Samstag, 31. März 2018

Die zehn besten TV-Serien aller Zeiten... eine ganz persönliche Favoritenliste - also: die besten, bis jetzt, soweit bekannt

Sie sind so etwas wie der moderne Ersatz für literarische Brocken - und dabei gleichermaßen Brocken von beinahe literarischer Qualität: Die DVD-Boxen von TV-Serien im Buchregal. Aus der Zeit vor der Streamingphase.  (Alle Fotos: Thomas-Achenbach-Fotos, wenn nicht anders gekennzeichnet)

Osnabrück - Das "Zeit"-Magazin hat damit angefangen. Ausgabe vom 8. März 2018, darin enthalten eine Liste der 50 besten TV-Serien aller Zeiten. Also ich persönlich liebe ja Listen. Also all diese vermeintliche Referenzen schaffenden popkulturellen Listen von offensichtlich immenser Bedeutung, ohne die die meisten Zeitschriften aus dem Bereich Rock/Popkultur oder TV- und Filmkultur nicht überleben könnten, jedenfalls nicht in den inhaltsarmen Winter- oder Sommerphasen (auch der von mir heißgeliebte Rolling Stone mischt da gerne mit). Die 20 besten Filme mit Monstern darin. Die 30 großartigsten Serienaugenblicke aller Zeiten. Die 50 besten Rock-und-Pop-Alben aller Zeiten. Die 50 besten Alben mit Gitarrenriffs, die echt rocken. Die 50 unbekanntesten Alben, die mehr Aufmerksamkeit verdient hätten. Die 50 weniger bekannten Alben, die im Schatten der anderen 50 stehen. Und so weiter. Wunderbar! Nur dass ich selbst noch keine Liste dieser Art angefertigt habe. Höchste Zeit, das zu ändern. Denn tatsächlich habe ich mir kürzlich mal Gedanken darüber gemacht, welche zehn TV-Serien wohl die besten sind, die ich kenne, also wirklich die allerbesten, ohne die es nicht gegangen wäre im Leben. Wenn schon Liste, dann auch mit hohem Anspruch, na klar. Also, hier meine Auswahl. Die besten, bis jetzt, soweit bekannt. Auf geht's: 

Platz Zehn: The Newsroom. Natürlich eine typische Aaron-Sorkin-Serie: Aufgedonnert mit Pathos und bevölkert von Figuren, die viele toller Einzeiler sprechen, erleben wir die Arbeit einer TV-Nachrichrenredaktion. Oder besser gesagt: Das Idealbild einer solchen. Der Gattin daheim war's insgesamt zu bedeutungsbeladen, aber so war The West Wing ja auch irgendwie (kommen wir später noch zu). Ich persönlich liebe Aaron Sorkins Schreibe und seine Fähigkeit, Komödie und Ernstes so geschickt auszubalancieren, und habe mich gefreut, dass diese Talente hier auch so zur Geltung kamen. Natürlich wird auch hier viel geredet. Eigentlich ausschließlich. Natürlich geizen die Showrunner auch hier nicht mit dem üblichen Wer-mit-wem-Liebes-und-Beziehungsgedöns, aber das wahre Thema der Serie findet auf der Meta-Ebene statt: Die zahlreichen Dialoge, in denen nichts anderes verhandelt wird als die Frage, was Fernsehnachrichten bzw. Nachrichten überhaupt eigentlich sind und was sie sein sollten, sind das Rückgrat der Serie. Jeff Daniels als der sich nicht zum blinden Amerika-Liebhaber stilisieren wollende, hochintelligente und grundsätzlich zynisch auftretende Anchorman Will Mc Avoy ist schlichtweg großartig - und alleine seine Anfangsrede gleich in Folge Eins ist das Anschauen wert. "What makes america the greatest country in the world?"... lautet die Frage des Moderators in einer Talkshow. Und Mc Avoy ziert sich, will ausweichen, macht Scherzchen, weiß genau, wohin ihn das führen wird... Bis es dann doch aus ihm herausplatzt: "It's NOT the greatest country in the world, professor, that's my answer..." - Schock und Schweigen und Betretenheit im Publikum. Und was dann folgt, ist ein Aaron-Sorkin-Monolog per excellence. Warum Amerika nicht mehr großartig ist, warum andere Länder wenigstens ebensoviel Freiheit haben. Fünf Jahre vor Donald Trump. Dafür lieben wir ihn, seine Figuren und diese Serie. Großartig. Anders als die meisten Zuschauer hätte ich mir von dieser Serie gerne mehr gewünscht. Und zwar am liebsten mehr von all der Besserwisserbeckmesserei über tatsächliche, also nicht fiktive, Nachrichtenereignisse, wie sie in Staffel Eins ausprobiert wurde. Das war mal eine andere Herangehensweise. Dass das ganze Projekt in einer offensichtlich zu ausufernden Staffel Drei abrupt zu Ende geschrieben werden musste, ist dem Finale anzumerken, aber das trübt das Gesamtergebnis nur gering. 



