Donnerstag, 15. Februar 2018

Fünf Schweden haben es schwer im Emsland, aber sie packen sie dann doch - so war das Konzert von Mando Diao in der Emslandarena in Lingen am 14. 2. 2018

Rock'n'Roll im Schein der OP-Lampen. Mando Diao kamen zu einer OP am offenen Herzen nach Lingen in die Emslandarena.  (Conny-Achenbach-Handyfoto)

Lingen - Mando Diao ist eine Band, die erst vor kurzem zu neuer alter Größe zurückgefunden hat, nachdem sie sich eine Weile im kreativen Wahnsinn verloren hatte, schwedischsprachiges Folklore-Album inklusive. Gestartet als einer der Vorreiter der ersten großen Indierock-Welle rund um das Jahr 2000, nahmen die Schweden bereits Umwege über den Disco-Radio-Pop und landen jetzt bei einem Best-Of-Stil aus allen Welten, aber flott und, das ist das Wichtigste, voller farbiger Melodien. Und diese neuerliche Rückkehr zum Tanzbaren und Rockigen feierte das Quintett mit seinem neuen Gitarristen in Lingen beim Konzert in den Emslandhallen auch ausgiebig - bei einem Konzert, bei dem nicht immer ganz klar war, ob es am Ende alle überzeugen würde. 

Fast die Hälfte der rund 20 Songs stammen tatsächlich vom neuem (und sehr guten) Album, das zu 80 Prozent für das Konzert ausgeschlachtet wird. Aber es funktioniert auch live hervorragend, dieses neue Material, fügt sich optimal ein in die Setliste, die natürlich die alten Klassiker wie "The Band" oder eine furios ins Prestissimo gesteigerte "Gloria" nicht verweigern will oder kann. Als charismatische Dauerzugänge im Live-Repertoire der Band empfehlen sich heute vor allem das tanzbare "Dancing All The Way To Hell" und das gleichsam basstreibende wie rhytmisch verschleppte "One, Two Three...", beides Songs, die sich als echte Live-Zünder entpuppen. Wobei sie es diesmal nicht so leicht hatten, die fünf Schweden, hier im hohen Norden, wo auch alle Musikfans etwas unterkühlter unterwegs sind, den gleich nebenan im hiesigen Kernkraftwerk erzeugten atomaren Energiewellen zum Trotz. Die nicht ganz ausverkaufte und durch schwarze Vorhänge auf zwei Drittel verkleinerte Emslandarena wirkt anfangs ebenfalls nicht sonderlich stimmungsförderlich, der in den Kühlschränken des Caterers befindliche Korn (sowas gibt es wohl auch nur im Emsland) scheint unangerüht zu bleiben.


Sie werden uns nicht brechen, auch uns Fünf nicht


Dabei lässt es die Kapelle nicht an dramaturgischer Finesse vermissen. Wie sich einmal mitten im Konzert alle fünf Musiker beinahe mehrere Minuten lang wie ernsthaft dreinblickende Statuen an den Bühnenrand stellen und erkenntnisschwer auf die Vierte Wand blicken, wie Schauspieler inmitten einer modernen "Faust-2"-Inszenierung, das hat was, ein genialer Effekt. Das derart herausgeforderte Publikum lässt seinen Klatschstrom an dieser Stelle erstmals nicht abbebben. War das am Ende von "Break Us?", dem romantischen Valentinstags-Song aus dem neuen Album, hier mit der auf dem Album fehlenden Bandunterstützung ins Pathetische hineingesteigert? War es da? Das würde so gut passen: They won't break us. Sie werden auch uns nicht brechen, auch uns Fünf von Mando Diao nicht, auch nach Experimenten wie dem schwedischen Album oder dem merkwürdigen Synthie-Experiment "Ælita" nicht. Die runden und im Halbkreis aufgestellten Lampen, die hier die Bühne ausleuchten, sehen zudem aus wie aus dem Operationssaal, und tatsächlich ist das ja auch so eine Art OP am offenen Herzen, was wir hier sehen: Eine Band ringt um ihr Publikum, obwohl sie weiterhin vieles Neues ausprobiert. Dass sie am Ende doch gewinnen, liegt vor allem am neuen alten Frontmann Björn Dixgård, der seit dem Ausstieg von Gustav Norén den alleinigen charismatischen Bandleader geben darf. 


