Mittwoch, 21. Juli 2021

Etwas hat gefehlt, Part 2. Warum die Pandemie einen so demütig gemacht hat und was das mit dem 45-jährigen Geburtstag der Blues Company zu tun hat (einem der erfolgreichsten Osnabrücker Exportprodukte überhaupt)

Osnabrück - Brauchen wir ja gar nicht drüber zu reden: Kalendersprüche sind das. Zu sagen: Du verstehst nicht, was Dir einst fehlen wird, solange es noch da ist. Zu hören: Die Sehnsucht will immer das, was es gerade nicht gibt. Und doch ist es eine neue und bemerkenswert intensive Erfahrung, jetzt zu spüren, wie demütig einen die Coronapandemie so gemacht hat. Und was uns tatsächlich alles gefehlt hat. Durch eine belebte Innenstadt schlendern zu dürfen, durch die die Menschen gutgelaunt hindurchspazieren, geöffnete Geschäfte, Straßencafés, Restaurants. Alles nicht selbstverständlich, wie inzwischen gelernt. Oder: Ein Rockkonzert besuchen zu dürfen. Meinetwegen auch ein Blueskonzert, so wie beispielsweise das der "Blues Company" beim Hafensommer 21 in Osnabrück am 18. 7. 2021, zu dem wir später noch kommen werden; whatever, hauptsache live und mit E-Gitarren. Überhaupt, E-Gitarren.

Ein laues Lüftchen, ein bisschen Sonne, ein kühles Bier und gute handgemachte Musik. Das war das Wunschbild, das vor dem inneren Auge aufpoppte, als die ersten Ankündigungen veröffentlicht wurden: Es würde Livekonzerte im Hafen von Osnabrück geben, auf einer Außenbühne. Alles coronakonform. Alles echt. Kein Streaminggedöns, kein Bildschirmstarren, keine virtuelle Weltenverkachelung, sondern endlich mal wieder Livemusik, vor Deinen Augen gespielt - und es war klar: Das muss erlebt sein. Blieb bloß die spannende Frage: Ob sich die Vision wohl so erfüllen würde wie erhofft? Auch bei einem Konzert der "Blues Company"? 

Hättest Du mich vor der Coronapandemie gefragt, was mir wohl am meisten fehlen würde, wenn einmal alle Kulturangebote auf einmal geschlossen werden müssten - und wie bizarr und unvorstellbar ist einem das einmal vorgekommen, sogar noch im Februar 2020 -, ich hätte vermutlich gesagt: Theater und Sinfoniekonzert. Schauspiel, gewiss, Musiktheater, noch mehr. Mahler, Bruckner, Sibelius, Verdi, oh Mann, Verdi, Puccini, natürlich Wagner. Dann war es soweit, trotz allem sehr unerwartet, und, siehe da, was mir am meisten fehlte, war etwas ganz anderes: Schwitzend im Pulk mitzuwippen zum Bass-Gitarren-Trommel-Wirbelwind eines Rockkonzerts. Livemusik, die Dir laut und treibend direkt in die Seele fährt. Immerhin, ich hatte Glück.

Musik erleben - bitte nur daheim. Alles bitte nur daheim (Foto: Achenbach).

So hatte ich im März 2020 zufälligerweise einen guten alten Prog-Rock-Genossen gleicher musikalischer Gesinnung getroffen, mitten in den ersten Wochen dieses Alles-muss-geschlossen-werden-geht-heim-wir-verrammeln-alle-Türen-Wirrwarrs, der mir das - mir noch nicht geläufige - Doppelalbum "Snow live" von Spocks Beard wärmstens ans Herz legte. Okay, guter Tipp, Danke. Sehr guter Tipp, übrigens. Das genaue Gegenteil vom Blues, allerdings. Zwei CDs mit je einem durchgehenden großen Track drauf, epischer, live gespielter Konzeptrock, ein Doppelalbum, das eine Geschichte erzählt, große musikalische Bögen, Zwischenspiele, starke Melodien, raumgreifende Soli. Zwar nur als Konserve verfügbar (und übrigens nicht über Spotify), entpuppte es sich als eine Musikerfahrung, deren Intensität mich in jeder Hinsicht durch die Coronazeit getragen hat. Trotzdem blieb das alles hart genug. 

