht zur Partitur, sondern ist woanders entliehen - die stärksten Stellen dieser Zirkusprinzessin stammen also nicht aus der Zirkusprinzessin).


Star des Abends: Ralph Ertel, der als Gast an seine alte Wirkstätte zurückkehrt, als der ominöse Mister X.   (Jörg-Landsberg-/Theater-Osnabrück-Pressefoto).   

Der unbestrittene Star aber ist Ralph Ertel, der von 2002 bis 2005 zum festinstallierten Sängerensemble im Osnabrücker Haus gehörte und jetzt als Gast den Mister X gibt (er gehört zum Ensemble des Opernhauses in Halle). Mit großer Stimme und passgenauem Schauspiel überzeugt Ertel das Publikum. Ebenso wie Susann Vent-Wunderlich als Fürstin Fedora Palinska, die mit starkem Operettentimbre und überraschend echt wirkender Verletzlichkeit zu erleben ist. Dass die Rolle des schießwütigen Prinzen Sergius Wladimir in der von mir besuchten Vorstellung leider nicht vom stimmlich starken Jan Friedrich Eggers gespielt wurde, sondern vom alternativ besetzten Wolfgang Mirlach, habe ich als schade erlebt... Eggers hat halt so seinen ganz eigenen Charme, der dieser Inszenierung sicher gut tut. Und er würde aus der (ziemlich idiotischen) Schießwütigkeit vielleicht noch mehr ironisches Augenzwinkern herausspielen können, was dieser Regie-Idee ganz gut täte...


Das macht Laune: Knarze-Bussler gibt die nötige Würze dazu


Übrigens gibt es noch ein erfreuliches Wiedersehen: Schauspiel-Urgestein Johannes Bussler als rasselnd-ungalanter Oberkellner und sein knarziger Originalton beleben diese ganze Produktion, einfach unnachahmbar, das bringt die für die Silvesteraufführungen gut benötigte Boulevardwürze mit rein. Im dritten Akt darf Bussler beinahe froschmäßig ganz auftrumpfen und sich ausspielen, was er mit Herzenslust tut. Eine Herzenslust ebenfalls ist es, das zu erleben. Als sein Counterpart – Wirtin Carla Schlumberger – war in der erlebten Vorstellung nicht die erkrankte Eva Gilhofer zu erleben, sondern eine rasch eingesprungene Ersatzarstellerin, dass es hier noch wackelte und manches abgelesen werden musste, war dem sehr raschen Wechsel geschuldet.


Hat als trauriger Zirkusdirektor im dritten Akt einen bewegenden Auftritt: Genadijus Bergorulko.   (Jörg-Landsberg-/Theater-Osanbrück-Pressefoto) 

Überhaupt, dieser dritte Akt: Trotz des bombenwummernden Kriegshintergrunds, in den Regisseurin Sonja Trebes es verlegt hat, gelingt gerade dieses Finale – übrigens mit überraschend wenig Musik bestückt – besonders unterhaltsam und berührend. Soweit, so gut. Aber woran liegt es nun, dass diese Osnabrücker Zirkusprinzessin so lange braucht, um ihr Feuer entfachen zu können? Vielleicht daran, dass Rachele Pedrocchi zwar ein paar eindrucksvolle und doch von einem nicht profitanzausgebildeten Ensemble gut zu wuppende Choreografien ausgearbeitet hat, dass diese aber im Wesentlichen den Damen aus dem Chor überlassen werden, die sich zwar gut schlagen, aber eben erkennbar artenfremd bleiben. Vielleicht an der bereits erwähnten Schwäche der Musik. Vielleicht waren auch alle etwas arg müde in der besuchten Vorstellung - es war die theatertechnisch immer schwierige "zweite Vorstellung" (da regt sich viel Aberglaube!).


Heimlicher Star des Abends: James, der Hund!


Und doch, einen Lichtblick im ersten Akt gibt es durchaus: Wenn der portugiesische Hirtenschutzhund James – fast mehr ein Kalb als ein Hund – als bockiger Durch-die-Ringe-spring-Verweigerer auftritt, hat sind dem nur 2,5 Jahre alten Tier die Herzen des Publikums sicher. Also meins jedenfalls. Was für ein schöner Hund! Ehrlich! Und dass der aus dem ersten Rang vom dort plötzlich auftauchenden Mister X heruntergeworfene Papierflieger direkt auf meinem Schoß gelandet ist - hübsche Bildidee, übrigens, das mit den vielen Papierfliegern als wiederkehrendes Element -, hatte natürlich auch so seinen Reiz. 


Endlich auf einem guten Weg - da geht noch mehr


Zusammengefasst: Kein Totalabsturz, insgesamt ganz unterhaltsam, sicherlich kein Muss, aber auch kein völlig verschenkter Abend. Das Theater Osnabrück ist also operettentechnisch endlich auf einem guten Weg. Wenn jetzt die nächste Nummer noch schön plüschig wird und schön üppig bestückt, dann passt doch alles. Also, ich jedenfalls bin da ziemlich konservativ, was die Operette angeht. Und ich bin sicher nicht der Einzige...  (Besuchte Vorstellung: Donnerstag, 30. 11. 2017, im Abo).

Hinweis: Die Operette ist inzwischen ausgespielt und steht nicht mehr auf dem Spielplan.

Transparenzhinweis: Besuch der Aufführung durch selbstgekaufte Theaterkarten, keine Pressekarten, keine Einladung.

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Der Autor dieser Zeilen schreibt auf diesem Blog in seiner Eigenschaft als langjähriger Theaterabonnent und als leidenschaftlicher Freund und Anhänger der deutschen Theatervielfalt sowie des Osnabrücker Theaters. Die Beiträge über Inszenierungen des Osnabrücker Theaters auf diesem Blog verstehen sich als Ergänzungen des bereits - wertvollerweise - in fachkritischen Rezensionen Geschriebenen, hier mehr aus Abonnentensicht. Alle Aufführungen sind, wenn nicht anders gekennzeichnet, nicht auf Pressekarte oder auf Einladung des Theaters, sondern selbst bezahlt, besucht worden.

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