Wer die Konzerthalle betrat, ging an einem Schild vorbei, auf dem es hieß:Professionelle Fotoaufnahmen vom Konzert seien nicht gestattet. Also haben wir dem Folge geleistet.  (Conny-Achenbach-Foto)

Die physische Präsenz, mit der Dixgård hier die Bühne beherrscht, ist eindrucksvoll. Beschwörende Gesten, unhaltbare Energie (wie im AKW nebenan aufgetankt), dazu diese bemerkenswerte Stimme mit dem immer rauchigen Timbre, die sowohl infernalisch brüllen als auch betörend säuseln kann, sich dem zu entziehen, ist schwierig. Wie eine klassische Rock'n'Roll-Band tritt das Quintett hier auf, alle sind in Schwarz gekleidet und bleiben es die ganze Show über, enge Jeans, Lederjacken, eine Kapelle wie aus einer guten "Grease"-Inszenierung. Schlagzeuger Patrick Heikinpieti erinnert mit seinem energischen Animalismus gelegentlich an das Tier aus der Muppetshow, wenn er beipsielsweise, über seine Drumsets steigend, an den Bühnenrand gerannt kommt, um das Publikum zu animiseren. Bassist Carl-Johan Fogelclou ist die verlässliche Stütze für den musikalischen Unterbau und scheint auch sonst ausgleichende Qualitäten zu besitzen. Keyboarder Daniel Haglund zeigt mulitinstrumentale Fähigkeiten, er betätigt sich zuweilen als Percussionist. Und Neuzugang Jens Siverstedt als Gitarrist fügt sich so harmonisch ins Ensemble ein, als wäre er nie woanders gewesen. Gleich mehrmals betonen sie in ihrem Moderationen: Wir sind Mando Diao. Das klingt fast trotzig. Nach dem Motto: Und uns GIBT es noch. Ein Blick ins Publikum zeigt übrigens, dass die Frequenz an gemeinsam das Konzert besuchenden Paaren hier wesentlich höher ist als andernorts. 


Vielfalt statt Indie-Einerlei: Das muss man mögen


Die den hier schreibenden Blogger mit eingepackt habende Gattin vermutet ebenjenes Phänomen des Mitschleppens als Ursache dafür. Was dafür spricht: Tatsächlich erweisen sich fast ausschließlich die weiblichen Konzertgäste als textsicher beim alten Material. Als ganz zum Schluss dann das radiobekannte "Dance With Somebody" die ganze Masse im Auditorium final überzeugt und tatsächlich alle zum Mitsingen anregt, hat die Band auch in Lingen gewonnen. Hinter uns liegt eine Klangreise durch fast alle Stile, die die Band je ausgezeichnet haben: Krachlederner Indierock, noch spürbar im Punk verortet, funkige Discofarbigkeit, gut gelaunter Mitsing-Pop, psychedelische New-Wave-Anflüge... Was das Konzert also so faszinierend macht, ist ein Fakt, den man je nach Betrachtungsweise als Vor- oder auch als Nachteil auslegen kann: Das Gefühl zu haben, hier nicht eine Rockband, sondern gleich zwei oder drei verschiedene zu erleben, allesamt qualitativ herausragend, alle charismatisch, aber dennoch in irgendwie verschiedenen Fahrwassern unterwegs... Dem hier schreibenden Blogger hat nun gerade diese Vielfalt gefallen, die es aber, auch das muss gesagt sein dürfen, nicht immer allen leichtgemacht hat. Ein Lob übrigens gilt der Emslandarena: Hervorragende Akustik hier, angemessen laut, aber eben nicht zu ohrenbetäubend.

Transparenzhinweis: Besuch der Aufführung durch selbstgekaufte Konzertkarten, keine Pressekarten, keine Einladung.

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