Dienstag, 23. Januar 2018

Das Idealbild einer Operetteninszenierung - Arte zeigt uns mit dem Züricher "Land des Lächelns", wie wohltuend es doch ist, dieser Kunstform den ihr oft verwehrten Ernst & viel Liebe entgegenzubringen

"Die gelbe Jacke" hieß die Operette vorher, bevor sie den viel lyrischeren Namen "Das Land des Lächelns" erhielt... Aber die gelbe Jacke ist auch in Zürich zu sehen.  (Toni-Suter-Fotos/Züricher-Opernhaus-Pressefotos).

Osnabrück/Zürich - Bitte seid mir nicht böse, liebe Theatermacher. Aber so, eben so, geht Operette, jedenfalls nach meinem Verständnis: Die Herren tragen Frack und schwarze Lackschuhe und weiße Handschuhe. Die hin- und herfahrbare Showtreppe trägt beleuchtbare Stufen. Der Chor kann auch ein bisschen tanzen. Viel an Bühnenbild braucht es indessen nicht. Und so etwas wie Modernisierung eben auch nicht. Was es indes braucht, sind richtig große Stimmen, einen der besten Sänger der Welt. Keine Scheu vor einem 20er-Jahre-Kolorit in Ausstattung und Optik. Keine verkrampfte Hilfe-Auweia-das-könnte-ja-"blauer-Bock"-Nähe-atmen-68er-Schnappatmungs-Regie wie in jeder zweiten - oder in jeder? - Stadttheater-Operette. Dann ist es... - echte Kunst! Die Operette, die unterschätzeste und fälschlicherweise gehassteste aller Theaterformen, als deren Freund ich mich in mehreren Besprechungen hier schon geoutet habe, im Züricher Opernhaus trägt sie derzeit neue Blüten. Zu erleben war das sogar online und kostenlos, leider nur bis zum 6. 2. 2018 über die Arte-Mediathek.... ob es ggf. eine DVD davon geben wird, ist derzeit unklar. Schade, denn das wäre meine herzliche Bitte: Schaut's Euch einfach an! 

Alleine schon, weil eine solche Kulturgroßtat wie Arte sie hier verbringt - das Bereitstellen eines ansonsten teuerst zu bezahlenden Kunsterlebnisses - eine an sich schon unterstützenswerte Sache ist. Aber auch, weil eine gleichermaßen so reife und als Großform durchdachte und doch so mit großen Ohrwürmern durchsetzte Partitur wie diese die Beschäftigung damit lohnt. Genial gesungen von ganz großen Stimmen (allen voran Piotr Beczala und Julia Kleiter in den Hauptrollen) wird ein echter Genuss draus - ach, denkt sich der stadttheatergeprägte Hörer dann, ja, SO kann, dürfte, muss das also klingen. Im Vergleich mit der sicherlich populäreren "Lustigen Witwe" wirkt das "Land des Lächelns" hier wie das größere Werk, an manchen Stellen beinahe durchkomponiert, immer zwischen Operette und etwas Größerem chargierend. 


Große Bühne, wenige Mittel - effektives Theaterhandwerk.  (Toni-Suter-Fotos/Züricher-Opernhaus-Pressefotos).

Zwei der hier beteiligten Künstler waren noch vor kurzem auf der großen Kinoleinwand zu erleben, als nämlich einige der Opernübertragungen aus der MET aus New York dort zu sehen waren: Dirigent Fabio Luisi ist in Zürich Generalmusikdirektor, Star-Tenor Piotr Beczala war in New York in Tschaikowskys Iolanta sowie in Eugen Onegin oder in Massenets Manon zu erleben - ist aber immer wieder auch in Europa unterwegs. Wohltuend sticht sein hervorragendstes Deutsch in der Sprech- und Gesangssprache hervor, mancher deutsch singende Deutsche ist da schlechter zu verstehen. Sein eindrucksvoller stimmlicher Gestaltungsspielraum kommt bei dieser Operette besonders zur Geltung. Langanhaltender Applaus nach "Dein ist mein ganzes Herz" - da wirkt die Schönheit der Musik ganz alleine für sich, so ist es recht. 