Platz Neun: Dark, Staffel Eins. Weltweit gefeiert als DAS Mystery-Phänomen aus Deutschland, als unser erstes bzw. neues auch international einsetzbares Vermarktungsprodukt, ist es vor allem die düstere und immer irgendwie bedrohliche Atmosphäre, die in dieser Serie besticht. Der Vorspann setzt den Ton, merkwürdig verzerrte Bilder von einem irgendwie unheimlichen Wald und den rauchigen Schloten des Kernkraftwerks erzeugen die erste Sogwirkung, die bis zum Ende der ersten Staffel dann auch nicht abreißt. Irgendwie verzerrt sind auch die gezeigten Familienkonstellationen, die hier alle unter den merkwürdigen Phänomenen zu leiden haben. Deren Rätsel sich im Verlauf der Folgen zwar stückchenweise klärt, wenn auch nicht ganz. Nicht alles ist am Ende schlüssig, manches bleibt im Rätselhaften, aber das macht diese Serie eben auch aus. Sie muss gar nicht alles erläutern, sie trägt sich über eher über das Ungeklärte, Atmosphärische, Nebelhafte. Ich mochte das, mochte den Grundton dieser Erzählung. Derweil ich diese Zeilen schreibe, ist eine Fortsetzung der Serie bereits beschlossene Sache - dass die Autoren und Macher bei ihrem gefundenen Ton bleiben, dass sie weiterhin durch Atmosphäre überzeugen und nicht allzu heftig an der Actionschraube drehen oder ins Sci-Fi-Genre hineingeraten, wäre wünschenswert. Denn das bemerkenswerte Ende der ersten Staffel ließe nun auch allerlei Drehungen und Wendungen zu, die dem Dark-Ereignis insgesamt nicht guttun würden. Also Vorsicht (Gesehen als Stream via Netflix). 


Platz Acht: Im Angesicht des Verbrechens. Wenn Deutschlands Meisterregisseur Dominik Graf solcherlei Stoffe dreht, spricht er gerne vom "Polizeifilm". Dieser hier erstreckt sich über acht Stunden, 10 Folgen, rund 500 Minuten. Ein Brocken von Dostojewski-Format - und mit der gleichen Ernsthaftigkeit und Detailgenauigkeit. Dabei niemals langweilig, immer in hohem Tempo erzählt, sich nur selten Zeit nehmend für Ausschweifendes, dann aber richtig. Von seinem Haus- und Hof-Autor Rolf Basedow sorgfältig ausrecherchiert, ist die Miniserie ein klassischer sich stetig weiterentwickelnder Mehrteiler, der ein bestimmtes Millieu - die Banden- und Familienstrukturen der Russenmafia in Berlin - detailgenau ausleuchtet. Die in jeder Hinsicht herausragende Serie folgt dabei in vielen Details schon amerikanischen Vorbildern, beispielsweise in der Ambivalenz der Charaktere, denn auch wenn das Guter-Böser-Konflikt-Schema noch irgendwie erkennbar den Grundstock bildet, sind hier doch alle irgendwie Getriebene und zwischen den Stühlen stehende. Stattdessen spielt sie mit den Sympathien des Zuschauers, verteilt sie neu, schichtet um, bleibt auch deswegen immer spannend. Der Mehrteiler kam 2010 heraus und damit im Grunde acht Jahre zu früh. Der komplette behäbige deutsche Fernsehapparat war dafür noch nicht reif, ist ja heute kaum (also, nicht das Gerät meinend, sondern die Institutionen). Heute wäre das ein klassisches Netflix-Erfolgsrezept und genau dort gut aufgehoben: Einen Regisseuren sein Ding machen lassen, so, wie er es für richtig hält, und über das Streamingmodell erfolgreich das richtige Zielpublikum erreichen. Damals, bei Arte und der ARD, wurden die zehn Folgen jeweils als Zweiteilerpaket im Spätabendprogramm kaputtgesendet, was einem solchen Qualitätsprodukt einfach nicht gerecht wird. Lieber mal im Unerreichbaren wegversenden, weil vermutlich fürs deutsche Dschungelcampguckerpublikum zu intelligent. Falsch. Ich gucke normalerweise keinen Tatort, keinen Polizeiruf, keine deutsche Krimiware (es sei denn, sie stammt von Dominik Graf), daher ist es ganz sicher zu gewagt, wenn ich dennoch die folgende These postuliere: "Im Angesicht des Verbrechens" ist schlichtweg die beste deutsche Krimiserie, die es jemals gab.