Im Oktober 2020 die letzte Übernachtung in einem Hotel in Freiburg. Sogar im Freien mussten plötzlich Masken getragen werden. Und dann... - Ferien vorbei und wieder alles zu. Ende Oktober ging das Drama wieder los, in unserem Umfeld schon früher als andernorts. Wir hatten Glück, immerhin. Nur ein Kind. Nur Grundschule, nur Erste Klasse. Immerhin Wechselunterricht. Alle 14 Tage also eine garantierte Betreuung bis immerhin 12.45 Uhr, immerhin fünf Tage lang. Immerhin, immerhin, immerhin. Andere hatten es schwerer. Anstrengend war es dennoch, frag nicht nach Sonnenschein. Fast zehn Monate lang, von Ende Oktober bis Ende Juli, haben wir also brutal durchgezogen. Haben versucht, Lehrer zu sein für unsere Tochter (ich habe gelernt: Ein guter Lehrer werd' ich nicht mehr, ja, wäre ich auch nie geworden). Haben stets für eine möglichst reibungslose Kinderbetreuung gesorgt - oder für irgendeine Betreuung, zur Not halt mit Reibung. Haben alles andere irgendwie drumherum organisiert. Haben an den Wochenenden gearbeitet, jeden Sonntag wenigstens einer von uns, auch an vielen Samstagen. Haben Urlaubstage nur genommen, damit wir die Home-Schooling-und-Home-Office-und-zwei-Erwachsene-und-vier-Jobs-plus-das-Kind-daheim-Organisation gestemmt bekommen haben. Haben unsere ganze Welt ins Drinnen verlagert und ihre Grenzen immer enger gezogen, bis die komplette Außenwelt nur noch in Form kleiner Computerkacheln in unser Leben hineingezoomt kam. 

Kacheln. Nix als Kacheln ( Foto: Lynette Coulson, Pixabay.com, CC-0-Lizenz).

Der Sound der Coronapandemie? Das kratzige Scheppersprech einer über schwache Laptoplautsprecher übertragenen Digitalkonferenz. Gruselig. Vor lauter Home-Everything haben wir irgendwann einfach vergessen, dass es da draußen ja eine Welt gibt, die einem auch mal etwas anderes geboten hatte als nur all das. Und es war ein Stück egal geworden. Was zählte, war allein das Durchkommen. Die Sehnsucht will immer das, was es nicht gibt? Ach bitte, hör mir auf. Selbst für Sehnsucht kann man zu müde sein. Waren wir mehr als nur einmal.

Aber mittendrin in dieser Zeit dann: der Juni 2021. Die Inzidenz, dieser neue Taktgeber gesellschaftlichen Friedens und Wohlbefindens, sank plötzlich auf unter Zehn. Unter Zehn! Plötzlich wieder eine ganz normale Schule, Ganztag, und endlich die Möglichkeit, das viele Liegengebliebene unter die Lupe zu nehmen - und die Scherben des Lebensentwurfs, den es vor den Schließungen einmal gegeben hatte. Sogar für die Steuererklärung blieb etwas Zeit. Und im Internet die Ankündigung, die all diese Visionen befeuerte: Laues Lüftchen, handgemachte Musik, kühles Bier, beschwingtes Draußensein. Der Hafensommer lockte. Sich Karten zu kaufen für ein Konzert der Osnabrücker "Blues Company"... - hättest Du mich vor der Pandemie gefragt, ob ich das jemals nochmal tun würde in meinem Leben, hätte ich das vermutlich verneint. Zwar war die "Blues Co." eine der ersten live auf der Bühne erlebten Bands überhaupt in meinem Leben - da war ich, glaube ich, 15? Oder 16? -, zwar bin ich überzeugt von der professionellen handwerklichen Qualität dieses Klangkörpers, aber dennoch war es meistens ausreichend, die Kombo beim jährlichen Osnabrücker Stadtfest (der Maiwoche) kostenlos zu erleben. Falls es nicht wieder so arg regnet. Also: Karten kaufen für die "Blues Company"? Ach, naja, da muss die Not aber besonders groß sein.

Das Areal vom Hafensommer 21, es spielt die Blues Company (Achenbach-Handyfoto).

Bis die Not dann besonders groß war. Und sich das Kartenkaufen für ein Draußenkonzert der "Blues Company" als eine der besten Entscheidungen dieses ganzen bisherigen Jahres erweisen sollte. Nicht alleine, weil das Wetter mitspielte, sondern vor allem, weil ich einen Abend erleben sollte, der mir diese neue Demut erneut als etwas ungemein Bereicherndes demonstrierte. Alles da: Laues Lüftchen, Check, etwas Sonne, Check, kühles Bier, vor allem aber handgemachte Musik, sogar mit dem vollen Besteck inklusive zweier Bläser, den "BC Horns", einem doppelt bestückten weiblichen Backgroundchor, den "Soul Sisatz", und natürlich mit der Kernmannschaft rund um Todor Todorovic, den die Osnabrücker ganz freundschaftlich nur als "Toscho" anreden, und Mike Titré. 

