Montag, 19. März 2018

So ist das Musical "Chaplin" im Theater Osnabrück in der Inszenierung des Regisseurs Christian von Götz - Knallbunter Slapstick-Abend mit trotzdem tiefgehenden Momenten (seit März 2018) - Charlie Chaplins Leben als Musical

Osnabrück - Und dann war ich wieder einmal in offizieller Mission unterwegs. Dass ich in diesem Blog gerne mal etwas über das Theater Osnabrück schreibe - weil sich dann meine zwei größten Leidenschaften auf das Vortrefflichste vereinen, das Erleben von Theater und das Bloggen -, ist vielleicht bekannt. Dass ich in offizieller Funktion gelegentlich als Vertreter der Osnabrücker Nachrichten (ON) einspringe, wenn Kollege Werner Hülsmann nicht kann, ebenfalls. Nun war es wieder einmal soweit. Es stand auf dem Spielplan: Die Premiere des Musicals "Chaplin" als deutschsprachige Erstaufführung. Und der Regisseur war mir kein Unbekannter, denn von Christian von Götz hatte ich schon einmal etwas gesehen... 

Meine paar Gedanken, die ich im Nachgang der am 10. 3. erlebten Premiere zu dem Musical verfasst habe, fanden sich in der ON-Ausgabe vom 18. März 2018 (Sonntag). Gerne würde ich hier einen Link zu der Online-Version des Artikels einfügen, aber das lässt sich wegen einer technischen Umstellung in unserem ON-E-Paper/Onlineauftritt derzeit leider nicht anbieten. Wie gut also, dass sich zumindest an dieser Stelle eine Möglichkeit bietet, den Text auch online anzubieten. Hier habe ich den Rohtext als solches hier in diesen Blog einkopiert, er findet sich unten angefügt. Und weil mich der Kollege von der Neuen OZ das in der Pause gefragt hatte, hier noch ein mir wichtiger Transparenzhinweis: 


Das Musical Chaplin am Theater Osnabrück hatte am 10. März Premiere (Szenenfotos: Jörg Landsberg/Theater Osnabrück).

Ja, es ist wahr, dass ich an der Hochschule Osnabrück mehrere Jahre lang einen Lehrauftrag für das Thema Musicalgeschichte haben durfte und die angehenden Musicalstudenten in diesem Thema unterrichten durfte (von denen eine Handvoll hier vertreten ist), was ich übrigens leidenschaftlich gern getan habe. Dennoch war ich leider gezwungen - vor allem weil meine zahlreichen Aktivitäten hier und dort mich irgendwann zu überfordern drohten und Familie und Hauptberuf ja auch jeden Tag ihre zehn bis zwölf Stunden Aufmerksamkeit erfordern  - diese Nebentätigkeit inzwischen aufgeben zu müssen. Ich bin dort also nicht mehr beschäftigt und unterrichte nicht mehr. Insofern nehme ich also das in Anspruch, was auch Kollege Werner Hülsmann zu mir sagte: "Schreib' mal ruhig da drüber, Du bist ja inzwischen nicht mehr befangen." Tatsächlich hatte ich es in den Jahren, in denen ich noch als Dozent dort tätig war, immer bewusst vermieden, über Produktionen mit Studenten darin zu schreiben - eben wegen Befangenheit... Hier also mein Artikel auch als Rohtext zum Nachlesen: 


Der Artikel aus den ON am Sonntag vom 18. 3. 2018 in seiner layouteten Version.


Chaplins Leben als knallbunte Slapstick-Groteske

Neues Musical am Theater Osnabrück: Funkelnde Glanzmomente und berührende Dramatik beim deutschsprachigen „Chaplin“-Debüt

Osnabrück (ON) – Genau zehn Jahre ist es jetzt her, dass sich das Osnabrücker Theater um die Weiterentwicklung des Themas „Musicals in Deutschland“ verdient gemacht hatte, indem es das zu diesem Zeitpunkt so gut wie nie gespielte Kleinod „Grand Hotel“ auf die Bühne holte. Und nun, eine Dekade später, steht mit der deutschsprachigen Erstaufführung von „Chaplin“ erneut ein Stück auf dem Spielplan, das der nächste Musical-Meilenstein werden könnte – oder ?

„Chaplin“ erzählt die Lebens- und Leidensgeschichte des bekannten Schauspielers, Produzenten und selbst ernannten Weltbürgers. Geschrieben vom dreifachen Tony-Award-Gewinner Thomas Meehan („Annie“, „The Producers“, „Hairspray“), wird die Geschichte jedoch dramaturgisch hier und da so zugespitzt, dass sie sich besser in ein übliches Musicalschema einfügt. Wenn Chaplin beispielsweise während der Dreharbeiten zu „The Kid“ vom Tod des eigenen Babys erfährt und sich brutal mit seiner Arbeitssucht konfrontiert sieht, ist das dramaturgisch berührend, historisch aber nicht ganz korrekt.