Platz Sieben: The Wire. Da müssen wir ja schon wieder Dostojewski bemühen. Es ist vieles über diese Serie gesagt worden, was richtig ist. Dass sie eine Millieustudie über die verschiedenensten amerikanischen Gesellschaftskulturen ist. Dass sie mit chirurgischer Präzision die psychologischen Mechanismen aufzeigt, die zu falsch verstandenem Mannschaftsgeist, Korpsgeist und schließlich zur Korruption und Vertuschung führen. Dass sie auf bemerkenswert eindringliche und nachvollziehbare Weise davon erzählt, wie ein kriminelles System für die Menschen, die sonst keine Chancen haben, zum gesellschaftlichen Normersatz wird. Dass sie dabei ihre Figuren nicht bewertet, dass sie trotzdem immer ungemein unterhaltsam bleibt, obwohl sie weder die eine zentrale Hauptfigur noch sonst irgendeinen Charakter vorweisen kann, der nicht irgendwie auf seine Weise irgendwie einen Schaden hätte. Im Grunde eine TV-Serie über ein von Farbigen bevölkertes Wohnviertel im Würgegriff der Drogengangs sowie über die sie kontrollieren sollenden und gleichermaßen tief verweifelten Systeme, von den Polizisten bis hin zu Stadtverwaltung und Presse, wird "The Wire" schnell zu mehr und Tiefergehendem, beispielsweise zum Abgesang über eine verlorene Stadt (Baltimore), die einstmals eine gewisse Größe hatte und nun unaufhaltbar auf dem Abweg ist. Wie ja wohl mehrere amerikanische Städte, man vergleiche z.B. Detroit. Oder gleich zum Abgesang der amerikanischen Gesellschaft an sich. Obwohl durchweg fiktiv, wirkt die Serie beinahe dokumentarisch. Dass sich Erfinder und Showrunner David Simons als Journalist tief ins amerikanische Polizeiwesen hineinrecherchiert hatte, dass er begleitend und dokumentierend bei Einsätzen und Lagebesprechungen dabei gewesen ist, macht alleine schon den authentischen Reiz des Ganzen aus. Aber auch seine detailgenauen Schilderungen des Gewerkschaftmillieus, des Schulwesens und der Pressebranche haben ihren Charme. Als wir einem Barkeeper in New York davon erzählten, dass dies gerade unsere Lieblingsserie sei, war er schockiert: "Was sagt Euch diese Serie über unsere farbige Bevölkerung?". Aber sie erzählt eben soviel mehr als nur das. Unerreicht ist die Szene, in der der immer nur Anzüge tragende Polizist The Bunk (großartig: Wendell Pierce) und sein versoffener irischer Kollege James Mc Nulty (Dominic West) einen Tatort besichtigen und ihre einzigen Dialogzeilen in der 4.45 Minuten dauernden Sequenz aus einem stetigen "Fuck!" in allen nur möglichen Variationen besteht. Meine ganz persönliche Lieblingsszene ist indes die mit dem ruppigen und die Texte der Reporterkollegen lautstark kommentierenden Journalisten in Staffel Fünf. "You can't evacuate building", sagt er, "only people". Wie recht er doch hat. 


