Samstag, 5. Mai 2018

Trotz aller Kritik: Gefangen im Sog der Filmmusik - der Dokumentarfilm „Score“ ist eine Huldigung des Genres – Viele Experten sagen jedoch: Die Filmmusik steckt tief in einer massiven Krise

Osnabrück - Der Filmmusik geht es gerade nicht besonders gut, sagen Experten. Für die Osnabrücker Nachrichten (ON) habe ich mich jetzt anlässlich der DVD-Veröffentlichung des Dokumentarfilms "Score" wieder intensiver mit einem alten und seinerzeit sehr geliebten Hobby beschäftigen dürfen - immerhin habe ich eine meiner ersten öffentlichen journalistischen Tätigkeiten, die Radiosendung "Film Score", Mitte der 90er diesem Thema widmen dürfen.... Und inzwischen ist mir auch klar geworden, warum mich die heutige Filmmusik immer weniger anspricht, aber dazu später mehr. In einem späteren Blogbeitrag werde ich das Thema auf jeden Fall noch vertiefen, noch andere Experten zitieren, hier aber erstmal, sozusagen, der Einstieg.

Meine paar Gedanken, die ich zum Film und zur aktuellen Lage der Filmmusik als Genre veröffentlichen durfte, fanden sich in der ON-Ausgabe vom 6. Mai 2018 (Sonntag). Gerne würde ich hier einen Link zu der Online-Version des Artikels einfügen, aber das lässt sich wegen einer technischen Umstellung in unserem ON-E-Paper/Onlineauftritt derzeit leider nicht anbieten. Wie gut also, dass sich zumindest an dieser Stelle eine Möglichkeit bietet, den Text auch online anzubieten. Hier - unten angefügt - habe ich also den Text des Artikels in diesen Blog einkopiert....

So sah er aus: Der Artikel in den Osnabrücker Nachrichten (ON) vom 6. Mai 2018. 

Trotz aller Kritik: Gefangen im Sog der Filmmusik

Dokumentarfilm „Score“ erscheint am 9. 5. auf DVD als Huldigung des Genres – Viele Experten sagen jedoch: Die Filmmusik steckt tief in der Krise


Osnabrück (ON) – Natürlich begann alles mit „E.T.“ – diese inzwischen ikonografisch gewordene Filmszene, in der die jungen Helden mit dem außerirdischen Runzelmännchen im Korb auf ihren BMX-Rädern vor der Staatsgewalt flüchten und dann vor der untergehenden Sonne auf den Fahrrädern durch die Lüfte fliegen – untermalt von dieser unfassbar unbeschwerten und schwebenden Musik, die noch lange im Kopf bleibt. „Flying“ von John Williams, einem der Altmeister der Filmmusik. In den 80ern auch als Single auf Vinyl veröffentlicht, war es für damals aufwachsende Filmfreunde ein guter Einstieg nicht nur in die Filmmusik, sondern in viel mehr als das.

Wenn am 9. 5. (Mi.) der Dokumentarfilm „Score“ des amerikanischen Journalisten Matt Schraders (30 Jahre alt) auf DVD erscheint, liegt damit auch fürs Heimkino dieser filmische Versuch vor, die ganze Geschichte der Filmmusik auf 90 Minuten herunterzubrechen. Von den Anfängen rund um „King Kong“ und Max Steiner, rund um Bernhard Herrmann und seiner „Psycho“-Sequenz bis zu den modernen Digital-und-Real-Verschmelzungen eines Hans Zimmers oder den avantgardistischen Tönen eines Trent Renznors. Wir sehen Komponisten bei ihrer Arbeit im Studio mit großen Orchestern, wir sehen sie aber auch, wie sie auf der Suche nach originellen Klängen allerlei wirre eigene Musikinstrumente zusammenbauen wie Marco Beltrami mit einer technisch manipulierten Kalimba für den Thriller „The Gunman“, wir sehen sie beim Komponieren am Klavier und in zahlreichen Interviews.


Ein Mann, ein Orchester: Hans Zimmer hat die Arbeit mit digitalen Musikelementen eingeführt und damit das Genre auf den Kopf gestellt (Filmstill aus "Score").

Für einen in den 80er Jahren medial sozialisierten Filmfan ist das alles gefundenes Fressen. War der „E.T.“-Soundtrack seinerzeit eine der ersten selbst gekauften Platten, später auch im LP-Format, gehörte vor allem die Musik zur ersten „Star-Wars“-Trilogie zum Aufwachsen unbedingt dazu. Dergestalt geprägt, war es ein logischer Schritt, mit einer eigenen Radiosendung über Filmmusik den ersten Schritt in das mediale Selbermachen und in die journalistische Zukunft zu wagen. Zu einer Zeit, in der der heute gefeierte Hans Zimmer seine ersten Hollywood-Arbeiten vorlegte wie die bahnbrechende Musik zu „Crimson Tide“ oder „Backdraft“.