Das Hafenareal als Konzertarena ist super. Die Bierbänke sind locker gestellt, hier herrscht kontaktreduzierte Luftigkeit statt drangvoller Enge, eigentlich sehr angenehm. Am Bierwagen bildet sich eine disziplinierte Schlange statt des schlechtgelaunten Drängelns an jeder verfügbaren Thekenkante, auch sehr angenehm. Vom Hafen selbst sieht man gar nicht mehr soviel, wenn man erstmal durchs Vorzelt im eingezäunten Konzertbereich angekommen ist, aber der Weg dorthin ist eindrucksvoll, zumal die neuen fetten Containerkräne eine für Osnabrücker Verhältnisse ganz ungewohnte Weltengewandtheit vermitteln. Um 18 Uhr ging es los, um 20.30 Uhr, Punkt, muss Schluss sein. Ihr wisst schon, die Auflagen und so, heißt es lapidar zur Begründung, und auch wenn man sich fragt, wer sich hier eigentlich gestört fühlen könnte außer vielleicht den neuen Kränen, ist das rein aus Elternsicht mit einem stets vor 6 Uhr wach werdenden Kind der optimalste Zeitraum für ein Konzert. Kurzum: Perfekte Rahmenbedingungen, das passt alles. Da wird selbst ein ganzer Abend Bluesmusik - eine an sich ja sehr formale, sehr schematische und innerhalb ihrer eigenen Grenzen letztlich wenig variantenreiche Form von Musik, trotz der teils virtous gespielten Soli - zu etwas besonders Reizvollem. Wohltuender Randaspekt: Zu merken, wie lebensbegleitend die "Blues Company", die hier ihren 45. Geburtstag feiern durfte, für mich in meinen ersten 45 Lebensjahren gewesen ist. 

Dass Toscho einer der ersten Interviewpartner meiner journalistischen Laufbahn gewesen ist, damals noch für die Schülerzeitung; fast vergessen. Dass die gesamte "Blues Company" in einer der ersten Radiosendungen zu Gast war, die ich mitmoderieren und mitgestalten durfte, bei den ebenso grenzensprengenden wie verückten "P-Nuts" im Lokalfunk; fast vergessen. Dass sie dort im Radiostudio sogar live gespielt haben. Was wir damals alles auf die Beine gestellt haben. Irre. Fast vergessen. Dass ich Toscho einige Jahre später noch einmal interviewen durfte, über seine Leidenschaft für Armbanduhren, damals für das von mir mit entwickelte Luxusmagazin der Neuen Osnabrücker Zeitung; fast vergessen.  

Nach dem Konzert und von der Seite fotografiert - im Zelt ist das Front Of House.

Und dass es starke Songs wie "Red Blood" waren - gehört zur Setlist an diesem Sommerabend! -, starke Platten wie die "Damn! Let's Jam!", die mich musikalisch eine lange Zeit begleitet haben, dass das einmal wichtige Markierungspunkte meines Aufwachsens und Erwachsenwerdens waren - lange nicht mehr dran gedacht. Dass wir also wieder zueinandergefunden haben, ich während meines Lebensjahrs als 45-Jähriger und die "Blues Company" bei ihrem 45-Jährigen - dort hinein könnte man ein "Kann ja kein Zufall sein"-Momentum reininterpretieren. Wenn man esoterischer veranlagt wäre als ich es bin. Aber auch ganz ohne all diese Aufladung: Es war einfach ein phantastischer Abend. Punkt, Ende, Aus.

Klar sind das Kalendersprüche. Dieses: Du merkst nicht, was Dir alles fehlt, solange es noch da ist. Oder das: Die Sehnsucht will immer das, was es gerade nicht gibt. Aber wie für jede Binsensweiheit gilt: Darin steckt ein wahrer Kern. Wenn es einmal unerreichbar gewesen ist und dann zu Dir zurückkehrt, dann nimmst Du es anders wahr als zuvor, ein wenig zärtlicher, staunender, dankbarer, dann flüstert es sich liebevoll in Dein Seelengedächtnis hinein und wächst dort heran. Und Du weißt: Davon kannst Du eine Weile zehren.

Wirst Du wahrscheinlich auch müssen.

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Gute Trilogien haben vier Teile. Diese hier sind:

- Teil 1 - Ohne Schreiben geht's ja doch nicht

- Teil 2 - Demut, Sommerwind und Hafenblues bis 20.30 Uhr.

- Teil 3 - Scheiß auf den Regen, alles mitnehmen, was geht.

- Teil 4 - Pink Floyd, Coverbands, ein erhoffter Moment der Befreiung.


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Thomas Achenbach, Jahrgang 75, Redakteur, Dozent, Blogger, Rockmusik-, Theater- & Opernenthusiast, bloggt hier über Kultur in all ihren Facetten. Rockmusik oder Arthousekino, Oper oder Literatur, Bühne oder Bücher, TV-Serie oder Sinfoniekonzert. Außerdem Angehörtes von Konserve und Empfehlenswertes. Und was ihm so einfällt. 

Achenbach ist u. a. als Dozent und Vortragender in der Erwachsenenbildung aktiv - zu Themen aus Presse, Kultur oder Trauer. Zudem steht als zertifizierter Trauerbegleiter zur Verfügung. Von 2010-2018 hatte Achenbach einen Lehrauftrag an der Hochschule Osnabrück zum Thema "Musicalgeschichte /  Theatergeschichte" am Institut für Musik inne.

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