(Netflix-TV-/Netflix-Media-Center-Foto)

Platz Sechs: The Crown. Eine Serie über die britische Königin, Mann, wie lahm. Blaublüter und Intrigen und ganz viel königliches Gedöns. So dachte ich zuerst. Bis mich meine Frau mit einem einzigen Satz vom Gegenteil überzeugte: "Du wirst die Serie mögen, da geht es vor allem um Politik und Zeitgeschichte." Ah so? Oh ja! Und wie! Obwohl die Serie ein Folge für Folge opulent in Kino-Optik schwelgender Sehgenuss ist, funktioniert sie vor allem als Kammerspiel. So verhandelt sie in zahlreichen kunstvoll gedrechselten Wortwechseln all die Fragen, die die Serie auf ihrer Metabene diskutiert: Was ist „die Krone“ eigentlich genau, was ist ihre Funktion, ihre Aufgabe, braucht es so etwas überhaupt in einer funktionierenden Gesellschaft und wen ja, für wen? So lebt "The Crown" von einem im Grunde rein theatralen Kern, beinahe wie eine Bühnenaufführung, wo in kunstvollen Kulissen doch vor allem das gesprochene Wort und der Dialog (oder auch mal Monolog) das Maßgebliche sind.  Parallel ist "The Crown" eine Ausstattungsorgie per excellence. Und doch bleibt die Serie immer in der Realität verwurzelt – wir werden Zeuge einer Geschichte, die gelebte Geschichte ist. Beispielsweise bei der Krönung: Die hier neu nachgespielten Fernsehbilder aus der Netflixserie entsprechen in eins zu eins, in der Körpermotorik und der Umgebung, den noch verfügbaren Original-Filmaufnahmen, wie sie seinerzeit - erstmals - im Fernsehen übertragen wurden. Auch der Londoner Supersmog von 1952, der Tausenden von Menschen das Leben nahm, spielt eine Rolle. Oder das gemalte Portrait von Winston Churchill, das dieser so abgrundtief gehasst hat, dass es nicht mehr existiert - belegt, verbrieft, wie so viele andere historische Tatsachen und Details aus der Serie. Und, wie es die Washington Post so schön geschrieben hat, immer und immer wieder zwingt uns die Serie dazu, auf den Pausenknopf zu drücken. Nicht, um es in meiner eigenen freien Übersetzung wiederzugeben, um etwas Popcorn zu holen, sondern um das Internet zu durchhetzen um all diese Heilige-Scheiße-ist-das-wirklich-so-passiert-Fragen beantwortet zu bekommen ("to rifle  through the Internet to answer holy-smokes-did-that-really-happen questions" - thank you so much, washington guys, for that). "The Crown" ist auf unterhaltsame Weise sehr, sehr lehrreich und immer faszinierend (Gesehen als Stream via Netflix). 