Konzentration auf das Wesentliche, kein Brimborium


Denn der Regisseur und Hausherr Andreas Homoki inszeniert "Das Land des Lächelns" als 20er-Jahre-Revue, wie aus einem Kabarettheater. Wenige Gestaltungsmittel reichen ihm dafür: Ein schwarzer und mit Glitzerfäden durchwebter Vorhang, zwei Clubsessel, ein beleuchtetes Bühnenrondell. Das Markanteste sind zwei sich über die Bühne schieben lassende und rund hochlaufende Treppenelemente, die an einen Turm angedockt werden können, aus dem dann überraschend viele Menschen heraustreten können (Bühne: Wolfgang Gussmann)Das Wichtigste aber ist: Homoki nimmt das Genre ernst, ironisiert nicht wildgeworden ins Unpassende drauflos, lässt seine Protagonisten ihre Gefühle ausspielen und zeigen, konzentriert sich auf das Wesentliche. Dazu einen kleinen Spritzer Choreografie, fesche Kostüme, fertig ist ein appetitlicher Mix, der Wert auf das legt, was wirklich zählt. Dass er den Theatervorhang immer wieder in laufender Szene zuziehen lässt, um dahinter einen raschen Bühnenbildwechsel aufstellen zu lassen, ist auf Dauer indes etwas enervierend. 

Die Vision eines Chinas, wie man es sich damals vorstellte


Da ertappt sich der Zuschauer schon mal bei dem Gedanken "Och nööö.... gibt es da denn gar keine Drehbühne oder sowas?". Andererseits trägt natürlich gerade diese Art des Theaterhandwerks den zugrundeliegenden Gedanken des Regiekonzeptes: Wie eine Berliner Kabarettrevue der 20er Jahre wirkt dieses relativ starre Aneinanderreihen von Bildern, die dabei immer mit nur wenigen Versatzstücken auskommen und doch, jedes für sich, ganz eindrucksvoll geraten, vor allem wenn der als chinesisches Volk verkleidete Frauenchor mit seinen Fächern und Seidengewändern auftritt. Da wird sofort klar: Das ist natürlich nicht als realistisches Abbild chinesischer Verhältnisse gemeint, das ist die Vision eines faszinierend fremden Chinas aus der europäischen Sicht der 20er Jahre, was wir hier sehen. Und - es funktioniert. Nicht nur das.

Rosen für die Damen, Romantik auf der Bühne - doch immer wieder rückt Franz Lehar sein "Land des Lächelns" auch in puccini-esque Opernnähe (Toni-Suter-Fotos/Züricher-Opernhaus-Pressefotos).

Zusammengestrichen, fast nur noch skizzenhaft, rauscht die Operette in einer kaum zwei Stunden dauernden Fassung über die Bühne. Das Meiste an Dialogen wurde entfernt, nur noch Restbestände sichern einen Überblick über die Handlung. Ansonsten geht es auch im Textbuch wie auf der Bühne zu. Motto: Weniger ist mehr, Fokus auf das Wesentliche. Was die Bühne indes an Detailfreude vermissen können ließe, macht Fabio Luisi mit dem Züricher Orchester doppelt wett: Lockerleicht und doch mit der nötigen Melancholie gibt er an den passenden Stellen genug Würze dazu, lässt leidenschaftliche Passagen fein aufglühen, hält sich aber im Balladesken dezent zurück. So gestaltet kann die Partitur ihre Schönheit voll entfalten. Dass Franz Lehár und Giacomo Puccini nicht nur eng befreundet waren, sondern sich gegenseitig immer wieder inspirierten, ist an keinem anderen Werk eindrucksvoller festzumachen als an diesem. Man spürt es. 

Juli Kleiter als Lisa kann neben Star-Tenor Piotr Beczala hervorragend bestehen, beides große, vielgestaltige Stimmen  (Toni-Suter-Fotos/Züricher-Opernhaus-Pressefotos).

Wie auch bei der genau zeitgleich in Entstehung befindlichen "Turandot" gibt es hier allerlei exotische, chinesische Laute imitierende Klangpassagen, auch der Film als das kommende Medium für musikalische Entwicklungen ist bereits ahnbar (siehe die rein illustrierende Musikpassage kurz vor Ende des zweiten Aktes). Die Tatsache, dass es kein Happy End gibt und die melancholischen Töne am Ende die Oberhand behalten, rückt diese Operette ebenfalls nah an den Opernsektor heran. Ansonsten natürlich ein klassischer Operettenaufbau: Drei Akte, am Ende des zweiten scheint alles unauflöslich, nur dass es diesmal eben keinen erlösenden Deus-Ex-Machina zum Finale gibt. Ach, aber diese Musik... "Eine Mondnacht im April", "Wer hat die Liebe uns ins Herz gesenkt....", die Chorpassagen... einfach herrlich. Was wir von dieser Züricher Operette lernen können - fürs Regiehandwerk? Fürs Stadttheater? Zurückhaltung, meine Damen und Herren. Und eine Prise Demut. Gegen die Schnappatmung. Kann nicht schaden. 

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