Sei’s drum. Knallbunt geht es hier auf der Bühne zu. Regisseur und Bühnenbildner Christian von Götz – zum ersten Mal in Osnabrück im Einsatz – lässt das komplette Musical in einem grotesken Slapstickmodus abschnurren, so als sei es einer der frühen Chaplin-Filme. Nur an wenigen dramatischen Wendepunkten gönnt sich die Regie eine Auszeit von der extravaganten Überzeichnung. Kostümbildnerin Sarah Mittenbühler unterstreicht das Geschehen in einer farbenreichen Ausstattungsorgie – die bei dem meist eher kargen Bühnenbild besonders knallig zur Geltung kommt.


(Jörg-Landsberg-Foto/Theater Osnabrück)

Von Götz hatte in Oldenburg vor rund zwölf Jahren das Kreuzfahrtmusical „Anything goes“ in mehrfacher Hinsicht versenkt, ließ er doch den zweiten Akt in einem vermeintlich untergegangenen Schiffskörper spielen und seine Darsteller mit einem ständigen „Blubb Blubb“ in jedem zweiten Satz das Publikum nerven. Auch „Chaplin“ ist nicht immer befreit von solcherlei Albernheiten – und doch beweist von Götz eindrucksvoll, dass er auch tiefergehender inszenieren kann- Wie er hier immer wieder Charlie Chaplin als reale Figur und Chaplins „Tramp“ als Kunstfigur auftreten lässt, manchmal wie eine Einheit miteinander verzahnt, manchmal wie zwei Figuren aus zwei verschiedenen Welten, die erst wieder zueinander finden müssen, sorgt für Gänsehautmomente und Bilder von einer poetischen Kraft.

Hauptdarsteller Mark Hamman zeigt als Charlie Chaplin überzeugend die inneren Konflikte, die die komische Figur des Tramps immer weiter von der tragischen Figur des Lebens entfernen. Verena Hierholzer gibt dazu ein brillantes Tramp-Imitat inklusive stummfilmisch überdrehten Minenspiels.

Der zweite Kapellmeister An-Hoon Song tut sein Bestes, um die Kompositionen von Christopher Curtis mit dem hiesigen Orchester zum Glänzen zu bringen – filmmusikalischer Schmelz und jazzige Finesse lassen die Musik in einigen Glanzmomenten funkeln. Ensemblenummern wie „Leben kann wie ein Film sein“ werden so zum fetzigen Ohrwurmgaranten und zum Augenschmaus (gespielt wird erstmals die neue deutsche Übersetzung von Nico Rabenald).

Ansonsten ist hier beinahe alles an Personal drin, was das Musiktheater hergeben kann. 
Die durch neun Musical-Studenten der hiesigen Hochschule (vom Institut für Musik) und weitere Gäste verstärkte Darstellerriege sorgt für eine rasante Show, in deren besten Augenblicken die Grenzen zwischen Profis, Studenten, Choristen und Statisten verschwimmen (wenn auch nicht immer). Die flotte Choreografie von Kerstin Ried tut ihr Übriges dazu, um für den nötigen Musical-Schwung zu sorgen.

Im zweiten Akt verliert das Musicalvehikel indes an Tempo. Komponist Curtis schichtet Ballade auf Ballade und Reprise auf Reprise, ohne dass ihm allzu viel Erinnungswürdiges eingefallen wäre, und Regisseur von Götz macht aus der bösartigen Klatschreporterin Hedda Hopper eine allzu überdrehte Karla Kolumna aus dem Intrigantenstadl der Comic-Hölle.

Dass die Autoren zudem auf die viel hübscheren Kompositionen von Charlie Chaplin selbst verzichten mussten – „Smile“ wäre gesetzt für so ein Theaterstück – tut dem ganzen Werk nicht immer gut. Und doch kriegt das Musical die Kurve – die dramatischeren Szenen rund um den „Großen Diktator“ und Chaplins Auszug aus den USA gehen zu Herzen. Das Leben kann manchmal ja wirklich – wie ein Film sein …!

Die nächsten Aufführungen:  Das Musical ist seit Herbst 2018 ausgespielt, eine weitere Wiederaufnahme ist nicht geplant.

Transparenzhinweis: Besuch der Aufführung durch Pressekarten, freundlicherweise vom Theater zu ON-Rezenionszwecken zur Verfügung gestellt.Besuchte Vorstellung: Premiere, 10. 3. 2018

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