Platz Fünf: Westworld, Staffel Eins. Ja, natürlich, der ganz große Plot-Twist mit den verschiedenen Zeitebenen war einem relativ schnell klar, auch wenn sich die Serie noch die allergrößte Mühe gab, ihr Geheimis lange für sich zu behalten. Und doch gab es genug andere Twists, die mich ziemlich überrascht haben. Und: Ja, natürlich, diese verzweifelte Suche nach dem magischen Labyrinth und der Frage, was es damit wohl auf sich hat, war dann auch ein bisschen zu aufgedonnert und überstrapaziert. Aber macht alles nichts. Kaum eine TV-Serie der jüngsten Vergangenheit hat mich so dermaßen süchtig gemacht und in mir wieder das Verlangen geweckt, das Elterndasein eben das Elterndasein sein zu lassen und das ganze verdammte Ding in einem Rutsch durchzugucken. Auch hierbei war ich anfangs ziemlich skeptisch: Eine TV-Serie, die zu 50 Prozent wie ein Western daherkommt, weil sie in einem Wildwest-Freizeitpark spielt, der von Roboterfiguren bevölkert ist? Aber dann: Diese unfassbar coole Optik, der überall spürbare düster-bedrohliche Unterton, vor allem in den Szenen der den Freizeitpark betreibenden Kontrolleinheiten, die großen Kinobilder, die philosophisch auf der Metabene gestellten Fragen darüber, was ein Bewusstsein ausmacht und was nicht, die Überraschungen, das Suchtpotenzial. Auch bei Westworld gilt indes: Bitte die Gewaltschraube nicht mehr allzu hoch drehen und dadurch das Atmosphärische zerstören. Das Potenzial dazu wäre da - und wenn Staffel Zwei tatsächlich in der bereits einmal angedeuteten Samuraiwelt spielen sollte, habe ich die Befürchtungen, dass die Serienmacher es doch arg übertreiben könnten mit ihrem Blutzoll. Was schade wäre, denn natürlich ist die Frage der barbarischen Grundnatur des Menschen eines der hier diskutierten Themen, andererseits ist Westworld hierbei schon recht weit gegangen. Der mysteriöse Man in Black als Destillat des menschlich Abgründigen, zu dem er anfangs nie hatte werden wollen. Botschaft angekommen (Gesehen als gekauftes Streamprogramm via I-Tunes). 



Platz Vier: Mad Men. Ich will ganz ehrlich sein: Das Umwerfendste an Mad Men ist der immense Verbrauch an Whiskey, Zigaretten und frischen weißen Hemden, alles im Büro, alles während der Arbeitszeit, alles ab spätestens elf Uhr vormittags. Dass es tatsächlich einmal solche Arbeitsumgebungen gegeben hat, in denen ständig gesoffen, geraucht und in der Mittagspause auch gerne mal in ein Hotel gegangen wurde, dass das sogar relativ normal war und zum guten Ton einfach dazugehörte - nicht nur das macht Mad Men über sieben Staffeln plausibel, nachvollziehbar und glaubwürdig, sondern auch die ganzen Absonderlichkeiten und Selbstherrlichkeiten der Werbebranche. Dabei ist die Serie auch ein Portrait über eine immer abstruser werdende Zeit unserer Weltgeschichte, über die Jahre nämlich, in denen die alten vermeintlichen Ordnungen und Sicherheiten erst langsam und dann immer merklicher wegbröckelten und in der das - vermutlich dringend benötigte - Chaos Einzug hält in die Welt. So gesehen sind die sieben Staffeln dieser von 1961 bis 1968 spielenden Serie auch eine Geschichte über das Ende der Welt. Ausstattungstechnisch stimmt hier alles, von der Büroeinrichtung bis hin zur Zigarettenpackung. Und eine Serie zu wagen, in der es keinen wirklichen Helden gibt, sondern nur Charaktere, deren Spektrum von ambivalent bis zu moralisch verwerflich zu beschreiben sind, war 2010 eben auch noch relaiv neu und mutig. Was diese Serie außerdem so faszinierend macht: Dass sie all die Fassadenwelten all dieser Büromenschen in solch abgründige Tiefen hineinführen kann. Typisch Werbewelt? Oder typisch Arbeitswelt? Gestern wie heute? Letztlich: Viel Tammtamm und fette Slogans. Aber dahinter kaum Substanz. Wie es die Showrunner hinbekommen, dass wir diesem bizarren Zirkus ganze sieben Staffeln lang begeistert folgen wollen, sagt viel über die Qualität dieses Projekts. Das sicherlich Ungewöhnlichste und Bemerkenswerteste, was es in Serienformat je gegeben hat. Nach meiner Kenntnis. Abgesehen vielleicht von Twin Peaks, aber das ist ein lynchiger Mystery-Traumwelten-Mischmasch, der nicht ganz von dieser Welt ist. Wohingegen die Mad Men ganz tief in unserer Welt verwurzelt sind, so, wie sie einmal war. Faszinierendes Zeit- und Sittenportrait.