Alle großen Helden von damals finden nun auch in „Score“ Erwähnung. Zu Recht wird der inzwischen verstorbene Jerry Goldsmith dort ebenso gefeiert wie John Williams, dessen Verdienst es war, dem vom minimalistischen Stil geprägten „New Hollywood“ in den späten 70er Jahren einen klassisch-romantischen Orchesterklang entgegenzusetzen und die Filmmusik damit auf ihre zweite Evolutionsstufe zu heben.

Die Dokumentation – übrigens via Crowdfunding finanziert – grenzt dabei ans Superlativistische, was ihr nicht immer gut tut: 42 Komponisten kommen zu Wort. Sogar Ex-Michael-Jackson-Produzent Quincy Jones. Oder Danny Elfman, Danny Newman, Rachel Portman, Howard Shore, aber auch der neuerdings als Zukunftsvisionär gefeierte Alexandre Desplat („Valerian“), dem von Fans die Fähigkeit bescheinigt wird, Hollywood aus der aktuellen Verhanszimmerisierung herauszuführen..

Dass in der reichen Fülle des Materials vieles nur angerissen werden kann; dass der Film versucht, so ziemlich jeden aktiven und vormals bekannten Komponisten irgendwie unterzukriegen, ist sowohl sein Verdienst wie auch sein Fluch – manches Mal hat der Zuschauer den Eindruck, dass Matt Schrader und sein Team in der Flut des Zeigbaren ein wenig untergegangen sind. Manches kommt doch ein bisschen gehetzt daher. Unterhaltsam ist es indes immer.

Kritiker haben dem Film vorgeworfen, dass er alleine dazu diene, Filmmusikern eine Plattform zum Sich-selbst-Beweihräuchern zu liefern.


Musikaufnahmen bei 20th Century Fox - viele Techniker, viele Musiker und ein total effizient gestalteter Produktionsprozess machen die Arbeit nicht immer leichter  (Filmstill aus "Score"). 

Das verkennt jedoch, wie aufregend es für einen ehemals der Filmmusik verfallenen Musikfreund ist, Einblicke in die „Heiligen Hallen“ wie den Tonstudios in London oder Los Angeles zu bekommen oder einem nur durch ihre Musik bekannte Komponisten einmal selbst erleben zu können.

Wobei besagter Neumeister Hans Zimmer mit seinem weinroten Samtjackett und den farbigen Ringelsocken eine bemerkenswert gut gepflegte Exzentrik an den Tag legt – andererseits ist er der Einzige, der die Zuschauer an den inneren Unsicherheiten und Irritationen eines solchen Schaffensprozesses teilhaben lässt. Vor lauter „Horror Vacui“ habe er selbst schon einmal gedacht, jetzt müsse er die Produzenten anrufen und sagen: „Fragt besser John Williams“, berichtet er.

Dass die Musik immer die Seele des Films ist, wird mehrmals gesagt. Aber Filmmusik ist ja noch mehr als das. Beispielsweise ein gut geeignetes Einstiegstor in die Welt der Klassik. Also als Reise hin zu ihren Inspirationsquelle. Wer sich in den 80ern für die Musik von „Star Wars“ oder „E.T.“ oder später auch „Harry Potter“ interessierte, ist oftmals diesen Weg gegangen. Und hat dann Erstaunliches entdecken können – denn es war ja alles schon da....

Man nehme beispielsweise einige der für die Charaktere der Star-Wars-Filme erfundenen Leitmotive eines John Williams‘ – manche davon ähneln doch sehr stark den Motiven, mit denen Richard Wagner die Figuren seines Ring-des-Nibelungen-Kosmos ausstattete (man vergleiche einmal das Luke-Skywalker-Thema mit dem des Siegfrieds). Überhaupt ist Williams‘ musikalische Technik, über die Leitmotive schon kommende Entwicklungen anzudeuten, die der Film noch gar nicht gezeigt hat, original Wagner. Und wer das Liebesmotiv von Han Solo und Prinzessin Leia aus „Star Wars – A New Hope“ mag, sollte es mal mit Tschaikowskis einem und einzigem Violinkonzert versuchen, das ebenfalls die Blaupause dazu lieferte, wenn auch in schnellerem Tempo. Chopin und Prokofjiev, Holst und Strauß (also. Richard) sind weitere Vorbilder dieser oft so wohlig in der Spätromantik badenden Filmmusik. Wer in ihren Kosmos eintaucht, entdeckt über die Klassiker einen Generationen überspannenden Hintergrund.