Platz Drei: Treme. Der Ortsteil Treme in New Orleans bildet die Kulisse für diese Serie, wobei, eigentlich ganz New Orleans hier als omnipräsente Hauptdarstellerin fungiert. Eine Serie, die in Deutschland noch nie ausgestrahlt wurde, obwohl sie vom auch hierzulande gefeierten "The Wire"-Macher David Simons kreiert wurde. Eine Serie über eine Stadt im Chaos, die George Bush nach dem Wirbelsturm Katrina am liebsten ganz aufgegeben hätte. Eine Serie über Musik und über das, was sie mit einer Stadt macht. Eine Serie voller illustrer und bekannter Musiker als Gaststars. Vor allem aber eine ganz ruhig erzählte und ganz fundiert recherchierte Serie über eine Reihe von Menschen, die, wie ihre Stadt, irgendwie etwas aufzubauen oder in ihrem Leben zu retten versuchen. Mögen die Kritiker diese nur dreieinhalb Staffeln dauernde Miniserie auch als allzu touristische New-Orleans-Werbung abwerten, geht David Simons darin doch vor allem mit dem dortigen Polizeiapparat hart ins Gericht: Wie er hier die Verflechtung aus Mannschaftsgeist, Verschwiegenheit und Korruption wiederum - wie in The Wire - mit chirurgischer Feinstarbeit zerlegt, offenbart er ein System, das man sonst eher einem Drittweltland zugetraut hätte als der freien Welt. So gehört zu einer die Serie überspannenden Rahmenhandlung die Aktivität einer unerbittlichen Rechtsanwältin, die die Polizeigewalt-Greueltagen aufdecken möchte, die es während des Wirbelsturms und während der Chaostage danach gegeben hat. Als großes Vorbild aus der Realität dient dabei die "Danziger Bridge", die seit einer Verurteilung der beteiligten und alles vertuschen wollenden Polizisten als ikonographisches Symbol für Polizeigewalt dient. Dass in der ersten Staffel noch John Goodman als wildgewordener Videoblogger herumwüten darf, macht die Serie zusätzlich reizvoll. Wenn TV-Serien bei aller Unterhaltung so sehr dazu anregen, sich mit zeitgeschichtlichem Geschehen auseinanderzusetzen, spricht alleine das schon für sie. Ich jedenfalls habe Tréme und seine Charaktere sehr geliebt. Allen voran den ewig scheiternden Radiomoderatoren und Musiker DJ Davis, der selbst seinen angekündigten Ausstieg aus dem Musikbusiness nicht richtig hinbekommt, weil immer was dazwischenkommt. Beispielsweise die unerwartete Schließung des Lokals, in dem er sein furioses Abschiedskonzert geben wollte. Dass er sein Megaprojekt einer New-Orleans-Oper schließlich mit dem Zorneslied "Fuck All Of You Bitches!" beenden will, aber auch hier nie dazu kommt, ist ebenfalls lustig. 



Platz Zwei: The West Wing. Martin Sheen als der Präsident der USA, so, wie das Idealbild eines Präsidenten der USA sein sollte. Sieben Staffeln lang begleiten wir Jed Bartlett und seinen Stab im Weißen Haus, erleben, wie die potentielle Wiederwahl vorbereitet und gestemmt werden muss, erleben, wie ein potentieller Nachfolger implementiert werden muss, erleben, mit welcher Intensität und Leidenschaft die Mitarbeiter sich hier reinhängen und auch mal nächtelange Überstunden in Kauf nehmen. Und wer immer schon mal verstehen wollte, was dieser "Government Shutdown" eigentlich bedeutet, den es ja nun in hübscher Regelmäßigkeit in den USA gibt, der bekommt das hier auch erläutert. Und dabei fängt alles so unprätentiös an, gleich in Folge Eins, in der der Präsident vom Fahrrad gefallen ist, wie wir erfahren. Für diese Serie, so heißt es, hat der Filmemacher Aaron Sorking das "Walk and Talk" erfunden. Tatsächlich werden die meisten Dialoge hier auf den scheinbar endlosen Fluren geführt, die durchs Weiße Haus führen, während die Kamera immer hinterhergeht und dranbleibt. Mann, was habe ich diese Serie und ihre Figuren geliebt. Natürlich ist es eine typische Sorking-Serie, sprich, sie geizt nicht an Pathos und Aufgedonnertheiten und wuchtigen Einzeilern, aber all das ergibt sich stets als dramaturgische Notwendigkeit aus dem Kontext. In Deutschland hat die Serie es nicht bis zur Staffel Zwei geschafft, eine deutsche Kopie mit dem Kanzleramt als Spielstätte ist kläglich gescheitert (Schade, eigentlich, wäre ein Reboot wert). Und wäre ich beim Shoppen in Amsterdam nicht über die erste DVD-Box gestolpert, hätte ich es mit dem West Wing gar nicht versucht. Gott sei Dank war das anders. Hoher Suchtfaktor, beinahe mein Platz Eins. 


Honorable Mentions...: Keine Hitparadenliste ohne die Kandidaten, die es beinahe ebenfalls mit hineingeschafft hätten. "Patrick Melrose" mit dem goßartigen Benedict Cumberbatch ist so ein Sonderfall. Eine nur wenige Folgen lange Miniserie, die wie ein Fear-and-Loathing-Drogentrip beginnt und dann ihren Themenbogen virtous weiter ausspannt. So erleben wir das Psychogramm eines als kleiner Junge missbrauchten Mannes und seiner Reise in die Welt der Verantwortung für andere und für sich, was vielerlei Rückschläge mit sich bringt. Grandios ist dabei vor allem der Matrix-Bösewicht Hugo Weaving als irgendwie selbst ganz besessene Vaterfigur. Nach der Serie wird man Feigenbäume nie wieder mit der alten Unbeschwertheit ansehen können wie zuvor.

Platz Eins: True Detective, Staffel Eins. Von der ersten Sekunde an liegt diese immer irgendwie lauernde Atmosphäre über allem. Ein paar Bilder und Einstellungen reichen, der Ton ist gesetzt. Höchst intensiv die Darsteller, hochkarätig besetzt das Ensemble, höchst intelligent das Drehbuch, wird hier aus der Suche nach einem Serienmörder schon bald ein Schauerstück, das auf einer tieferen Ebene immer wieder Bezüge zu H.P. Lovecraft herstellt, meistens eher versteckt, manchmal erkennbarer. Getragen von der Idee, dass das unbewusst Scheußliche in der Gesellschaft wuchert, aber versteckt, entwickelt diese Geschichte sowohl einen gewaltigen Sog wie auch eine sublime, aber dafür umso erschreckendere Tiefenwirkung. Und doch bleibt das Gezeigte immer realistisch, von einer minimalen Ausnahme, die auch eine Art Drogenrausch sein kann, einmal abgesehen. Dass die Serienmacher dabei auf jegliche übertriebene Gewaltdarstellung verzichten können, obwohl es um ziemliche Scheußlichkeiten geht - anders als andere Serienmacher, die ihr Heil im Hochdrehen der Gewaltschraube suchen -, spricht zusätzlich für die Qualität des Ganzen. Das Geschehen wird als Rückblende erzählt, so wird von Beginn an klar, dass es die Figuren auch irgendwie gebrochen hat. Eigentlich mag ich ja keine Krimis. Aber True Detective ist viel mehr als nur irgendeine Krimiserie. In nur wenigen - nämlich acht - Folgen wird eine abgeschlossene Geschichte erzählt und alles ist hier dermaßen intensiv und dermaßen packend, dass ganz klar ist: Ja, es wird weitere Staffeln geben, andere Geschichten, andere Hauptdarsteller (das was man eine "Anthologie-Serie" nennt). Aber das wird gar nicht nötig sein. Und sie werden an die Dichte und Atmosphäre dieser ersten Staffel nicht herankommen können. True Detective war eines dieser Fernseherlebnisse, zu dem ich mich erst aufraffen musste - und das mir dann den Boden unter den Füßen weggezogen hat. Unfassbar gut gemacht. Klarer Platz Eins. - Soweit meine heutige Liste. Es gibt übrigens noch ein paar Sonderfälle, die ebenfalls Erwähnung finden müssen, aber die hebe ich mir auf für einen späteren Blogbeitrag... (Gesehen als gekauftes Streamprogramm via I-Tunes).




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