Und während Klassik-Enthusiasten noch darüber diskutieren, ob man Filmmusik überhaupt zu diesem Genre dazuzählen dürfe, schaffen Sender wie das Klassik-Radio oder NDR Kultur einfach Fakten, indem sie beides nebeneinander spielen, angepasst an die Durchhörvorgaben des Formatradios zu pressen.

Von alledem sehen und hören wir in „Score“ natürlich nichts. Zudem bleibt der Film rein Hollyood-orientiert,von einem minimalen Ausflug in Richtung Ennio Morricone einmal abgesehen. Noch so ein Kritikpunkt, an dem sich viele deutsche Rezensenten abgearbeitet haben. Teilweise zu Recht: Dass es gerade deutsche Komponisten waren, die nach ihrer Flucht vor den Nazis die romantisch orientierte Filmmusik der 40er Jahre auf ein neues Qualitätsniveau heben konnten wie Franz Wachsmann oder Erich Wolfgang Korngold (dessen „Kings Row“ erkennbar die Vorlage zur Star-Wars-Titelmusik gewesen ist), dass es deutsche Popmusiker wie Harold Faltermeyer waren, die in den 80er Jahren auch eine Abkehr vom Sinfoniesoundtrack herbeiführten, dass auch in Europa Filmmusiken mit durchschlagender Erfolgskraft geschaffen wurden und werden („Die fabelhafte Welt der Amelie“, „Das Boot“, etc.), findet keine Erwähnung. Oder dass ausgerechnet in Wien einmal im Jahr in Form eines großen „Hollywood in Vienna“-Konzertes der aktuellen Filmmusik gehuldigt wird.

Nun denn, angesichts der Reichhaltigkeit des Gezeigten mag man darüber hinwegsehen. Bedauerlich ist indes, dass die Dokumentation so gar keine kritischen Untertöne zulassen mag. Denn dass die Filmmusik derzeit massiv in der Kritik steht, dass Experten wie der Video-Essayist Tony Zhou dem Genre attestieren, tief in der Krise zu stecken, spart Matt Schrader sicherheitshalber ebenfalls aus. Zwar sehen wir an einer Stelle – als Archivmaterial –, wie sich Filmemacher Steven Spielberg über ein von John Williams am Klavier vorgespieltes Motiv freut – aber das ist schon längst nicht mehr die Realität im filmischen Schaffensprozess.

Seit nämlich der Komponist Hans Zimmer mit digitalen Orchesterparts arbeitet – und damit die ganze Branche auf den Kopf gestellt hat – verlangen die Regisseure den fertigen Soundtrack oft als so genanntes Mock Up bereits vor seiner finalen Fertigstellung. Also bevor echte Streicher und ein echtes Orchester als Unterstützung des digital vorab produzierten Sounds aufgenommen werden können. Was dann zuweilen gar nicht mehr geschieht.

Oder die Methode, alte Filmmusiken anderer Komponisten als „Temp Tracks“ unter die erste Schnittfassung eines Films zu legen, bevor der Komponist etwas Neues erfinden kann. Dann sind die Regisseure oft so sehr in die Temp-Tracks verliebt, dass die neu zu schaffende Filmmusikbesser genauso klingen soll. Die Folgen davon sind hörbar...: 


Eine Produzentenlegende, der vom Jazz zum Pop zum Weltmeister wurde, unter anderem Michael Jackson produzierte, aber auch Filmmusik schrieb: Quincy Jones (Filmstill aus "Score").

Alle Filme klingen heute gleich, alle klingen nach der immer wieder neu belebten Hans-Zimmer-Formel – dröhnende Mollakkorde, wummernde Schlagzeugsektionen und rein rhythmisierende Streicher wie Gitarrenriffs. Aber: Beliebig und austauschbar, ohne die memorablen Qualitäten eines Star-Wars-Ohrwurms – eine rein auf die Funktion reduzierte Gesamtmasse.

Was sicher auch daran liegt, dass Zimmer nicht alleine, sondern mit seiner selbst gegründeten Firma „Remote Control Productions“ die meisten aller Blockbuster bespielt – und die hier in der Dokumentation gezeigten Komponisten Steve Jablonsky oder Henry Jackman mischen bei dieser Firma munter mit, was die Doku ebenfalls verschweigt.

Bereits über sechs Millionen Mal aufgerufen worden ist inzwischen das YoutubeExperiment des Film-Enthusiasten und auch als Sprecher arbeitenden Tony Zhou mit dem Namen „The Marvel Symphonic Universe“ – er fragte Passanten in Vancouver, ob sie ihm irgendeine Melodie aus einem Marvel-Film vorsingen könnten. Und keinem fällt eine ein. Aber ersetzt man „Marvel“ einmal durch „Star Wars“ oder „Harry Potter“, fällt allen Gefragten etwas ein. Hätte man stattdessen „E.T.“ genommmen – wäre das auch so gewesen. Bestimmt.

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